{"id":1503,"date":"2017-12-03T17:19:21","date_gmt":"2017-12-03T15:19:21","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=1503"},"modified":"2020-01-03T21:56:47","modified_gmt":"2020-01-03T19:56:47","slug":"schoene-frauen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=1503","title":{"rendered":"Sch\u00f6ne Frauen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Freund Andreas riet mir k\u00fcrzlich zum Kauf und zur sofortigen Lekt\u00fcre von Dennis Lehanes B\u00fcchern &#8222;In der Nacht&#8220; und &#8222;Das Ende einer Welt&#8220;. Seine Email endete mit den dringlichen Worten:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;Vertrau mir!&#8220;<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Vertrauensvoll tat ich also wie befohlen, kaufte beide B\u00fccher, las sie rasch hintereinander und wurde tats\u00e4chlich nicht entt\u00e4uscht. Ich freute mich an guten Plots und dem lebendig beschriebenen Mafia-Milieu in Boston und Florida w\u00e4hrend der Prohibition. Der Autor kann offensichtlich, was er tut.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Was er allerdings besser vielleicht lassen sollte, ist die Finger von sch\u00f6nen Frauen. Denn die Beschreibungen der weiblichen Hauptfigur Emma Gould im Roman &#8222;In der Nacht&#8220; lesen sich &#8211; zumindest in der deutschen \u00dcbersetzung &#8211; oft ein bi\u00dfchen aua.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ich zitiere einige Stellen in chronologischer Reihenfolge:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;Dann durchquerte sie den Raum, eine junge Frau in seinem Alter, um die zwanzig, mit Winteraugen und so blasser Haut, das er darunter beinahe ihre Adern und das Gewebe sehen konnte.&#8220; (12)<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;&#8230;doch das M\u00e4dchen zuckte nicht mal mit der Wimper, w\u00e4hrend hinter ihren dezembergrauen Augen helle Flammen zu lodern schienen.&#8220; (12)<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;Ihre hochgezogene Augenbraue hatte dieselbe Farbe wie ihr Haar, das wie angelaufenes Messing schimmerte und weich wie Hermelin aussah.&#8220; (15)<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;Die ganze Fahrt \u00fcber wollte sie Joe nicht aus dem Kopf gehen. Ihre H\u00e4nde waren weich und trocken gewesen, die Handfl\u00e4chen klein und rosa, die Venen an ihrem Handgelenk violett. Hinter dem rechten Ohr hatte sie einen Leberfleck, hinter dem linken Ohr keinen.&#8220; (18)<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;&#8230;doch pl\u00f6tzlich erhaschte er einen Blick auf ihr karamellfarbenes Haar&#8230;&#8220; (26)<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;Sie wirkte v\u00f6llig unnahbar, hatte sich hinter einer Maske aus K\u00e4lte und Sch\u00f6nheit verbarrikadiert.&#8220; (26)<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;Er starrte auf ihr Ohrl\u00e4ppchen. Es sah aus wie eine Kichererbse, nur weicher.&#8220; (33)<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;Hinter Emmas hellgrauen Augen, ihrer fast transparenten Haut verbarg sich ein Wesen, das sich in eine Ecke seines K\u00e4figs zur\u00fcckgezogen hatte.&#8220; (41)<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;In diesem Licht war ihre Haut hell wie der Alabaster an den W\u00e4nden, und sie wirkte einsam, in sich versunken, als bedr\u00fccke sie ein stiller Kummer.&#8220; (98)<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die m\u00e4nnliche Hauptfigur Joe und die weibliche Hauptfigur Emma verlieren sich im Laufe des Romans aus den Augen. Nach einigen Jahren aber und hunderten von Seiten entdeckt er sie auf einem Foto:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;Eine Frau mit sandfarbenem Haar und dezembergrauen Augen.&#8220; (481)<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Schlie\u00dflich begegnen sich die beiden auf Kuba auch pers\u00f6nlich wieder:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;Man konnte nicht sagen, dass die Jahre sie gezeichnet h\u00e4tten, doch waren sie auch nicht eben gn\u00e4dig mir ihr umgegangen. Sie sah aus wie eine sch\u00f6ne Frau, die von ihren Lastern nicht wiedergeliebt worden war, wie eine Frau, deren Faible f\u00fcr Zigaretten und Alkohol deutliche Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen hatte. Um ihre Augen hatten sich Kr\u00e4henf\u00fc\u00dfe gebildet, und die harten Linien um ihren Mund waren nicht zu \u00fcbersehen. Trotz der schw\u00fclen Hitze wirkte ihr Haar spr\u00f6de und trocken.&#8220; (561 f.)<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ich fasse zusammen:\u00a0Emmas karamellfarbenes Haar, einstmals weich wie Hermelin und schimmernd wie angelaufenes Messing, ist nunmehr sandfarben, spr\u00f6de und genauso trocken wie ihre kleinen, rosa Handfl\u00e4chen. Die dezembergrauen Winteraugen, hinter denen fr\u00fcher helle Flammen loderten, von alabasterfarbenen Kr\u00e4henf\u00fc\u00dfen umstellt. Zu bef\u00fcrchten ist, da\u00df auch Emmas Ohrl\u00e4ppchen nach all den Jahren h\u00e4rter sind\u00a0als Kichererbsen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ich will mich gar nicht lustig machen \u00fcber Dennis Lehane, sondern nur an seinem Beispiel zeigen, wie schwer es auch professionellen Schreibern f\u00e4llt, Sch\u00f6nheit in Worte zu fassen. Eine Erkenntnis, die ich in einem kleinen Gedicht zu b\u00fcndeln versucht habe:<\/p>\n<p><strong>Von der Sch\u00f6nheit <\/strong><\/p>\n<p>Ich hab mal eine Frau gesehn \u2013<br \/>\nwie soll ich die beschreiben?<br \/>\nSie war so unbeschreiblich sch\u00f6n<br \/>\n\u2013 ich la\u00df es lieber bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Freund Andreas riet mir k\u00fcrzlich zum Kauf und zur sofortigen Lekt\u00fcre von Dennis Lehanes B\u00fcchern &#8222;In der Nacht&#8220; und &#8222;Das Ende einer Welt&#8220;. Seine Email endete mit den dringlichen Worten: &#8222;Vertrau mir!&#8220; Vertrauensvoll tat ich also wie befohlen, kaufte beide B\u00fccher, las sie rasch hintereinander und wurde tats\u00e4chlich nicht entt\u00e4uscht. 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