{"id":1607,"date":"2018-03-06T11:06:07","date_gmt":"2018-03-06T09:06:07","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=1607"},"modified":"2019-12-16T16:59:21","modified_gmt":"2019-12-16T14:59:21","slug":"taetowationen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=1607","title":{"rendered":"T\u00e4towationen"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\">Es gab mal eine Zeit, da waren nur Matrosen, Knackis und Vollprolls t\u00e4towiert. Und noch nicht, wie heute, nahezu jeder.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als ich Ende der 80er Jahre meinen Zivildienst bei der Johanniter Unfallhilfe ableistete, fuhr ich gelegentlich gemeinsam mit einem hauptamtlichen Kollegen namens &#8222;der Sch\u00f6rk&#8220; im Krankenwagen. Ich vermute, da\u00df &#8222;Sch\u00f6rk&#8220; sein Nachname war. Genau wei\u00df ich es nicht. F\u00fcr uns Zivildienstleistende jedenfalls hie\u00df er nur &#8222;der Sch\u00f6rk&#8220;.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der Sch\u00f6rk war ein unglaublich fetter, schwabbeliger Mann mit unansehnlicher Dauerwelle. Am rechten Handgelenk trug er eine Rolex, auf dem linken den Schriftzug &#8222;Uschi&#8220;. Das ist die erste T\u00e4towierung, an die ich mich erinnern kann.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Einmal sa\u00df ich neben dem Sch\u00f6rk auf dem Beifahrersitz. Er hatte die H\u00e4nde am Steuer, rechts Rolex, links &#8222;Uschi&#8220;. Im Radio lief eine Schnulze. Und pl\u00f6tzlich fing der Sch\u00f6rk, die Ausgeburt des Grobschl\u00e4chtigen und Unsensiblen, fing der Sch\u00f6rk ganz vorsichtig und sch\u00fcchtern an mitzusingen, mit einer eher hohen, beinah sch\u00f6nen Stimme sang der fette Sch\u00f6rk sehr zart:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;Mon Amour&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Nicht viel sp\u00e4ter erlebte ich einen Auftritt von Helge Schneider. In einer seiner m\u00e4andernden Geschichten phantasierte er \u00fcber die T\u00e4towierung eines Mannes. Helge Schneider sagte &#8222;T\u00e4towation&#8220;. Die T\u00e4towierung des Mannes war &#8211; ganz anders als damals \u00fcblich &#8211; kein Anker, kein Herz, keine &#8222;Uschi&#8220;, sondern ein grotesk elaboriertes Kunstwerk. Ein Hochhaus mit 30 Stockwerken und unendlichen Details, die Helge Schneider unter unserem hysterischen Gel\u00e4chter ausschm\u00fcckte. Ich erinnere mich noch, da\u00df aus einem Fenster in der 27. Etage ein Pferd rauskuckte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Heute gibt es solch grotesk elaborierte T\u00e4towierungen in echt. Kleinteilige Gem\u00e4lde oder absurde Textmengen auf gro\u00dfer Fl\u00e4che.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">An einem warmen Fr\u00fchlingstag stehe ich in der U-Bahn in der N\u00e4he einer jungen Frau: kurze, blonde Haare, Kopfh\u00f6rer, ein gr\u00fcnes Sommerkleid, das viel Haut frei l\u00e4\u00dft. Als sie vor mir aussteigt, sehe ich, da\u00df die linke Seite ihres R\u00fcckens t\u00e4towiert ist: mit recht klein geschriebenem Text, in Strophenform, Schreibschrift, rechtsb\u00fcndig. Ich pirsche mich heran und erkenne die ersten Zeilen:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"JUSTIFY\"><strong>\u201eMeine Ruh ist hin,<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"RIGHT\"><strong>Mein Herz ist schwer;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"RIGHT\"><strong>Ich finde sie nimmer<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"RIGHT\"><strong>und nimmermehr.\u201c<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Es folgen auf dem unbekleideten Teil ihres R\u00fcckens noch zwei weitere Strophen aus \u201eGretchen am Spinnrad\u201c, dann Kleid \u00fcber unterem R\u00fccken und Hintern, dann auf dem hinteren linken Oberschenkel die letzte Strophe:<\/p>\n<p align=\"RIGHT\"><strong>\u201eUnd k\u00fcssen ihn,<\/strong><\/p>\n<p align=\"RIGHT\"><strong>So wie ich wollt,<\/strong><\/p>\n<p align=\"RIGHT\"><strong>An seinen K\u00fcssen<\/strong><\/p>\n<p align=\"RIGHT\"><strong>Vergehen sollt!\u201c<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das Gedicht aus &#8222;Faust I&#8220; hat insgesamt zehn Strophen, vier davon sind sichtbar auf den entbl\u00f6\u00dften Hautpartien. Ich bin mir nicht sicher, ob die \u00fcbrigen sechs auf die bedeckten auf unterem R\u00fccken und Hintern passen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">M\u00f6glicherweise haben die junge Frau oder auch der T\u00e4towierer den Goethe-Text gek\u00fcrzt. Ich wei\u00df es nicht und werde es leider auch nie erfahren. Was ich aber wei\u00df und hier nicht verschweigen darf: da\u00df auf dem hinteren rechten Oberschenkel der bildungsbeflissenen Frau, also gleich gegen\u00fcber von Gretchen am Spinnrad, noch ein anderes Tatoo zu sehen war: eine s\u00fc\u00dfe, kleine Mickey Maus.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als die junge Frau im gr\u00fcnen Sommerkleid entschwindet, freue ich mich \u00fcber die perfekte Symbiose auf ihrer Haut aus<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Goethe und Disney,<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>E und U,<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>alter und neuer Welt,<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>comme ci und comme \u00e7a,<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Rolex und &#8222;Uschi&#8220;.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gab mal eine Zeit, da waren nur Matrosen, Knackis und Vollprolls t\u00e4towiert. Und noch nicht, wie heute, nahezu jeder. 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