{"id":170,"date":"2014-10-13T21:09:18","date_gmt":"2014-10-13T19:09:18","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=170"},"modified":"2015-08-26T15:20:04","modified_gmt":"2015-08-26T13:20:04","slug":"ruhestoerungen-in-berlin-und-little-britain","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=170","title":{"rendered":"Ruhest\u00f6rungen in Berlin und Little Britain"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Auch nach all den Jahren habe ich mich noch nicht daran gew\u00f6hnen k\u00f6nnen, da\u00df um mich herum st\u00e4ndig telefoniert wird. Neulich im Caf\u00e9 war es mir unm\u00f6glich zu lesen,\u00a0weil der Typ am Nebentisch mit schmerzfreier Ausdauer unausgesetzt Gesch\u00e4ftliches in sein Mobiltelefon hineinramenterte.\u00a0 Am liebsten h\u00e4tte ich jemanden angerufen, um ihm mitzuteilen, wie sehr mich das ankotzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christian Zaschke war\u00a0vor mehr als 20 Jahren ebenso wie ich Lokal-Reporter des Bonner General-Anzeigers in Siegburg. Inzwischen hat er es zum Korrespondenten der S\u00fcddeutschen Zeitung in London gebracht. Als solcher schrieb er zwei Jahre lang f\u00fcr die Wochenendbeilage eine Kolumne namens &#8222;Little Britain&#8220;. Die besten Texte sind jetzt in einem Buch versammelt, in dem auch ich die Ehre habe, mit einem kleinen Gast-Auftritt (S. 79f.) vertreten zu sein. Es hei\u00dft &#8222;Little Britain&#8220; und ist im Goldmann-Verlag erschienen.\u00a0\u00a0Sehr lachen mu\u00dfte ich\u00a0in der Badewanne\u00a0\u00fcber folgende Episode, die ich mit freundlicher Genehmigung des verdammt gut aussehenden Autors\u00a0 jetzt und\u00a0hier ver\u00f6ffentlichen darf:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>48 Z\u00e4hne<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich blickte auf die Landschaft, die in erhabener Sch\u00f6nheit vorbeizog. &#8222;Im Zug&#8220;, br\u00fcllte die Amerikanerin, &#8222;ich bin im Zug.&#8220; Sie meinte nicht mich, denn ich wusste bereits, dass sie sich im Zug befand. Ich sa\u00df ihr Gegen\u00fcber. Die Amerikanerin war in Newcastle zugestiegen, und ich hatte gleich ein schlechtes Gef\u00fchl gehabt. Als Bahnfahrer entwickelt man mit der Zeit ein fast unfehlbares Gesp\u00fcr f\u00fcr Leute, die einem auf der weiteren Reise schwer auf die Nerven fallen werden. Ich wei\u00df nicht, ob es der ins Tumbe changierende, selbstgef\u00e4llige Gesichtsausdruck ist, der Blackberry oder das miese Karma. Jedenfalls sind sie zu erkennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte mich in den so genannten \u201eRuhewagen\u201c gesetzt. In diesem sollen Handys nach M\u00f6glichkeit nicht benutzt werden. Ruhewagen z\u00e4hlen neben gebranntem Wasser und dem Buchdruck zu den gro\u00dfen Erfindungen der Menschheit. \u201eNein\u201c, schrie die Amerikanerin in ihr Telefon, \u201ees ist nichts Wichtiges. Ich wollte nur mal h\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sprach mit Sarah. Desweiteren wusste ich bereits, dass sie selbst Sheryl hie\u00df und bis London durchfuhr. Das hatte ich den vorangegangenen Anrufen bei Sharon und Rachel entnommen. Beim Gespr\u00e4ch mit Sarah war leider die Verbindung nicht so gut. Ich erhielt davon Kenntnis, als Sheryl in ihr Telefon gr\u00f6lte: \u201eSehr schlechte Verbindung\u201c, und dann, nach zwei Sekunden, noch etwas lauter: \u201eIch sagte, dass die Verbindung sehr schlecht ist.\u201c Ich schenkte Sheryl mein sch\u00f6nstes L\u00e4cheln und zeigte auf das Symbol mit dem durchgestrichenen Handy. Sheryl l\u00e4chelte zur\u00fcck (wie viele Amerikaner verf\u00fcgte sie \u00fcber achtundvierzig sehr gro\u00dfe, sehr wei\u00dfe Z\u00e4hne). Dann w\u00e4hlte sie Paulas Nummer. Ich wusste, dass es sich um Paulas Nummer handelte, weil Sheryl nach wenigen Sekunden anhob: \u201ePaula! Hier ist Sheryl! St\u00f6re ich gerade?\u201c In einem seltenen Anfall von Schlagfertigkeit sagte ich: \u201eJa, das tun Sie.\u201c Sheryl r\u00f6hrte: \u201eNein, es ist nichts Wichtiges, ich wollte nur mal h\u00f6ren. Ich bin im Zug.\u201c Ich wusste, was sie als N\u00e4chstes sagen w\u00fcrde: \u201eIm ZUHUUG. ICH BIN IM ZUG.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schaute mich um und blickte in rund zwanzig Gesichter, in denen sich Hass, Emp\u00f6rung und vereinzelt auch Mitleid widerspiegelten. Mir war klar, dass niemand etwas sagen w\u00fcrde, denn das ist hier nicht \u00fcblich. Sheryl war dann beim neunten oder zehnten Anruf, ich hatte mich an das Gebr\u00fcll fast gew\u00f6hnt, als sie pl\u00f6tzlich einen spitzen Aufschrei tat: \u201eStephens Party?\u201c F\u00fcnf Sekunden vergingen, dann jaulte Sheryl: \u201eWarum war ich da nicht eingeladen?\u201c Es war ein sehr englischer Moment, als fast das gesamte Abteil kurz wissend auflachte und dann umgehend den Blick wieder mit unbewegter Miene auf die vorbeiziehende Landschaft richtete.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch nach all den Jahren habe ich mich noch nicht daran gew\u00f6hnen k\u00f6nnen, da\u00df um mich herum st\u00e4ndig telefoniert wird. 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