{"id":1763,"date":"2018-08-07T11:29:21","date_gmt":"2018-08-07T09:29:21","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=1763"},"modified":"2019-12-22T18:03:59","modified_gmt":"2019-12-22T16:03:59","slug":"spencer-tracy-war-klein-erinnerung-an-kurt-scheel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=1763","title":{"rendered":"Spencer Tracy war klein. \u00dcber Kurt Scheel"},"content":{"rendered":"<p>Vor einer Woche endete das Leben von Kurt Scheel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine\u00a0Verehrung f\u00fcr ihn reicht mehr als 20 Jahre zur\u00fcck. Freund Martin machte mich auf &#8222;Kurt Scheels Lichtspiele&#8220; aufmerksam, Texte, die er in der \u00b4taz\u00b4 \u00fcber Filme und Kino ver\u00f6ffentlichte: klug, unverquast, handfest, witzig, albern, mit kindlicher Freude an fast allen Spielarten\u00a0des Kinos.\u00a0 Diese und andere Aufs\u00e4tze erschienen dann als Buch: &#8222;Ich und John Wayne&#8220; &#8211; einer der sch\u00f6nsten und treffendsten Titel aller Zeiten, denn hier sprach ein bescheidener Mann\u00a0in aller Unbescheidenheit \u00fcber sich und das Kino und tat nicht so, als k\u00f6nne man da irgendwas objektivieren. Es ging um Liebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nahm Kontakt mit ihm auf und bat ihn,\u00a0 f\u00fcrs Radio einen Text zum 100. Geburtstag von\u00a0Spencer Tracy zu schreiben. Er sagte zu. Der Beitrag begann mit den Worten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&#8222;Spencer Tracy war klein.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Satz in seiner schlichten und deshalb sch\u00f6nen Konkretheit war es, der mich vollends f\u00fcr Kurt Scheel einnahm, ja entflammte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich konnte ihn als regelm\u00e4\u00dfigen Mitarbeiter gewinnen und so\u00a0 kam es, da\u00df Kurt Scheel den H\u00f6rern vier Jahre lang jeden Freitag einen Spielfilm empfahl, der am Wochenende im Fernsehen zu sehen war. Das Spektrum seiner Begeisterungsf\u00e4higkeit reichte von &#8222;Rambo&#8220; und &#8222;E.T.&#8220; bis zu Woody Allen und den Quasselfilmen von Eric Rohmer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Zeit lernten wir uns auch privat kennen. Kurt Scheel lud mich ein. Und das ging so: In meinem\u00a0Briefkasten landete\u00a0 ein Umschlag, darin die Eintrittskarte f\u00fcr ein Spiel der Hertha. Ich fand mich also Samstag \u00a0nachmittags im Olympiastadion ein und traf auf Kurt Scheel und einige seiner Freundinnen und Bekannten:\u00a0 Igor Arslan und Ulrike Richter, Wolfgang Herrndorf und Kathrin Passig. Wir schauten das Spiel, das meist nicht so dolle war, weil Hertha, danach orderte Scheel ein Taxi, das uns zu einem Restaurant brachte. Wir a\u00dfen und gingen anschlie\u00dfend zu ihm nach Hause, \u00a0wo er Getr\u00e4nke reichte und irgendwann noch einen Film einlegte. Gro\u00dfz\u00fcgiger ging es nicht. Ich f\u00fchlte mich geehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach vier Jahren\u00a0 war es Kurt Scheel, der mir wie en passant er\u00f6ffnete, er wolle seine regelm\u00e4\u00dfige Mitarbeit f\u00fcrs Radio nun beenden. \u00dcber Filme zu sprechen und daf\u00fcr auch noch Geld zu kriegen, das sei f\u00fcr ihn gewesen, als w\u00fcrde er f\u00fcrs V\u00f6geln bezahlt. Jetzt aber habe er das Gef\u00fchl, so ziemlich alle sehr guten Filme vorgestellt zu haben, es reiche wohl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir blieben uns verbunden und begannen, uns gelegentlich gemeinsam mit seinem Freund Michael Rutschky zu Kino-Besuchen zu verabreden. Das ging so \u00fcber Jahre.\u00a0 Im Januar noch waren wir im &#8222;International&#8220; und schauten den Churchill-Film mit Gary Oldman, anschlie\u00dfend wie immer auf zweidrei Biere ins &#8222;Xantener Eck&#8220;.\u00a0 Ein letztes Mal zu dritt &#8211; Herr Rutschky war schon sehr krank.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ende Juni bestritten Kurt Scheel und ich eine Lesung in der &#8222;Bar Italia&#8220;. Ich mochte seine funkenspr\u00fchenden, zur sprachlichen Ausgelassenheit neigenden und trotzdem leicht melancholisch grundierten Texte \u00fcber morgendliche Fahrrad-Ausfl\u00fcge\u00a0 in den Grunewald sehr und\u00a0 hatte ihn eingeladen, ein paar davon vorzulesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein hei\u00dfer Tag, Unter den Augen John Waynes auf einem gro\u00dfen Filmstill plauderten wir \u00fcbers Schwitzen,\u00a0den Lobpreis der Sch\u00f6pfung in seinen Texten und Sophia Loren. Nach der\u00a0Lesung tranken wir noch ein Glas. Dann verabschiedete er sich von mir: &#8222;Wir gehen mal wieder ins Kino.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Tag erhielt ich eine Email.\u00a0 Kurt Scheel hatte unseren Auftritt ruckzuck literarisch verarbeitet und fragte, ob die Ver\u00f6ffentlichung so f\u00fcr mich in Ordnung sei. Ich las, freute mich und gab meinen Segen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/das-schema.com\/2018\/07\/05\/brief-an-kohlhammer-42\/#more-5244\">Brief an Kohlhammer<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Monat sp\u00e4ter endete das Leben dieses klugen, wissenden, witzigen, gro\u00dfz\u00fcgigen, liebensw\u00fcrdigen Mannes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist unbegreiflich. Er ist unerreichbar.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Scheel-5-e1534088563234.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1781\" src=\"http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Scheel-5-e1534088563234.jpg\" alt=\"\" width=\"1947\" height=\"2867\" srcset=\"http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Scheel-5-e1534088563234.jpg 1947w, http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Scheel-5-e1534088563234-204x300.jpg 204w, http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Scheel-5-e1534088563234-768x1131.jpg 768w, http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Scheel-5-e1534088563234-695x1024.jpg 695w\" sizes=\"(max-width: 1947px) 100vw, 1947px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einer Woche endete das Leben von Kurt Scheel. Meine\u00a0Verehrung f\u00fcr ihn reicht mehr als 20 Jahre zur\u00fcck. 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