{"id":2402,"date":"2020-01-04T19:04:52","date_gmt":"2020-01-04T17:04:52","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=2402"},"modified":"2020-01-05T16:40:14","modified_gmt":"2020-01-05T14:40:14","slug":"phantastischer-liebhaber","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=2402","title":{"rendered":"Phantastischer Liebhaber"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\">Vor einigen Wochen empfahl Christian Zaschke in seiner \u00b4SZ\u00b4-Kolumne &#8222;Hell\u00b4s Kitchen&#8220; den Roman &#8222;Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz&#8220;. Geschrieben hat ihn das italienische Autoren-Duo Fruttero &amp; Lucentini Mitte der achtziger Jahre. Christian Zaschke beschrieb das Buch als \u201eschlau, zart, verwegen und komisch auf eine Weise, die einen in den Herzkammern l\u00e4cheln l\u00e4\u00dft\u201c.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Dieser Empfehlung konnte ich nicht widerstehen, ich kaufte mir das Buch und las los. Die Zeit zwischen den Jahren f\u00fcgte es, da\u00df ich nicht nur abends im Bett lesen konnte, sondern auch nachmittags auf dem Sofa: vor der Siesta, nach der Siesta, angefeuert von frischem Kaffee, \u00fcber Stunden, bis es drau\u00dfen dunkel wurde.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Lange habe ich kein Buch mehr in H\u00e4nden gehalten, das mich derartig erfreut und in Bann geschlagen hat. Die Autoren erz\u00e4hlen raffiniert und elegant, wechseln fast unbemerkt die Perspektiven, lassen die Figuren sehr unangestrengt miteinander sprechen. An einigen Stellen ist das Buch auch so komisch, da\u00df ich tats\u00e4chlich und wie von Christian Zaschke versprochen in und au\u00dferhalb der Herzkammern l\u00e4cheln, wenn nicht grinsen mu\u00dfte. Einerseits umschiffen die Autoren beweglich die meisten &#8211; auch sexuellen &#8211; Klischees, dann aber haben sie unvermittelt sympathische Freude an kleinen Vulgarit\u00e4ten.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Es gibt auch weise Passagen. Die hier zum Beispiel:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;Der erste Blick, der erste Ku\u00df, die erste Liebesnacht sind nichts im Vergleich zum ersten gemeinsamen Lachen. Das ist der <\/strong><strong>entscheidende Kontakt, der eigentlich Wendepunkt.&#8220; <\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Und bewegende:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;Ja, denkt Mr. Silvera, dem jetzt der englische Ausdruck wieder einf\u00e4llt, es bricht ihm das Herz. <\/strong><strong>Aber kann man dieses lange Schweigen brechen, um zu sagen, da\u00df alles im Leben heartbreaking ist?&#8220;<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ich mag es, in B\u00fcchern gelegentlich auf W\u00f6rter zu sto\u00dfen, die ich noch nicht kenne und deshalb nachschlagen mu\u00df. In diesem Roman zum Beispiel begegnete mir eine venezianische Verk\u00e4uferin mit &#8222;zyklamfarbenen Lippen&#8220;, ich durfte in eine &#8222;Posamenterie&#8220;\u00a0 sp\u00e4hen und in eine Bar, deren Sch\u00e4bigkeit Fruttero &amp; Lucentini so skizzieren:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>&#8222;Es gab keine St\u00fchle, die Jacke des Barmanns wirkte schon von weitem schmutzig, und unter einer Plastikglocke waren ein paar belegte Br\u00f6tchen aufgereiht, die wie bedr\u00fcckte Rentner, die nicht mehr am Leben teilhaben, ihr Schicksal erwarteten.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wenn schon Vergleiche, dann bitte solche.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In Bann geschlagen hat mich das Buch nat\u00fcrlich auch wegen des Plots und der alles entscheidenden Frage nach der wahren Identit\u00e4t des Helden, eben jenes Mr. Silvera. So wie\u00a0Christian Zaschke habe ich die Aufl\u00f6sung nicht kommen sehen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Und tats\u00e4chlich bin ich mir auch nicht sicher, wie ich sie finden soll. M\u00f6glicherweise ist sie zu gro\u00df und schwer f\u00fcr einen so leichtf\u00fc\u00dfigen Roman. Zwischendurch war ich kurz davor, verstimmt zu sein angesichts dieser Wendung. Das hat sich dann aber schnell\u00a0gegeben. Das Ende und den Abschied des Liebespaares fand ich wieder gro\u00dfartig.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">So gro\u00dfartig, da\u00df ich das Buch gleich in einer antiquarischen Ausgabe f\u00fcr einen Freund bestellt habe. Die ist hoffentlich ansehnlicher als die etwas lieblos gestaltete aktuelle Taschenbuch-Variante.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Demn\u00e4chst werde ich mir auch die Autobiographie von Carlo Fruttero anschaffen. Zuletzt lebte er in einem kleinen K\u00fcstenort der s\u00fcdlichen Toskana. Zuf\u00e4llig war ich im vergangenen Sommer genau dort Eis essen &#8211; ohne zu ahnen, da\u00df noch vor ein paar Jahren dieser famose Herr mit Zigarette hier herumspazierte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Wochen empfahl Christian Zaschke in seiner \u00b4SZ\u00b4-Kolumne &#8222;Hell\u00b4s Kitchen&#8220; den Roman &#8222;Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz&#8220;. Geschrieben hat ihn das italienische Autoren-Duo Fruttero &amp; Lucentini Mitte der achtziger Jahre. Christian Zaschke beschrieb das Buch als \u201eschlau, zart, verwegen und komisch auf eine Weise, die einen in den Herzkammern l\u00e4cheln l\u00e4\u00dft\u201c. 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