{"id":2608,"date":"2020-07-31T08:45:45","date_gmt":"2020-07-31T06:45:45","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=2608"},"modified":"2025-04-08T16:43:09","modified_gmt":"2025-04-08T14:43:09","slug":"und-noch-eine-erinnerung-an-kurt-scheel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=2608","title":{"rendered":"What would he say? &#8211; Noch eine Erinnerung an Kurt Scheel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Heute vor zwei Jahren starb Kurt Scheel. Sehr oft habe ich seither gedacht: Was w\u00fcrde Kurt Scheel dazu sagen? Oder: Schade, da\u00df ich dar\u00fcber nicht mit Kurt Scheel reden kann.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe weiter unten schon erz\u00e4hlt, da\u00df wir gelegentlich gemeinsam ins Stadion gingen. Einmal sprachen wir dort vor Beginn des Spiels \u00fcber den grausamen Proze\u00df des Alterns, des dann auch Altaussehens und H\u00e4\u00dflichwerdens. Ein Thema, da\u00df Kurt Scheel immer sehr besch\u00e4ftigt hat. Jedenfalls gab er mir, dem genau 20 Jahre J\u00fcngeren,\u00a0 an diesem Tag mit auf den Weg: &#8222;Das steht Ihnen auch noch bevor, Herr Br\u00fcck.&#8220;<a href=\"http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Mit-Scheel-im-Stadio-am-16.-Mai-2009.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2733\" src=\"http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Mit-Scheel-im-Stadio-am-16.-Mai-2009.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"720\" srcset=\"http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Mit-Scheel-im-Stadio-am-16.-Mai-2009.jpg 1280w, http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Mit-Scheel-im-Stadio-am-16.-Mai-2009-300x169.jpg 300w, http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Mit-Scheel-im-Stadio-am-16.-Mai-2009-1024x576.jpg 1024w, http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Mit-Scheel-im-Stadio-am-16.-Mai-2009-768x432.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><\/a>Der Hochmut der Jugend impr\u00e4gnierte mich gegen derlei altersweise Hinweise und ich glaubte ihm deshalb nat\u00fcrlich kein Wort.<a href=\"http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/mit-Scheel-im-Stadion-am-16.-Mai-2009-II-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-large wp-image-2645\" src=\"http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/mit-Scheel-im-Stadion-am-16.-Mai-2009-II-1-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"474\" height=\"267\" srcset=\"http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/mit-Scheel-im-Stadion-am-16.-Mai-2009-II-1-1024x576.jpg 1024w, http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/mit-Scheel-im-Stadion-am-16.-Mai-2009-II-1-300x169.jpg 300w, http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/mit-Scheel-im-Stadion-am-16.-Mai-2009-II-1-768x432.jpg 768w, http:\/\/blog.sanktneff.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/mit-Scheel-im-Stadion-am-16.-Mai-2009-II-1.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a>(Fotos: Igor Arslan)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein paar Wochen vor seinem Tod haben wir in Kreuzberg gemeinsam noch eine Lesung bestritten. \u00dcber diesen Abend hat Kurt Scheel einen Text geschrieben, der viel von dem aufweist, was ihn ausmachte: Geist, Witz, Albernheit, Bildung ohne Huberei. Hier ist er:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Lieber Siegfried,<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">als ich Dir sagte, ich m\u00fcsste am Tag nach Siebenschl\u00e4fer (da spielte die deutsche Mannschaft gegen S\u00fcdkorea, den Tagesnamen fast zu w\u00f6rtlich nehmend) zu einer LESUNG, lachtest Du, es war ein h\u00f6hnisches, fast schon h\u00e4misches Lachen, und Du riefest aufgekratzt \u201eViel Spa\u00df auch!\u201c und \u201eHerzlichen Gl\u00fcckwunsch!\u201c und \u201eWohl bekommps!\u201c, es war alles aber gelogen und blanker Sarkasmus, was ich flugs bemerkte, Du machtest ja auch kein Hehl aus Deiner beinahe schon kulturaversen Attit\u00fcde \u2013 durch Deine Ignoranz jedoch hast Du, ich sage es mit Trauer, mit \u201ecompassion\u201c (Willy Brandt), eine denkw\u00fcrdige Lesung verpasst, wie es sie auch in diesem gr\u00f6\u00dferen Berlin so bald wohl kaum wieder geben wird.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Schon die Location war gro\u00dfartig, eine geradezu winzigkleine Bar mit dem Namen \u201eBar Italia\u201c, also die blanke Wahrheit, denn es war unverkennbar eine Bar, und an den W\u00e4nden hingen Fotos von Sophia Loren, auf einem tr\u00e4gt ihr Carlo Ponti, ihr Eheherr, einen Sonnenschirm hinterher, da sieht man, dass er ungef\u00e4hr halb so gro\u00df und doppelt so dick ist wie DIE Lor\u00e9n, so sagte man in meiner Jugend, und ich erinnerte mich, dass ich, als ich von dieser Hochzeit damals erfuhr, Ende der f\u00fcnfziger Jahre, sehr entt\u00e4uscht war von den Frauen AN SICH, denn Sophia, ein sog. Busenwunder, um das sich u. a. Cary Grant (!) beworben hatte, hatte nicht die Liebe und den unwiderstehlichen Mann gew\u00e4hlt, sehr guten, vielleicht sogar schmutzigen Sex und Remmidemmi, sondern soziale Sicherheit mit Spaghetti bolognese und Familienanschluss. Italiener! bzw. Frauen! mag ich damals gedacht haben, jedenfalls keimte in mir ein erster Verdacht, dass Frauen keineswegs so romantisch sind, wie sie es eigentlich sein sollten, sondern eher materialistisch und auf Sicherheit bedacht, und so sollte es dann ja auch kommen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Jetzt aber f\u00fcllte sich die Bar, es war ein hei\u00dfer Sommerabend, au\u00dferdem der letzte Tag der Vorrundenspiele, hatten die Leute nichts Besseres zu tun, als zu einer \u201eLesung\u201c zu gehen? Offenbar nicht, denn die Massen str\u00f6mten geradezu herein, bald waren es deutlich mehr als zwanzig, wenn auch weniger als drei\u00dfig, und der Eintrittspreis war nicht ohne (f\u00fcnf Ocken), aber unter diesen Umst\u00e4nden war das Glas eben nicht halbleer, sondern dreiviertel voll, keineswegs \u201eproppevoll\u201c, wie der sympathische Wirt anmerkte, aber eben \u201evoll\u201c (sans phrase). Etwa 80 Prozent Frauen, von vierzig bis siebzig, durch die Bank nett und h\u00fcbsch und schlank, im Unterschied zu den Frauen auf dem Mehringdamm um die Ecke, die h\u00e4ufig halbbekleidet herumliefen, wodurch man \u00fcberdeutlich sehen konnte, dass sie bei der Fleischverteilung quasi doppelt zugelangt hatten, und schr\u00e4g gegen\u00fcber der braven und ehrlichen \u201eBar Italia\u201c glomm d\u00fcster ein Friseurladen namens \u201eVorhair\/Nachhair\u201c, solch eine Gegend war das, touristisch verrohtes Kreuzberg sozusagen, cum Sprachspielh\u00f6lle.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Es begann mit Musik, Elisabeth Tuchmann, eine professionelle Musikerin, spielte auf ihrer Gitarre, s\u00fcdamerikanischer Jazz, der aber wie Tango klang, also melodi\u00f6s und schwerm\u00fctig, sie sang auch sehr sch\u00f6n, das war schon einmal eine \u00dcberraschung, ich hatte mehr so atonales Gezirpe erwartet\/bef\u00fcrchtet, aber das hier war keine p\u00e4dagogische Lektion, sondern Wohlklang und Trost, und fast h\u00e4tte ich den Takt mitgef\u00fc\u00dfelt. Dann las Herr Br\u00fcck, der Veranstalter dieses Lesesalons, der regelm\u00e4\u00dfig stattfindet, aus neuesten Werken vor, recht sch\u00f6n, durchaus, eigentlich war es sogar SEHR gut, Gedichte, satirische Texte, auch poetisch-sarkastische Tagebucheintr\u00e4ge \u2013 freilich wurde dies alles dann gewisserma\u00dfen verdunkelt durch den Auftritt des Stargastes, eines auf den ersten Blick \u00e4lteren, stattlich-\u00fcberstattlichen Mannes, leider nur wenig Haare, beinahe Glatzkopf, und er schwitzte, dass Gott erbarm\u2019. Doch als er zu lesen begann, mit zager und zitternder Stimme zuerst, r\u00fchrten die zierlichen Worte und geistvollen S\u00e4tze, die tiefsinnigen Anspielungen und komischen Denkanst\u00f6\u00dfe das Publikum so sehr und so schnell, dass es wie Zauber aussah, wei\u00dfe Magie!<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Drei Texte las der Stargast insgesamt, und nach jedem Vortrag war die Verbundenheit mit dem Publikum, vor allem dem weiblichen, tiefer, inbr\u00fcnstiger noch. Mindestens drei, wahrscheinlich vier, vielleicht sogar f\u00fcnf Damen dankten ihm danach pers\u00f6nlich f\u00fcr \u201ediese sehr sch\u00f6nen Texte\u201c (so w\u00f6rtlich!), zwei aber, und das war der finale Triumph, sagten, sie w\u00fcrden jetzt auch einmal, wie in den Texten beispielhaft vorgestellt, in den Stunden vor Sonnenaufgang durchs schlafende Berlin radeln. Damit war diesen Humoresken, wie der Stargast in der ihm eigenen Bescheidenheit seine \u201ekleinen St\u00fccke\u201c (Originalton) nannte, gelungen, was der gro\u00dfe Rilke in seinem superweltber\u00fchmten Gedicht \u201eArchaischer Torso Apollos\u201c als die zentrale Aufgabe aller Kunst benannt hat: \u201eDu musst dein Leben \u00e4ndern\u201c, womit nat\u00fcrlich der Leser, nicht der K\u00fcnstler gemeint ist! Was aber bei Rilke blo\u00dfe Forderung, W\u00fcnschen und Wollen gewesen war, nun also hatte es sich vergegenst\u00e4ndlicht, der Geist war Fleisch geworden bzw. wollte es werden, hatte es jedenfalls vor Zeugen versprochen! Das war ein Unterschied ums Ganze! Pl\u00f6tzlich erschien Rilke wie ein Vorl\u00e4ufer, siehe, es kommt aber nach mir ein Gr\u00f6\u00dferer, praktisch war der Duineser Elegiker eine Art Johannes der T\u00e4ufer. Der aber nach ihm kam und Rilkes blo\u00dfe Absichtserkl\u00e4rung umsetzen w\u00fcrde, das war, Du ahnst es pl\u00f6tzlich, wie Schuppen f\u00e4llt es Dir von den Augen, der omin\u00f6se Stargast: olle Kurt himself,\u00a0the one and only (moi)!<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Ja, da muss ich selber lachen, wie lange ich Dich jetzt an der Nase herumgef\u00fchrt habe! Und in gewisser Weise bist Du bei der Lesung sogar dabei gewesen, virtuell zumindest, Du marschiertest im Geiste, wie es in der dunkelste Stunde der deutschen Geschichte hie\u00df, \u201emit\u201c, indem ich n\u00e4mlich drei \u201eBriefe an Kohlhammer\u201c gelesen hatte, besonders sch\u00f6ne nat\u00fcrlich (den mit dem Fliedergedicht von Brockes, den Pfingstausflug cum Kuckuck, den mit dem Gedicht \u201eKleine Kinder\u201c), und nicht wenige meiner (einf\u00fchlsamsten) Zuh\u00f6rerinnen werden sicher gedacht haben, dass diese Humoresken sie irgendwie an Tschechow erinnern, an Robert Walser vielleicht auch, wenngleich sie jedoch in ganz eigner, unnachahmlicher Weise, mit einem wehen L\u00e4cheln, einem kecken Witz die Wahrheit sagen, oft indirekt, zwischen den Zeilen, aber doch so poetisch, so sch\u00f6n, man kann es kaum angemessen ausdr\u00fccken.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Und vielleicht wird es Dir einst gehen wie dem \u201eKonzentrationslager-Erhardt\u201c in Lubitschs \u201eSein oder Nichtsein\u201c, und man wird Dich fragen: \u201eSind Sie eigentlich der \u201aBrief an Kohlhammer\u2019-Kohlhammer aus diesen gro\u00dfartigen, ja genialen Prosagedichten (denn das sind sie, recht eigentlich besehen) von Kurt Scheel?\u201c, und Du kannst dann wahrheitsgem\u00e4\u00df antworten wie Joseph dem Pharao: Ich bin\u2019s. Wenn Du willst, gebe ich Dir das auch schriftlich, meinetwegen notariell beglaubigt, mit solch einem Dokument kommst Du wahrscheinlich in jede Literaturlesung, kostenlos, vielleicht sogar ins Berghain!<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Es ist schade, dass Du durch Dein hochm\u00fctiges, lesungsfeindliches Betragen diese Chance, bei einem Kulturevent ersten Ranges LIVE dabei zu sein, sogar mit Backstage-Pass, verspielt hast, kl\u00e4glich, fast wie unsere Nationalmannschaft; von der \u201elegend\u00e4ren Lesung in der Bar Italia\u201c h\u00e4ttest Du noch Deinen Enkeln bzw., Du hast ja keine Kinder, meinetwegen irgendwelchen fremden Enkeln erz\u00e4hlen k\u00f6nnen! Es sollte Dir jedenfalls eine Lehre sein, das w\u00fcnscht Dir in alter, unverbr\u00fcchlicher Freundschaft<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Dein Kurt<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute vor zwei Jahren starb Kurt Scheel. 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