{"id":4262,"date":"2023-11-05T17:39:02","date_gmt":"2023-11-05T15:39:02","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=4262"},"modified":"2023-11-06T09:58:12","modified_gmt":"2023-11-06T07:58:12","slug":"komische-schmerzen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=4262","title":{"rendered":"Komische Schmerzen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df es die \u00b4Titanic\u00b4 weiterhin geben wird, ist f\u00fcr alle Menschen mit Sinn f\u00fcr satirische Aufkl\u00e4rung, Nonsens, Cartoons und Comics ein Segen, f\u00fcr mich dar\u00fcber hinaus aber auch, weil so erstmals ein Text von mir in der Rubrik &#8222;Humorkritik&#8220; erscheinen konnte, nachzulesen im aktuellen Heft oder eben hier:<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Komische Schmerzen<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Im 19. Jahrhundert an Syphilis zu erkranken, war sicher nicht lustig. Deshalb fallen Alphonse Daudets Notizen \u00fcber sein Leiden und Sterben an dieser \u201eLustseuche\u201c und \u201eFranzosenkrankheit\u201c, auf deutsch ver\u00f6ffentlicht unter dem Titel \u201eIm Land der Schmerzen\u201c, nicht prim\u00e4r ins komische Fach. Trotzdem h\u00e4lt der schmale Band einige Gr\u00fcnde zu \u2013 \u00fcberwiegend mitf\u00fchlendem &#8211; Grinsen bereit, etwa wenn der f\u00fcr sein vielseitiges Sexualleben bekannte Autor von einem Traum erz\u00e4hlt, in dem ihn das J\u00fcngste Gericht wegen des \u201eVerbrechens der Sinnlichkeit\u201c zu dreitausendf\u00fcnfhundert Jahren in der H\u00f6lle verurteilt. Um der schmerzhaften irdischen Strafe zu entkommen, unterzog sich Daudet mindestens eigenwilligen Behandlungsmethoden: lie\u00df sich ein aus Meerschweinchen gewonnenes Wundermittel spritzen, bis dem Arzt die Meerschweinchen ausgingen, und baumelte in der tr\u00fcgerischen Hoffnung auf Linderung minutenlang an einem Kiefergurt.<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Die Komik der Notizen ist auch in der gnadenlosen Pr\u00e4zision begr\u00fcndet, mit der Daudet die Aufenthalte in diversen Heilst\u00e4tten und seine Leidensgenossen beschreibt. Die nur eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glichen Gespr\u00e4che: \u201eMan erinnert sich an keinen einzigen Namen; st\u00e4ndig sucht man; viele Gespr\u00e4chspausen in der Unterhaltung. Bis zu zehn, um auf das Wort \u00b4industriell\u00b4 zu kommen.\u201c Und die Mahlzeiten: &#8222;Es war mir verha\u00dft, meinen Tischnachbarn beim Essen zuzusehen; die zahnlosen M\u00fcnder, das entz\u00fcndete Zahnfleisch, die Spitze der Zahnstocher in den Tiefen der Backenz\u00e4hne, die einen kauen auf einer Seite, die anderen rollen ihren Bissen hin und her, und dann die Wiederk\u00e4uer, die Nager, die Rei\u00dfz\u00e4hne!\u201c<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Die zumindest antiquarisch immer noch greifbare Ausgabe des Bremer Manholt-Verlags bietet als Bonus ein Vorwort und zahlreiche Fu\u00dfnoten von Julian Barnes, die very british an keiner kuriosen Anekdote vorbeik\u00f6nnen. Barnes zitiert den f\u00fcr seine unverbl\u00fcmten Diagnosen ber\u00fcchtigten Arzt Jean-Martin Charcot: &#8222;Ihre Lage ist die eines Mannes, der in der Schei\u00dfe sitzt, w\u00e4hrend sich \u00fcber seinem Kopf ein S\u00e4bel hin- und herbewegt. Sie k\u00f6nnen entweder ganz in die Schei\u00dfe eintauchen oder sich enthaupten lassen.&#8220; Und er erg\u00e4nzt die Erinnerungen des kranken Mannes um eine denkw\u00fcrdige Episode: &#8222;Daudet war so kurzsichtig, da\u00df er einmal in dem festen Glauben, es handele sich um Edmond de Goncourt, eine Viertelstunde mit einer \u00fcber den Stuhl geworfenen Decke redete.&#8220; <\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Immerhin komische Nebenwirkungen also. Und selbst die unlustigen, langwierigen Qualen des Syphilitikers bekommt Daudet noch pointiert gepackt: \u201eMan mu\u00df viele Tode sterben, ehe man stirbt.&#8220;<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da\u00df es die \u00b4Titanic\u00b4 weiterhin geben wird, ist f\u00fcr alle Menschen mit Sinn f\u00fcr satirische Aufkl\u00e4rung, Nonsens, Cartoons und Comics ein Segen, f\u00fcr mich dar\u00fcber hinaus aber auch, weil so erstmals ein Text von mir in der Rubrik &#8222;Humorkritik&#8220; erscheinen konnte, nachzulesen im aktuellen Heft oder eben hier: Komische Schmerzen Im 19. 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