{"id":4583,"date":"2024-07-08T19:43:53","date_gmt":"2024-07-08T17:43:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=4583"},"modified":"2024-07-09T09:36:44","modified_gmt":"2024-07-09T07:36:44","slug":"sloterdijk-musil-buber-meister-eckhart-und-ich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.sanktneff.de\/?p=4583","title":{"rendered":"Sloterdijk, Musil, Buber, Meister Eckhart und ich"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den unten beschriebenen Versprecher war ich auch deshalb besonders empf\u00e4nglich, weil ich kurz zuvor ein langes Interview mit Peter Sloterdijk in der \u00b4Zeit\u00b4 gelesen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Sloterdijk schwanke ich immer zwischen Begeisterung \u00fcber griffige, erkenntnisf\u00f6rdernde Formulierungen wie die, der Populismus sei &#8222;gro\u00dfteils die Rache des Landes an der Stadt&#8220;, und Unverst\u00e4ndnis angesichts von namedroppender Verquastheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Passage des Interviews erinnerte mich an ein Gedicht, das ich am 27. April 1995 geschrieben und an das ich lange nicht gedacht hatte. In diesem Absatz spricht Sloterdijk \u00fcber Robert Musil, der beim Schreiben seines Romans &#8222;Der Mann ohne Eigenschaften&#8220; vom j\u00fcdischen Religionsphilosophen Martin Buber inspiriert worden sei:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&#8222;Der hatte 1909 ein B\u00fcchlein unter dem Titel \u00b4Ekstatische Konfessionen\u00b4 herausgegeben, eine Sammlung \u00b4mystischer Zeugnisse aller Zeiten und V\u00f6lker\u00b4. Dieses Buch hatte Musil zeitweilig auf seinem Schreibtisch liegen, als er an seinem Roman schrieb. Das Eigenschaftsloswerden gilt in der deutschen Mystik des 14. und 15. Jahrhunderts als h\u00f6chster Zustand der christlichen Seele. (&#8230;) Der Grundgedanke lautet: Wenn ich mein Ich, mein Selbst, meine Eigenheit ganz aufgebe und von allem lasse, mich also in \u00b4Gelassenheit\u00b4 \u00fcbe im Sinne von Meister Eckhart, dann wandle ich mich in eine Seele ohne Eigenschaften. Dieser Zustand hat einen gro\u00dfen Vorteil: Ich zwinge Gott, meine Leere auszuf\u00fcllen.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und \u00fcber diesen mystischen Gedanken des Loslassens von Egozentrismen zugunsten einer selbstlosen, heiteren Leere habe ich als junger Mann das besagte Gedicht geschrieben, m\u00f6glicherweise in einem Zustand fr\u00fchreifer Erleuchtung. Das Gedicht war damals wohl schon kl\u00fcger und weiter als ich und ist es vermutlich auch heute noch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>So sei es<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"JUSTIFY\"><strong>Heimlich, leis und stille<\/strong><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>weder Wunsch noch Wille<\/strong><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>keine Lust und keine Last<\/strong><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>keine Tr\u00e4gheit, keine Hast<\/strong><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>ohne Antrieb, hemmungslos<\/strong><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>ohne Sorge, hoffnungslos<\/strong><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>m\u00fchelos und ohne Schwere<\/strong><\/p>\n<p lang=\"de-DE\" align=\"JUSTIFY\"><strong>angef\u00fcllt mit lauter Leere.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr den unten beschriebenen Versprecher war ich auch deshalb besonders empf\u00e4nglich, weil ich kurz zuvor ein langes Interview mit Peter Sloterdijk in der \u00b4Zeit\u00b4 gelesen hatte. 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