Zu viel Gequatsche.
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Diana hat sich verlesen. Ich mich auch.
Wenn Diana, wie im Kommentar zu meinem vorletzten Eintrag beschrieben,
„durchgebrannte Mandeln“
statt
„zwischendurch gebrannte Mandeln“
liest, ist das einfach nur ein charmanter Verleser.
Wenn aber ich in Bad Neuenahr auf einem Schild
„Analtourismus“
statt
„Ahrtaltourismus“
lese, ist das ganz allein mein Problem.
Zwei Fragen
Eins
Was sind das nur für Menschen, die an schön besonnten und entspannten Sonntagvormittagen mit dem Fahrrad über sehr still und nahezu unbenutzt daliegende Straßen fahren, die aber trotz aller Besonnt- und Entspanntheit meinen, sie müßten den Radfahrer, der ihnen mit Töchterchen im Kindersitz auf dem ebenso breiten wie leergefegten Bürgersteig entgegenkommt, strengstens zurechtweisen und auffordern, auf der Straße zu fahren? Diese völlig sinnentleerte Prinzipientreue und haßerfüllte Blockwartsmentalität aus heiterem Himmel macht mich immer für einen kurzen Moment perplex und sprachlos. Dann aber muß ich hinterherrufen: „Halt die Fresse, Du Penner!“ Nicht besonders originell und nichts, worauf ich stolz wäre. Es geschieht nur aus Notwehr. Und mein Töchterchen bestärkt mich anschließend darin, daß dieser böse Mann das heftige Schimpfen aber wirklich auch verdient habe.
Zwei
Was sind das nur für Menschen, die sich in Cafés derart unangemessen wie zuhause fühlen, daß sie die Frühstücks-Zeitung zum Morgen-Schiß mit auf die Toilette nehmen, um sie anschließend volldurcharomatisiert wieder auf den Stapel zu legen und skrupellos nichtsahnenden späteren Gästen zur Verfügung zu stellen?
Wilde Maus und Hasenheide
So sieht sie aus, die „Wilde Maus“.
Eine Achterbahn, wie sie zum einen im Wiener Prater steht. Josef Hader hat seinen Film (s.u.) nach ihr benannt. Und die außerdem als Fahrgeschäft von Kirmes zu Kirmes tingelt. Zur Zeit macht die „Wilde Maus“ Station auf den Neuköllner Maientagen in der Hasenheide.
Von uns (48, 47, 12, 8) hat sich keiner draufgetraut. Dafür aber in die Geisterbahn, aufs Riesenrad, den Autoscooter, die Wasserrutsche und den „Melodie Star“ (also known as „Südseewelle“ oder „Schmetterlings-Bahn“). Zwischendurch gebrannte Mandeln, Bogenschießen auf Luftballons (knapp am Hauptgewinn vorbei) und Crêpes mit Nutella – macht zusammen:
einen feisten, freudvollen Sonntagnachmittag.
Grundübel (6)
Zu viel Leid.
Zweimal Freud in nochmal Wien
Ein ausgedehntes Latschen durch das frühlingshaft kühle Wien führte mich auch zum Freud-Haus in der berühmten Berggasse 19. Von einem Besuch des Museums nahm ich Abstand, als ich die lange Schlange der Pilger und Touristen sah – und ein Phänomen, das Freud so noch nicht kennen konnte, das mir aber viel Freude bereitete:
Junger Mann und junge Frau stehen vor dem Freud-Haus und fotografieren sich selbst mit Hilfe von Telefon und Selfie-Stick.
Ein Selfie vor dem Freud-Haus: sekundärer Pärchen-Narzissmus Hilfsausdruck.
*
Peinlicher Versprecher einer Dame in einem Wiener Salon um 1900
Und Sie sind wirklich der Herr Freud?
Ich glaub, mich fickt der Therapeut!
Pardon. Ich meinte: Sehr erfreut.
Jetz amoi ane. – Schöne Grüsse aus Wien
Wo ich schon mal wieder in Wien bin, dachte ich mir, und wo hier schon immer noch die „Wilde Maus“ im Kino läuft, dachte ich mir, geh ich doch einfach zum zweiten Mal rein, dachte ich mir.
Und siehe: Auf mich wirkte er noch besser als beim ersten Mal. Ich mußte mehr lachen. Und mich mehr freuen: an der Langsamkeit des Films und dem vorzüglichen Timing, an vielen Dialogen, an den Gesichtern von Josef Hader, Pia Hierzegger, Jörg Hartmann und Georg Friedrich.
Vor allem von letzterem kann ich gar nicht genug sehen. Keine Sekunde bezweifelt man, daß dieser Mann Schausteller im Prater sein könnte. Dabei ist er doch Schauspieler. Sieht aber nicht aus wie einer. Als Erich in der „Wilden Maus“ ist er ungebildet, aber schlau, rabiat, aber lieb. Georg Friedrichs Wienerisch, das verdammt leise werden kann, ist die reine Musik. Und er raucht sehr gut.
Das tut er auch im Fernsehen. Vor ein paar Jahren war er mal in die Talkshow „Willkommen Österreich“ eingeladen. Im Zuge dieses insgesamt eher einsilbigen Auftritts kam es aber doch zu zwei denkwürdigen Dialogen.
Denkwürdiger Dialog I
Moderator: Wieviel rauchst du, Georg?
Georg Friedrich (entzündet ein Streichholz): Jetz amoi ane.
Selten eine so schöne Verweigerung von langweilig Grundsätzlichem zugunsten des Augenblicks gehört.
Denkwürdiger Dialog II
Moderator: Am Theater, Georg, bist du relativ selten zu sehen.
Georg Friedrich: Ja. (Pause) Aber kommt drauf an, wie oft ma hingeht.
Ich weiß nicht, ob es das braucht, aber ich verlinke trotzdem amoi den kompletten Auftritt (ab Minute 42):
Die Last des Wissens
Freund Andreas war es, glaube ich, der mir mal diesen alten, Tai Chi praktizierenden Chinesen schenkte. Ich mag ihn sehr.
Zur Zeit steht er ganz oben auf meinem Bücherregal. (So weit oben – dies zur Entschuldigung -, daß dort nicht regelmäßig Staub gewischt wird.) Zwischen einem Literaturlexikon und einer Vladimir Nabokov-Ausgabe. Der alte Chinese tut so, als würde er die dicken Bücher stützen. In Wirklichkeit aber
ist das Lexikon viel zu schwer für ihn. Sobald das Regal stärkeren Erschütterungen ausgesetzt ist – etwa durch menschliche Turn- und Tai Chi-Übungen in der Nähe – besteht sogar die Gefahr,
daß der alte Chinese unter der Last des Wissens begraben wird.
Grundübel (5)
Zu wenig Liebe.
Frühlingsbeginn (draussen)
Erstmals im T-Shirt.
Auch die Frau an der Ampel.
Sie stillt im Gehen.