Wieder in Wien (4)

Da landest du morgens um 8h15 in Schwechat, nimmst die Bahn, vorbei am Zentralfriedhof, bis zur Stadtmitte, wo du umsteigst in die U 4 Richtung Hüttelsdorf, darfst zum einen einer Wienerin lauschen, die im charmanstesten Wienerisch in ihr Handy parliert, sonst stört es dich, hier liebst du es, zum anderen der tiefhumanen Durchsage „Seien Sie achtsam: Andere brauchen Ihren Sitzplatz vielleicht notwendiger.“, steigst aus an der Kettenbrückengasse, spazierst über den noch menscheneeren Naschmarkt, biegst ab in die Girardigasse und betrittst in der Gumpendorfer Straße das Café Sperl, wo dich die Kellnerin wider Erwarten zuvorkommend behandelt, dir sogar einen Fensterplatz auf herrlich durchgesessenem Polster anbietet und später unaufgefordert einen zweiten Großen Braunen bringt, um dich dann beim Abräumen lächelnd zu fragen:

„Hats gepaßt?“

Was soll ich sagen?

Aber sowas von!Und ob!!Unbedingt!!!

Halluzinationen

Frau A. und ich litten und leiden unter den selben Halluzinationen zweierlei Art:

Früher, als die Kinder klein waren, glaubten wir, gelegentlich, vorzugsweise nachts,  sie schreien zu hören, obwohl sie es nicht taten. Akustische Halluzinationen also, die sich vermutlich mit unserer permanenten Alarmbereitschaft damals erklären lassen.

Jetzt leiden wir unter visuellen: Wir glauben den Kater im Raum zu sehen, vorzugsweise vorbeihuschend, obwohl er gerade ganz woanders ist. Dahinter steckt Katzen-Magie, ihre Fähigkeit, sich geräuschlos von A nach B zu bewegen, deshalb von uns oft unbemerkt. Was auch dazu führen kann, daß wir das arme Tier versehentlich im Schrank einsperren. Der Kater ist selten dort, wo man ihn vermutet.

Morgendlicher Dialog (2)

Vater weckt Tochter um  7 Uhr 30 so zart wie möglich:

Guten Morgen, Süße.

Ich wußte, Du würdst.

Bitte?

Ich wußte, Du würdst.

Beim zweiten Mal verstehe ich sie zwar akustisch. Was aber will sie mir sagen? Daß sie wußte, ich würde sie wecken? Könnte sein. Genau aber weiß ich es nicht, und das ist auch gut so. Denn ich mag diese leicht rätselhaften Dialoge am Morgen mit meinem Gerade-so-noch-Kind im Halbschlaf.

Der Kölner Dom, der alte Arsch

Was war das doch für eine Freude und ein Glück neulich nachmittags in Köln, Nähe Neumarkt, gemeinsam mit Andreas Opitz, Birgit Schlenther alias Klara und Meinrad Jungblut alias PeterLicht ein Auswärtsspiel von „Menschen auf Stühlen“ zu bestreiten.Zwei Dutzend sympathischster Zuhörererinnen und Zuschauer bedeuteten „ausverkauftes Haus“. Es gab Gedichte, Gesang, Gitarre, Roman – und Faxen.  Hier reinszeniert PeterLicht eine wahre Begebenheit: ein trunkener Mann lehnt nachts am Kölner Dom und beschimpft ihn, u.a. als alten Arsch.Dieses denkwürdige Schauspiel floß später in das unvergängliche „Lied gegen die Schwerkraft“ ein, in dem dann eben auch die Schwerkraft („überbewertet“), die Sonne („gelbe Sau“) und der Himalaya („da kann ich mich drüber aufregen“) endlich mal und hochverdient ihr Fett abkriegen.

Komische Schmerzen

Daß es die ´Titanic´ weiterhin geben wird, ist für alle Menschen mit Sinn für satirische Aufklärung, Nonsens, Cartoons und Comics ein Segen, für mich darüber hinaus aber auch, weil so erstmals ein Text von mir in der Rubrik „Humorkritik“ erscheinen konnte, nachzulesen im aktuellen Heft oder eben hier:

Komische Schmerzen

Im 19. Jahrhundert an Syphilis zu erkranken, war sicher nicht lustig. Deshalb fallen Alphonse Daudets Notizen über sein Leiden und Sterben an dieser „Lustseuche“ und „Franzosenkrankheit“, auf deutsch veröffentlicht unter dem Titel „Im Land der Schmerzen“, nicht primär ins komische Fach. Trotzdem hält der schmale Band einige Gründe zu – überwiegend mitfühlendem – Grinsen bereit, etwa wenn der für sein vielseitiges Sexualleben bekannte Autor von einem Traum erzählt, in dem ihn das Jüngste Gericht wegen des „Verbrechens der Sinnlichkeit“ zu dreitausendfünfhundert Jahren in der Hölle verurteilt. Um der schmerzhaften irdischen Strafe zu entkommen, unterzog sich Daudet mindestens eigenwilligen Behandlungsmethoden: ließ sich ein aus Meerschweinchen gewonnenes Wundermittel spritzen, bis dem Arzt die Meerschweinchen ausgingen, und baumelte in der trügerischen Hoffnung auf Linderung minutenlang an einem Kiefergurt.

Die Komik der Notizen ist auch in der gnadenlosen Präzision begründet, mit der Daudet die Aufenthalte in diversen Heilstätten und seine Leidensgenossen beschreibt. Die nur eingeschränkt möglichen Gespräche: „Man erinnert sich an keinen einzigen Namen; ständig sucht man; viele Gesprächspausen in der Unterhaltung. Bis zu zehn, um auf das Wort ´industriell´ zu kommen.“ Und die Mahlzeiten: „Es war mir verhaßt, meinen Tischnachbarn beim Essen zuzusehen; die zahnlosen Münder, das entzündete Zahnfleisch, die Spitze der Zahnstocher in den Tiefen der Backenzähne, die einen kauen auf einer Seite, die anderen rollen ihren Bissen hin und her, und dann die Wiederkäuer, die Nager, die Reißzähne!“

Die zumindest antiquarisch immer noch greifbare Ausgabe des Bremer Manholt-Verlags bietet als Bonus ein Vorwort und zahlreiche Fußnoten von Julian Barnes, die very british an keiner kuriosen Anekdote vorbeikönnen. Barnes zitiert den für seine unverblümten Diagnosen berüchtigten Arzt Jean-Martin Charcot: „Ihre Lage ist die eines Mannes, der in der Scheiße sitzt, während sich über seinem Kopf ein Säbel hin- und herbewegt. Sie können entweder ganz in die Scheiße eintauchen oder sich enthaupten lassen.“ Und er ergänzt die Erinnerungen des kranken Mannes um eine denkwürdige Episode: „Daudet war so kurzsichtig, daß er einmal in dem festen Glauben, es handele sich um Edmond de Goncourt, eine Viertelstunde mit einer über den Stuhl geworfenen Decke redete.“

Immerhin komische Nebenwirkungen also. Und selbst die unlustigen, langwierigen Qualen des Syphilitikers bekommt Daudet noch pointiert gepackt: „Man muß viele Tode sterben, ehe man stirbt.“

Praktische Theorie

Petra M. aus Z., mit der ich wegen eines Buch-Projektes telefonieren möchte, schreibt mir:

„Wir sind gerade in Mainz bei einer Tagung der Tätigkeitstheoretiker, daher ist es heute nicht ganz so günstig.“

Ich frage zurück:

„Ist Tätigkeitstheorie nicht ein Widerspruch in sich?“

Auf diese absichtsvoll alberne Frage antwortet Petra M. aus Z. natürlich nicht. Ich werde mich also an Freund Andreas wenden. Der muß es wissen. Denn seit vielen Jahren betreibt er in Köln sehr erfolgreich eine

„Paxis für Theorie“.

You can call me Miststück

Erst als Frau A. mich kürzlich in einer Email scherzhaft, ja fast zärtlich „Du Miststück“ nannte, fiel mir auf, daß diese sonst meist beleidigend gemeinte Titulierung üblicherweise nur Frauen trifft.

Das finde ich ungerecht. Auch ich kann ein Miststück sein, auch ich will ein Miststück sein sein dürfen und gegebenenfalls so genannt werden. Vorzugsweise natürlich fast zärtlich von Frau A.

Zementmischer (15)

Ich war baff.

Lief durch Brooklyn, auf der Suche nach dem Fußweg über die Brooklyn Bridge, rechnete mit vielem, aber nicht damit, mitten in New York einen Zementmischer zu finden, weil die mir doch sonst fast nur an beschaulichen Orten in Südeuropa entgegentraten.

Aber da war er:Im Hintergrund könnt Ihr die Zufahrt zur Manhattan Bridge erkennen. Und ganz in der Nähe entdeckte ich dann endlich auch den Fußweg über die Brooklyn-Brücke, die an diesem nieseligen Tag besonders charismatisch erglänzte:

Humor versus Fanatismus

Der Schriftsteller Salman Rushdie bekommt am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Vor ein paar Tagen las ich ein Interview, das Denis Scheck für den ´Tagesspiegel´ mit ihm geführt hat.

Scheck:  Sie haben die Auseinandersetzung um „Die satanischen Verse“ einmal als einen Streit zwischen Menschen mit Sinn für Humor und Menschen ohne Sinn für Humor bezeichnet.

Rusdie:  Das stimmte damals und das stimmt wohl auch heute.

Mein Eindruck ist: Das stimmt heute sogar noch ein wenig mehr als damals, denn die humorlosen, zu unausdenkbaren Freveltaten bereiten Fanatiker werden eher mehr als weniger, scheint mir.

Zu diesem Thema, dem unvereinbaren Gegensatz von Humor und Fanatismus, habe ich hier vor einigen Jahren mal einen Text geschrieben. Und der ging so:

Manche Menschen verstehen keinen Spaß.

Warum nicht?

Das ist eine interessante Frage, die sich und der sich Despoten, Autokraten, Heimattümler, religiöse Fanatiker aller Art stellen sollten.

Propagiert hat diesen „Test by ridicule“ der Earl of Shaftesbury um 1700. Thomas Kapielski faßt ihn in seinem Buch „Mischwald“ (S. 186) so zusammen:

„Der Spott sei Test (´test by ridicule´) und Arznei wider den Fanatismus! Wo eine Gesinnung auf dem Probierstein des Spottes cholerisch anspringt, da stehe es ganz übel. Dabei leugnet Shaftesbury keineswegs die Aufrichtigkeit echter religiöser Gesinnung, denn diese, so Shaftesbury, würde Spott, sogar Hohn, immer mild lächelnd ertragen. Geschwollene Würde aber, die sich von vornherein gegen Kritik abzuschirmen trachte, sei Betrug; alle Unaufrichtigekeit fürchte nichts mehr als Scherz und Humor.“

Wann immer Euch,  geneigte Leserinnen und  Leser, ein Mensch verdächtig vorkommt: Macht den test by ridicule. Prüft oder stellt Euch vor, wie er oder sie auf Spott reagieren würde.

Dann wißt Ihr,  wo Ihr dran seid.

Lektionen (6)

„Zerbrich dir nicht den Kopf über die Zukunft, sie bleibt ein Geheimnis.“

(Jean-Michel Jarre,  Was ich gern früher gewusst hätte)

*

Als er gefragt wurde, wie er sich die Zukunft in zehn Jahren vorstelle

 

Die Zukunft liegt im Dunkeln: Hui Buh!

Im Dunkel der Vokale u und u.

 

Doch abgesehen mal vom dunklen Klang

– die Zukunft ist mir hoffnungslos zu lang.

 

Was weiß denn ich, was in zehn Jahren ist.

Prognosen dieser Art sind meistens Mist.

 

Was weiß denn ich, bin doch kein Visionär.

Mir fällt ja schon die Urlaubsplanung schwer.

 

Bin nicht George Orwell, eher Doris Day:

Was sein wird, das wird sein, ist schon okay.

 

Auch Charlie Parker wußte: Zeit ist jetzt!

Die Zukunft wird durch Gegenwart ersetzt.

 

So pflücke ich brav weiter Tag für Tag.

Und träume nachts davon, was kommen mag.

 

Die Augen auf und durch und wieder zu.

Die Zukunft liegt im Dunkeln: Hui Buh!