Schwindelgefühl

Allen Angestellten, die nach Feiertagen und Jahreswechsel Schwierigkeiten haben, in den Arbeitsalltag zurückzufinden, sei ein raffinierter Trick von Freund Andreas anempfohlen:

“Krank feiern und sagen, man habe Schwindelgefühl. Dann lügt man noch nicht mal.”

Wie die Wirklichkeit mal wieder versuchte, die Literatur zu imitieren

Noch am Tag vor Weihnachten schrieb ich hier die Geschichte von dem kleinen Mädchen auf, das in ihrem Schlüpfer das klitzekleine Jesuskind aus der Kindergarten-Krippe entführte.

Heute nun lese ich in der Zeitung, daß am 1. Weihnachtstag auf dem Petersplatz in Rom eine Aktivistin der Gruppe “Femen” – wie üblich mit nacktem Oberkörper - versuchte, das alles andere als klitzekleine Jesuskind aus der Krippe zu stehlen. Was ihr nicht gelang.

Merke: In der heiligen Literatur gelingen Dinge, die in der profanen Wirklichkeit nicht so ohne weiteres möglich sind. Irgendwie tröstlich.

Aber auch wieder nicht ganz richtig: Denn die Geschichte von dem im Schlüpfer entführten Jesuskind beruhte ja ihrerseits auf einer wahren Begebenheit.

Vielleicht stimmt es für heute so: Die Literatur kann das Leben imitieren, nicht aber das Leben die Literatur.

Bedenkliche Engel, niedliche Jesusse

Es war einmal eine ältere Frau, die auf dem Weihnachtsbasar der Behinderten-Schule ganz arglos einen Engel kaufte.  Ihr nicht ganz so argloser Sohn wunderte sich dann, was für ein denkwürdiges Teil er zwischen Plätzchen und Geschenken für seine Kinder im Adventspaket fand:

Dildo-Engel

Im Jahr drauf erreichte ihn wieder ein solches Paket.  Auch diesmal war ein Engel drin:

Engel ohne Kopf

In diesem Jahr hat das Töchterchen abends vor dem Zubettgehen noch schnell eine Krippe gebastelt mit Stern und Baum und Schafen.  Im Zentrum natürlich das sehr niedliche Jesuskind, gebettet auf Watte und Muffin-Papier und mit Haaren versehen, die eigens einem Kuscheltier abgeschnitten wurden:

Erdnuß-Jesus

Nach dem Erdnuß-Jesus nun noch eine kleine, auf wahren Begebenheiten beruhende Weihnachts-Erzählung:

In der folgenden Geschichte ist alles klein: zum Beispiel die Krippe, die im Kindergarten aufgebaut war. Noch kleiner natürlich Maria und Joseph und die Ochsen im Stall. Am allerkleinsten, geradezu klitzeklein: das Jesuskind im Stroh.

Und vor der Krippe ein kleines Mädchen, das sich auf die Lippe biß und dachte: Das klitzekleine Jesuskind, das hätte ich sehr gerne ganz für mich alleine. Eja, eja, mein eigen soll es sein.

Ein Handgriff und das klitzekleine Jesuskind verschwand in der Faust des kleinen Mädchens und auf der Toilette dann an einem sicheren Ort, sicher vor den Augen der anderen.

Als das kleine Mädchen nachmittags zuhause war, endlich allein im Zimmer, zog es sich die Hose herunter und die Unterhose, nahm das klitzekleine Jesuskind vorsichtig heraus und bereitete ihm ein bequemes Nachtlager. Dann betrachtete das kleine Mädchen das klitzekleine Jesuskind und dachte: Morgen werde ich es wieder zurückbringen vielleicht.

*

Das Jesuskind wurde im Schlüpfer entführt

- ich glaube, da war sogar Gott angerührt.

Schöne Frauen

 Freund Andreas riet mir kürzlich zum Kauf und zur sofortigen Lektüre von Dennis Lehanes Büchern “In der Nacht” und “Das Ende einer Welt”. Seine Email endete mit den dringlichen Worten:

“Vertrau mir!”

Vertrauensvoll tat ich also wie befohlen, kaufte beide Bücher, las sie rasch hintereinander und wurde tatsächlich nicht enttäuscht. Ich freute mich an guten Plots und dem lebendig beschriebenen Mafia-Milieu in Boston und Florida während der Prohibition. Der Autor kann offensichtlich, was er tut.

Was er allerdings besser vielleicht lassen sollte, ist die Finger von schönen Frauen. Denn die Beschreibungen der weiblichen Hauptfigur Emma Gould im Roman “In der Nacht” lesen sich – zumindest in der deutschen Übersetzung – oft ein bißchen aua.

Ich zitiere einige Stellen in chronologischer Reihenfolge:

“Dann durchquerte sie den Raum, eine junge Frau in seinem Alter, um die zwanzig, mit Winteraugen und so blasser Haut, das er darunter beinahe ihre Adern und das Gewebe sehen konnte.” (12)

“…doch das Mädchen zuckte nicht mal mit der Wimper, während hinter ihren dezembergrauen Augen helle Flammen zu lodern schienen.” (12)

“Ihre hochgezogene Augenbraue hatte dieselbe Farbe wie ihr Haar, das wie angelaufenes Messing schimmerte und weich wie Hermelin aussah.” (15)

“Die ganze Fahrt über wollte sie Joe nicht aus dem Kopf gehen. Ihre Hände waren weich und trocken gewesen, die Handflächen klein und rosa, die Venen an ihrem Handgelenk violett. Hinter dem rechten Ohr hatte sie einen Leberfleck, hinter dem linken Ohr keinen.” (18)

“…doch plötzlich erhaschte er einen Blick auf ihr karamellfarbenes Haar…” (26)

“Sie wirkte völlig unnahbar, hatte sich hinter einer Maske aus Kälte und Schönheit verbarrikadiert.” (26)

“Er starrte auf ihr Ohrläppchen. Es sah aus wie eine Kichererbse, nur weicher.” (33)

“Hinter Emmas hellgrauen Augen, ihrer fast transparenten Haut verbarg sich ein Wesen, das sich in eine Ecke seines Käfigs zurückgezogen hatte.” (41)

“In diesem Licht war ihre Haut hell wie der Alabaster an den Wänden, und sie wirkte einsam, in sich versunken, als bedrücke sie ein stiller Kummer.” (98)

Die männliche Hauptfigur Joe und die weibliche Hauptfigur Emma verlieren sich im Laufe des Romans aus den Augen. Nach einigen Jahren aber und hunderten von Seiten entdeckt er sie auf einem Foto:

“Eine Frau mit sandfarbenem Haar und dezembergrauen Augen.” (481)

Schließlich begegnen sich die beiden auf Kuba auch persönlich wieder:

“Man konnte nicht sagen, dass die Jahre sie gezeichnet hätten, doch waren sie auch nicht eben gnädig mir ihr umgegangen. Sie sah aus wie eine schöne Frau, die von ihren Lastern nicht wiedergeliebt worden war, wie eine Frau, deren Faible für Zigaretten und Alkohol deutliche Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen hatte. Um ihre Augen hatten sich Krähenfüße gebildet, und die harten Linien um ihren Mund waren nicht zu übersehen. Trotz der schwülen Hitze wirkte ihr Haar spröde und trocken.” (561 f.)

Ich fasse zusammen: Emmas karamellfarbenes Haar, einstmals weich wie Hermelin und schimmernd wie angelaufenes Messing, ist nunmehr sandfarben, spröde und genauso trocken wie ihre kleinen, rosa Handflächen. Die dezembergrauen Winteraugen, hinter denen früher helle Flammen loderten, von alabasterfarbenen Krähenfüßen umstellt. Zu befürchten ist, daß auch Emmas Ohrläppchen nach all den Jahren härter sind als Kichererbsen.

Ich will mich gar nicht lustig machen über Dennis Lehane, sondern nur an seinem Beispiel zeigen, wie schwer es auch professionellen Schreibern fällt, Schönheit in Worte zu fassen. Eine Erkenntnis, die ich in einem kleinen Gedicht zu bündeln versucht habe:

Von der Schönheit

Ich hab mal eine Frau gesehn –
wie soll ich die beschreiben?
Sie war so unbeschreiblich schön
– ich laß es lieber bleiben.

Merkvers

Gar nicht mal so selten  höre oder lese ich das Wort “lohnenswert”.  Das tut immer ein bißchen weh. Denn “lohnenswert” ist ein unschöner Doppelmoppel-Bastard  aus “lohnend” und “lobenswert”.  Damit ich ihn künftig weniger oft hören oder lesen muß, habe ich einen Merkvers geschrieben, den meine getreue Gemeinde bitte an alle weitergibt, die “lohnenswert” sagen oder schreiben:

 Daß sich was lohnt, ist lobenswert.

Doch “lohnenswert” ist falschverkehrt.