Sankt Neffs Beitrag zur Bundestagswahl (2)

Mit ein paar Leutchen saßen wir zusammen in einem italienischen Restaurant und gaben unsere Bestellungen auf. Die Kellnerin notierte, nickte konzentriert, um dann so gekonnt wie begeistert zusammenzufassen und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen:

“Nudeln für alle!”

Wir, die Besteller, gleichfalls begeistert,  waren uns sofort einig: Eine Partei, die mit dieser Parole anträte, täten wir sofort wählen.

Sankt Neffs Beitrag zur Bundestagswahl

“Wo sagt einer: ´Ich strebe nach Glück für meine Untertanen, nach dem rechten Maß, nach Wohlstand und Ruhe, ich suche ihnen die stabilen Bedingungen zu verschaffen, unter denen die großen Güter des Lebens – die Kunst, die Familie, die Arbeit, die Würde – gedeihen können.´ Es gilt in Europa einen Bund des Glücks zu begründen, einen Bund derjenigen, die es nicht schätzen, wenn man ihnen auf die Nerven geht, und die ihrerseits die feste Zusicherung geben, den anderen nicht auf die Nerven zu gehen!”

Das ist ein politisches Programm, das mir sehr einleuchtet. Ich fand es in Vitaliano Brancatis Roman “Leonardos Freude” (S. 142), das 1941 veröffentlicht wurde und auch sonst lesenswert und lustig ist.

Ratet mal,

liebe Jungautorinnnen Alina Herbing, Juliana Kálnay, Maren Kames und Kathrin Bach, die Ihr zur gleichen Zeit am Literaturinstitut Hildesheim studiert habt und neulich

“in einer großen Altbauküche in Berlin-Neukölln”

zusammengekommen seid, um dort

“Glasnudelsalat”

zu verspeisen und mit der Journalistin Anna Fastabend von der ´Süddeutschen Zeitung´ ein Gespräch über Euer

“Schreiben, das Leben als Schriftstellerinnen und den Sexismus im Literaturbetrieb”

zu führen, in dessen Verlauf Ihr zu Protokoll gabt,

“Ilse Aichinger total spannend”

und Christa Wolf

“wichtig”

zu finden, Goethes Gretchen für ein

“krasses Opfer”

zu halten, von manchen Autoren

“nur Eisbergspitzen”

zu lesen und den Rest

“für später”

aufzusparen, Euch besonders für den

“Hallraum”

einer

“Autorinnenpersönlichkeit”

zu interessieren, für das

“Koordinatennetz von Produktionsweisen und Haltungen”,

in dem Ihr Euch

“zu Hause”

fühlt und der Euch

“als Referenzpunkt guttut”,

schließlich aber auch fordertet,

“in den Lektüren auf mehr Diversität zu achten”,

“Verhaltensweisen und Denkmuster zu hinterfragen”,

“sich auch Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse bewusst”

zu machen und

“eine stärkere Sensibilität dafür”

zu entwickeln, ratet also jetzt doch bitte mal, liebe Jungautorinnen, wieviel von Eurem Werk ich nach Lektüre dieses Interviews zu lesen Lust verspüre?

Nicht mal den Hauch einer Eisbergspitze.

Regengedicht

Rain_on_a_window

Wetter schlecht, ich bleibe drinnen.

Regen rinnt durch Regenrinnen.

Ist Musik in meinen Ohren.

Habe draußen nichts verloren.

Drinnen bleiben heißt: gewinnen.

Regen rinnt durch Regenrinnen.

Spinat mit Spiegelei (für Thomas Bernhard)

Karl Ignaz Hennetmair war ein Nachbar von Thomas Bernhard. Anfang der 70er Jahre machte er sich jeden Tag ausführliche Notizen über die vielen Stunden, die er mit dem Schriftsteller auf Spaziergängen, beim Essen und vor dem Fernseher verbrachte. Viel später wurde daraus das Buch “Ein Jahr mit Thomas Bernhard”.

Mehrere Menschen empfahlen es  mir zur Lektüre, nicht zuletzt Harald Schmidt, der auf dem Buchumschlag dekretiert: “unglaublich spannend, unglaublich informativ, grandios geschrieben!”

Das kann ich nicht bestätigen. Für mich ist das Tagebuch eher eine Aneinanderreihung ziemlich zäher Alltäglichkeiten, die noch dazu eher staksig formuliert sind. Kurzum: Nach nicht mal 200 Seiten mochte ich die restlichen 300 nit mehr lesen.

Bis dahin aber hatte ich immerhin zwei Stellen gefunden, für die die Lektüre sich schon gelohnt hat.  Erstens eine originelle Definition von Freundschaft:

“Seit sieben Jahren kennen wir uns, vor fünf Jahren waren wir splitternackt in der Alm baden, aber erst in den letzten Wochen hat die Bekanntschaft einen Grad erreicht, daß wir laut voreinander furzen.” (S. 116)

Und zweitens eine in ihrer Banalität sehr komische Essens-Empfehlung:

“Da mir zu Mittag als Gründonnerstagskost Spinat mit Spiegelei so geschmeckt hatte, wollte ich bei der Rückkehr um ca. 18 Uhr Thomas so ein Essen anbieten. Er sagte, er habe dasselbe auch mittags im Gasthaus gegessen. Da haben wir dann auf Omeletten umgeschaltet. Aber wir haben uns vorgenommen, öfter Spinat mit Spiegelei zu essen, denn es schmeckt so gut.” (S. 161)

Zwei Menschen, ein Realitätenhändler und ein Schriftsteller, die sich am Gründonnerstag des Jahres 1972 darauf verständigen, fürderhin häufiger Spinat mit Spiegelei zu essen – ich freue mich darüber.  Denn es schmeckt so gut.

Schlechter Sex (2)

Früher schon schrieb ich hier mal über den “Bad Sex in Fiction Award”, der schlechte oder peinliche Beschreibungen sexueller Handlungen in eigentlich nicht schlechten und unpeinlichen Büchern prämiert bzw. bestraft. Gewonnen haben diesen Preis bis dato überwiegend Männer.

Jetzt lese ich Doris Knechts Roman “Alles über Beziehungen”.  Darin beschreibt die Autorin an zentraler Stelle die sexuelle Begegnung zwischen der Hauptfigur des Buches und einer Frau, die nicht seine Frau ist.  Die Beschreibung endet mit den Worten:

“Sie stöhnte erst leise, dann laut und kam vor ihm, mit einem gurgelnden Geräusch, das klang wie ein beidhändiger Akkord auf einer Bontempi-Orgel.”

Ich mußte lautlos lachen über diesen Vergleich, vor allem über “beidhändig”. Ohne Zweifel ist das Bild unverbraucht. Aber auch gut? Oder eher daneben? Ist Doris Knecht möglicherweise auch eine Kandidatin für den “Schlechter Sex in Büchern”-Preis?

Ich stelle anheim.