Zementmischer (19)

Wenn der Familienausflug aufs Land eh schon einigermaßen idyllisch anmutet, du dann aber zu allem Überfluß noch zufällig dieses heiligmäßige Dreigestirn aus Zementmischer, pittoresker Tonne und schwarzweißer Katze (hinten links neben den Steinen) passierst,dann, ja dann, solltest du zumindest ein klein wenig dankbar sein für die Epiphanien des Sonntags.

Eine ähnlich umwerfende Manifestation des Fastgöttlichen fotografierte Freund Andreas früh im Frühling in der Eifel. In diesem Fall sind Birke, Katze und Kirche trinitatisch vereint:

Kühe (7)

Am 2. Juli 1874 befindet sich Gustave Flaubert am Rigi in der Schweiz, dessen Besteigung Mark Twain einige Jahre später sehr komisch beschreiben wird. Flaubert mag die Alpen nicht, ist genervt von den anderen, „mit  Spazierstöcken und Fernrohren“ ausgerüsteten Reisenden, langweilt sich „auf gigantische Weise“.  Und so schreibt er an Iwan Turgenjew:

„Gestern war ich versucht, aus menschlichem Gefühl und Mitteilungsbedürfnis drei Kälber zu umarmen, die ich auf einer Weide traf.“

Wiglafs Wigwam (12)

Heute vor fünf Jahren starb Wiglaf Droste. In der Edition Tiamat ist gerade eine sehr lesenswerte Biographie von Christof Meueler erschienen: „Die Welt in Schach halten. Das Leben des Wiglaf Droste“. Darin kommen viele seiner Freundinnen und Weggefährten zu Wort. So entsteht das angemessen ungeschönte Bild eines nicht sehr langen, aber ziemlich prallen, auch widerspruchsreichen Lebens. Und auf Seite 198 fand ich ein  Zitat, das Drostes Lebensfreude, wenn nicht gar -gier großartig auf den Punkt bringt. Es stand auf dem Cover der ersten Ausgabe der auch hier schon gestreiften Zeitschrift „Häuptling Eigener Herd“:

„Miteinander plaudern, durcheinander trinken, aneinander vorbeireden, ineinander verkauen, durcheinander lachen, übereinander herfallen.“

Nochmal Sargnagel

2016 besuchte Stefanie Sargnagel im Auftrag der ´Zeit´ die Bayreuther Festspiele. In ihrem Text ging es nur am Rande um Oper und Musik. Im Zentrum ihres komischen Blicks standen die Begleitumstände: die Hinfälligkeit der Festival-Besucher, die in Krankenbetten auf den Grünen Hügel geschoben werden, die Brötchen- und Sekt-Exzesse am Buffet vor Opern-Beginn, die Nervosität ihres Feundes Martin Witzmann, der sie mit beruhigendem Hoden-Streicheln im Hotel-Aufzug begegnet.

Wie zu erwarten war, reagierten die Leserinnen und Leser empört. Wie zu erwarten war, drohten sie mit Abo-Kündigungen. Eine Auswahl der Reaktionen dokumentiert Stefanie Sargnagel in „Statusmeldungen“. Diese hier hat mich beschäftigt:

„Der Artikel von Frau Sargnagel über Bayreuth war für mich der absolute Tiefpunkt an Niveau- und Geschmacklosigkeit.“

Müßte es nicht eigentlich „der absolute Höhepunkt an Niveau- und Geschmacklosigkeit“ heißen? Das will ich meinen, denn: Wenn Niveau- und Geschmacklosigkeit auf dem Tiefpunkt sind, wäre das doch etwas Gutes. Und so hat es die empörte Stimme sicher nicht gemeint.

Sargnagel rules

Die Autorin Stefanie Sargnagel kannte ich bis vor kurzem nur flüchtig. Dann aber durfte ich sie in Wien bei der weiter unten beschriebenen Vorstellung des prachtvollen Porträt-Bandes von Sepp Dreissinger erleben. Sargnagel las vor – und ich mußte lachen. Anschließend ließ ich das Buch „Statusmeldungen“ als Souvenir für Barmann Alex signieren. Auch über ihre Widmung mußte ich lachen:Alexi hat das Buch gefeiert, zerlesen und mir jetzt geliehen. Was ein Fest! Ihr Facebook-Tagebuch aus den Jahren 2015 bis 2017 ist so frei, lustig, schlau und derb, ohne je peinlich zu sein. Ich glaube, ich habe eine neue Lieblings-Autorin. Lest selbst:

„Ein Grund dafür, warum es so viele Coachingausbildungen gibt, ist, dass viele Coaches vom Coaching nicht leben können und daher andere zu Coaches ausbilden. Ein Schneeballsystem, in dem eines Tages alle Menschen auf der Welt Coaches sind und alles Leben auf dem Planeten ein einziges Outdoorcoaching.“

„Gibt´s echt Leute, die sich ´wo sehen´ in 10 Jahren?“

„Fernsehen ist so schön. Wie Internet ohne freien Willen.“

„Vielleicht is das Leben echt so kurz, wie die alten Leute sagen.“

„In der Kindheit gab´s immer so Kinder, die hatten plötzlich Nasenbluten. Was wohl aus denen geworden ist…“

„Ohne Rausch bin ich auf Partys so: Ahh… Muss mich so konzentrieren zuzuhören, was Leute für einen faden Scheiß erzählen. Muss überlegen, was ich sie als Nächstes frag, um die Konversation am Laufen zu halten. Wie lange muss ich zuhören, um wieder über mich reden zu dürfen?“

Soll ich ein Aussteiger werden, der auf alles scheißt, oder ein Machtmensch, der alle zerfickt? Finde beides attraktiv.“

„Zerficken“ ist eines der Lieblingswörter von Stefanie Sargnagel:

„Morgen beginnt meine Lesereise. Zuerst fahre ich nach Kassel, und dort wird Kassel zerfickt.“

Und zeitgleich zur Sargnagel-Lektüre entdeckte ich an der Yorckstraße in Kreuzberg ein Graffito ganz in ihrem  Geiste und Duktus:Besonders gut gefällt mir, daß die Urheberin hier auf den Imperativ verzichtet hat. Im Gegensatz zu „Zerfickt das Patriarchat!“ klingt „Das Patriarchat zerficken!“ eher wie ein Vorsatz auf einer To do-Liste, den man bei Gelegenheit doch dringend mal umsetzen sollte.

Noch dringender aber vielleicht: Sargnagel lesen!

Lektionen (8)

„Oft genug und genau genug und glücklich genug in die Kastanie schauen.“

(Gabriele von Arnim, Was ich gerne früher gewusst hätte)

*

Höfisches Gedicht

 

So mächtig und haushoch

erhebt sich die Kastanie in unserem Hof,

daß ich geneigt bin,

sie als Königliche Hoheit zu bezeichnen.

Sie aber bleibt demütig

und verneigt sich

bei Wind

vor mir.

Zementmischer (18)

Und nochmals Ha!

Zementmischer finden sich nämlich nicht nur, wie weiter unten dokumentiert, in Südeuropa, New York und Nordeuropa, sondern auch in Asien, namentlich in Kyoto, Japan. Hier das geistesgegenwärtig aus dem Taxi geschossene Foto von Schwester Sabine:

Ein kleiner Strauß

Neulich morgens kleiner Dissens zwischen Mann und Frau über die Frage, ob es wirklich ratsam sei, eine alte Klobürste zu entsorgen, ohne schon eine neue zu haben. Die Frau fand ja, der Mann fand nein.

Abends kehrt die Frau zurück von der Arbeit und sagt zum Mann:

„Ich habe eine richtig schöne Überraschung für dich.“

Sie überreicht ihm drei neue Klobürsten auf einen Schlag mit den Worten:

„Ein kleiner Strauß.“

Der Mann freut und bedankt sich, nimmt sie beim Wort und dekoriert entsprechend:

Fachfrau und Fachmann nennen es unisono:

Klobürstenbouquet.

Von fliehenden und fehlenden Pferden

Ein in der neueren deutschen Literatur bekanntes Motiv ist das des fliehenden Pferdes. Mehr Beachtung aber verdiente meines Erachtens das des fehlenden, nicht zuletzt seiner Rolle im Werk Franz Kafkas und in meinem eigenen wegen. Fangen wir an mit mir:

Vor einigen Jahren träumte ich eine Formulierung, die ich anderntags mit wenigen Zutaten zu einem Gedicht anreicherte:

 

Im Hotel zum fehlenden Pferd

 

Letzte Nacht träumte ich

vom Hotel zum fehlenden Pferd.

Das heißt: Im Traum

fiel mir dieser Name ein:

Hotel zum fehlenden Pferd.

Ich fand das unheimlich witzig:

Hotel zum fehlenden Pferd.

Und dachte im Traum,

das muß ich mir unbedingt merken:

Hotel zum fehlenden Pferd.

Und morgen früh gleich notieren:

Hotel zum fehlenden Pferd.

Da kann ich noch was draus machen,

etwas ganz Großes,

einen Roman zum Beispiel

namens „Im Hotel zum fehlenden Pferd“.

Und wenn nichts Großes,

dann etwas Kleines,

ein Gedicht zum Beispiel

namens „Im Hotel zum fehlenden Pferd“.

Hier ist es.

 

Im Zuge meiner Vorbereitung auf das Kafka-Jubiläum im Juni stellte ich nun fest, daß das Motiv des fehlenden Pferdes auch bei Franz Kafka an zentraler Stelle aufscheint, nämlich in seiner Erzählung „Ein Landarzt“:

„…aber das Pferd fehlte, das Pferd.“

Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Erzählung früher schon einmal gelesen habe, vermute es aber. Tauchte das fehlende Pferd deshalb später in meinem Traum auf, der dann zum Gedicht wurde? Weiß nicht, auch nicht so wichtig. Ich freu mich aber, daß Kafka und mich und mich und Kafka dieses Motiv verbindet.

Mein All