Trost von Thoreau und Sankt Neff

In Maggie Nelsons Buch „Bluets“ (S. 37) stieß ich auf ein Zitat von Henry David Thoreau, das mir gefiel:

„Warum sollte ich mich einsam fühlen? Ist unser Planet nicht in der Milchstraße?“

Es gefiel mir an sich, aber auch, weil es mich an ein ähnlich gelagertes Gedicht von Sankt Neff erinnerte:

Ein kleiner Trost, mehr nicht:

Im Weltall brennt noch Licht.

Neulich in Andalusien (2)

Stolz bin ich, weil mich der Kellner

nach dem morgendlichen Kaffee

und dem ordentlichen Trinkgeld

dankend „Caballero“ nennt.

 

So stolziere ich, ganz Ritter,

aus der Kaffee-Bar zum Auto,

zünde meine Pferdestärken,

fahre würdig durch die Stadt.

 

Bis zu einem Zebrastreifen,

wo ich jungen Reiterinnen

großzügig den Vortritt lasse,

Caballero, der ich bin.

Spätsommerfrühherbst

´Heute mal kein Stress´, dachte der Fuchs, als er im Park über die Wiese lief. Ganz gegen seine Gewohnheit hatte er nachts nichts als geschlafen. Soeben war die Sonne aufgegangen. Der Fuchs spürte den Tau im Gras und freute sich an der Abwesenheit von Menschen.

Dann erreichte er die Stelle unterhalb seines Lieblingsbaumes. Der Fuchs glaubte, daß sich speziell in diesem Baum Gott verkörpere. Ein guter Ort also, um Tai Chi zu üben. Der Fuchs hatte so oft Menschen dabei beobachtet, wie sie diese fernöstliche Bewegungskunst praktizierten, daß er sie inzwischen selbst beherrschte. Er stellte sich auf die Hinterbeine und begann mit den Vorübungen, indem er die Vorderbeine von oben nach unten und von unten nach oben schwingen ließ. Sein Schwanz schmiegte sich währenddessen ins feuchte Gras.

Als der Fuchs das Tai Chi-Programm beendet hatte, schaute er auf die Armbanduhr. In fünf Minuten würde sein Lieblings-Café öffnen. Entspannt und gut durchblutet machte er sich auf den Weg. Den Abhang hinunter genoss er es, der Schwerkraft ihren Lauf zu lassen.

(aus einer noch unveröffentlichten Fabel)

Neulich in der Tram

Mit der Tram auf dem Weg zum Kollwitzplatz. An der Haltestelle Bernauer Straße stehen zwei arabische Jungmänner mit anrasierten, schwarzglänzenden Haaren in dicken Daunenjacken. Was machen die hier auf dem Trambahnsteig? Warum cruisen die nicht in einem Mercedes und mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Stadt? Haben die eine Fahrkarte? Halten sie es für nötig zu bezahlen? Wie werden sie reagieren, wenn sie erwischt werden?

Das sind so meine Gedanken, während die beiden die Bahn betreten, um sich dann unvermittelt an mich und die anderen zu wenden:

„Die Fahrscheine, bitte!“

Da lacht der Argentinier

Im ICE-Großraumwagen immer viele Geräte am Start: Handys, Ipads, Ipods, Notebooks, Kopfhörer, Kabel mit Knoten.

Aber hier und da auch Bücher. Und überwiegend kein Scheiß: Rilkes „Malte Laurids Brigge“ sehe ich im Vorbeigehen, Houellebecqs „Karte und Gebiet“ auf französisch,  Juli Zehs „Unterleuten“. Der vielleicht 12jährige Sohn des Mannes, der Houellebecq im Original liest, wechselt ab zwischen „Die drei ??? Kids: Fußballweltmeister“  und  einer Mozart-Partitur, die er unter Anleitung seines Vaters studiert.

Da bin ich fast froh, daß wenigstens die Frau neben mir einen Groschenroman alter Schule in Händen hält. Ich spinxe unauffällig rein und finde auf Anhieb einen Satz, der mir inhaltlich wie klanglich große Freude bereitet:

„´Ach was´, lachte der Argentinier.“

Und wieder eine Lektion in Demut (2)

Beim Laufen übers Gleisdreieck kommt mir ein Jogger entgegen, auf den ich wegen seiner Moppeligkeit und seiner merkwürdigen Doppelstoßatmung herabschaue: ´Der Moppeljogger, wie komisch der atmet!´

Man trifft sich im Leben stets zweimal, they say. So auch wir. Einige Minuten später: Ich gehe, weil ich gerade nicht mehr kann. Der Moppeljogger joggt unverdrossen weiter, ohne Pause an mir vorbei mit seiner offenbar sehr gut funktionierenden Doppelstoßatmung.