Menchen

Da hast du dich – so wie ich gestern Vormittag – ausgiebig mit Mensch, Menschen und Menschheit befaßt, machst dich dann nachmittags mit dem Töchterchen auf den Weg zum Zahnarzt, steigst aus dem Auto,  stehst unversehens vor einem Bus mit der Aufschrift

Menchen

- und mußt lachen, denn manche Menschen, Jupp Heynckes etwa,  sagen ja wirklich “Menchen”, wenn sie “Menschen” meinen.

Ich finde das sehr sympathisch und habe für diese dialektal bedingte Fehlleistung großes Verständnis.  Denn auch mir attestierte ein Berliner Redakteur bei meinem ersten Radio-Praktikum:

“Sie hören sich ja an wie ein Remagener Laien-Darsteller.”

Der Mench heißt Mench, weil er wärmt, wenn er erzählt.

Mensch, Menschen, Menschheit

Daß die deutsche Sprache ausgerechnet und möglicherweise aus guten Gründen für ein so zentrales Wort wie “Mensch” nicht einen Reim bereithält: kein neuer Hut.

Heinz Rudolf Kunze besingt das Phänomen - etwas penetrant repetitiv – in seinem Lied “Eigentlich nein”:

 

“Nichts reimt sich im Deutschen auf Mensch

Nichts reimt sich im Deutschen auf Mensch

Nichts reimt sich im Deutschen

Nichts reimt sich im Deutschen

Nichts reimt sich im Deutschen auf Mensch ”

 

Aber er hat ja recht, der Kunze. Im Steputat, dem einschlägigen Reimlexikon, das nach Wortenden sortiert ist, gibt es den Eintrag “ensch” gar nicht.

Aus der Literaturgeschichte kenne ich vier Beispiele für Tricks, mit denen das Fehlen eines regulären Reims auf Mensch umgangen wird:

 

1. Heinrich Heine:

 

“Fehlt etwa einer vom Triumvirat,

So nehmt einen anderen Menschen,

Ersetzt den König des Morgenlands

durch einen abendländ´schen.”

 

2. Peter Rühmkorf verfährt ganz ähnlich, vielleicht eine Spur eleganter als Heine:

 

“Die schönsten Verse des Menschen

- nun finden Sie schon einen Reim!- 

sind die Gott­fried Bennschen”

 

3. Funny van Dannen hat es sich etwas leichter gemacht und ist in dem wundervollen Lied “Lebewesen”, das weiter unten schon mal eine Rolle spielte, lässig ins Englische ausgewichen:

 

“Sie heißen Milbe und sie heißen Mensch

Sie leben zusammen auf einer Ranch”

 

4. Diesen Trick habe nun wieder ich mir abgeschaut und in einem längeren Gedicht so variiert:

 

“Denn nichts ist so reizvoll wie Menschen auf Menschen.

Der Reim jetzt wird schwierig. Also: Attention!

Let´s switch very quickly to Menschen auf Pferden,

die am Horizont mählich zu Pünktchen werden.”

 

Schwierig ist es mit Mensch und Menschen, knifflig auch mit der Menschheit insgesamt.  Ein Problem, das naheliegenderweise Eckhard Henscheid gültig in Worte gefaßt hat:

 

“Der einzige Reim auf Menschheit

Ist nun mal – da beißt die Maus keinen Faden ab:

Eckhard Henscheid”

 

Wer sich einen Reim auf Menschheit machen möchte, kommt um Eckhard Henscheid nicht herum.  Das weiß natürlich auch Wiglaf Droste, der den Winter ganz frisch so bedichtet:

 

“Die Bäume haben keine Blätter mehr,

sie haben nur noch Blattern

Die Menschheit tut sich ähnlich schwer

und züchtet Rattennattern

 

Sie sperrt sich in sich selber ein,

späht ängstlich durch das Gatter

Misstrauisch will ich niemals sein

ich glaub, ich mach die Flatter

 

Nach Süden ziehts mich kalamarisch

zu Hacks’schen Dardanellen

Selbst bis Havanna, Kuba fahr isch

ans Meer zu Wind und Wellen

 

Und ihr? – Zählt mürrisch Geld und döst.

Lest, Vollidioten, Henscheid !

Wer einen Menschen nur erlöst

erlöst der nicht die Menschheit ?

 

Ich glaube, die Antwort lautet: Eigentlich ja.

Resümee

ist ein Wort, bei dem ich mir immer ein wenig unsicher bin, wie es geschrieben wird. So wie oben ist es richtig.

Die meisten Gedichte von Dorothy Parker gibt es bislang nicht in deutscher Übersetzung.  Weil ich sie trotzdem lesen wollte, suchte ich mit Hilfe des nützlichen ZVAB nach einer amerikanischen Ausgabe – und wurde in einem New Yorker Antiquariat fündig.

Wenige Tage später erhielt ich per Post ein sehr ansehnliches – und trotzdem erschwingliches -,  gebundenes Buch mit den Collected Poems von Dorothy Parker aus dem Jahr 1937.  Darin auch dieses kleine Meisterwerk hier:

 

Résumé

 

Razors pain you;

Rivers are damp;

Acids stain you;

And drugs cause cramp.

Guns aren´t lawful;

Nooses give;

Gas smells awful;

You might as well live.

 

Und so hörte es sich an, wenn Miss Parker das Gedicht persönlich vorlas:

Dorothy Parker liest “Résumé”

Vermutlich weil es recht bekannt und besonders schön ist, gibt es von  “Résumé” eine deutsche Übersetzung, noch dazu eine vortreffliche, nämlich von Claus Sprick.  Veröffentlich wurde sie vor vielen Jahren im Literaturmagazin ´Der Rabe´.  Ich möchte mich sogar zu der Behauptung versteigen, daß der Schluß des Gedichts in der deutschen Übersetzung besser ist als im Original. Doch lesen Sie selbst:

 

Resümee

 

Rasierklingen ritzen

Flüsse sind naß

Säuren spritzen

Gift macht blaß

Schlingen muß man knoten

Schüsse gehn daneben

Sprengstoff ist verboten

Bleibste eben leben

 

Lakonischer läßt sich ein fröhlicher Fatalismus doch nicht auf den Punkt bringen als in diesen drei Worten: “Bleibste eben leben”.

Und wo wir kurz vor Jahresende resümierend schon beim Thema Selbstmord sind, möchte ich nicht verabsäumen, auch eines meiner liebsten Lieblingslieder zu verlinken. Nämlich jenes, das zu Beginn jeder Folge der im Korea-Krieg angesiedelten Fernsehserie “M*A*S*H” zu hören war:

Johnny Mandel singt “Suicide is painless”

Und wieder eine wundervolle Schlußzeile:

“And you can do the same thing if you please.”

Von Frau Astrid aus dem Stegreif elegant so übersetzt:

“Und du kannst, wenn du willst, das selbe tun.”

Fromme Wünsche

Komm, lieber Gott, und mache

die Erde wieder schön,

denn Haß, Neid, Gier und Rache

sind nicht mitanzusehn.

 

Komm, lieber Gott, und schalte

dich mal hier unten ein.

Sei tatkräftig und walte

- wir schaffens nicht allein.

 

Komm, lieber Gott, und heile

die Kranken auf der Welt

und anschließend verteile

gerecht Brot, Wasser, Geld.

 

Komm, lieber Gott, und schütze

die zart sind, schwach und klein.

Gib denen auf die Mütze,

die roh sind und gemein.

 

Komm, lieber Gott, und mache,

daß alle Welt sich liebt.

Und dann noch eine Sache:

Mach auch, daß es dich gibt.

Aus dem Leben eines Lehrers

Freund Martin berichtet von seinen Erfahrungen als Lehrer für Deutsch und Musik:

Den “Taugenichts” hab ich mal mit einer neunten Klasse gelesen, hinterher kam die gefürchtete Frage, was das denn jetzt gebracht habe – auf die weiß ich meistens keine Antwort … (In Musik ist es natürlich noch schlimmer, da antworte ich inzwischen: “Musik bringt überhaupt nichts! Man kann sehr gut ohne Musik leben!” Danach ist der nassforsche Frager meistens still.)

Ja, was hat es gebracht? Die Frage darf man nicht stellen. Bzw. wenn man sie stellt, ist vermutlich eh schon alles zu spät. Festhalten aber darf sich, wer will, an dieser Parole hier:

 Die Kunst, sie tut nichts bringen.

Und trotzdem sollst du singen!

Leuchten

Mein liebster Klappentext ist der auf  Flann O´Briens Roman “Der dritte Polizist”:

“Handelt es sich um ein Fahrrad?”, fragte er.

Mehr steht da nicht auf der Rückseite des nadelwaldgrünen Suhrkamp-Taschenbuches. Ich las diesen einen Satz damals in der Bonner Buchhandlung Bouvier, kaufte das Buch sofort – und wurde nicht enttäuscht.

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Sehr gut aber auch der Klappentext auf diesem leuchtend gelben Buch:

Das Kind beteuert, sein geliebtes Stofftier habe eine Seele und lebe! – “Ja, wie denn und woher?” – “Vom Liebhaben!”

Gleichermaßen wünschte es, einmal ´den Edel´ eines Edelsteins ganz rein, ohne Stein, schauen und begreifen zu dürfen. – “Wie stellst du dir denn diesen Edel vor?” – “Durchsichtig, wie Licht!”

Wie Thomas Kapielski, der Mann, aus dem die leuchtenden, einleuchtenden, luziden Texte dieses Buches stammen, bei Licht betrachtet aussieht – das läßt sich am Sonntag um 17 Uhr im Kreuzberger K-Salon besichtigen. Soviel aber sei hier schon verraten: Es handelt sich um einen feinen Mann.

Thomas Kapielski ist  leider erkrankt.  Die Lesung kann deshalb an diesem Sonntag nicht stattfinden. 

Marmorkuchen (für Gerd Müller)

Freund Andreas und ich schleppen einen alten Herd samt Backofen aus dem Keller nach oben. Unterwegs frage ich ihn japsend:

” Warum ist das Teil denn so schwer?”

Darauf er:

“Vielleicht ist noch ein Marmorkuchen drin.”

*

“Marmorkuchen, den ich sehr gerne esse, bäckt meine Frau, sooft ich Appetit darauf habe.”

(Gerd Müller in seiner Autobiographie “Tore entscheiden”)

Mein All