Wie sieht die menschliche Seele aus?

Die ´Titanic´ veröffentlichte vor vielen Jahren einmal die Antworten diverser Künstler auf die Frage „Wie sieht die menschliche Seele aus?“ Ich mochte diese Serie, hätte selbst aber keinen Vorschlag parat gehabt.

Das hat sich gerade geändert. In unserer  Küche hängt ein kleines Kunstwerk, das mir Freund Andreas schenkte. Es heißt „Zimt auf Samt“, zeigt braunen Zimt auf weißem Samt unter Glas und bezieht sich auf den gleichnamigen Song der von uns beiden verehrten Band „Foyer des Arts“, für die Max Goldt die Texte und Gerd Pasemann die Musik schrieb.

Vor ein paar Tagen nahm ich das inzwischen schon 25 Jahre alte Opusculum von der Wand. Ich hatte vor, es Max Goldt zu zeigen, mit dem ich für ein Radio-Interview verabredet war. Ich hielt das kleine Bild also in Händen und dachte unvermittelt:

„So sieht die menschliche Seele aus.“ 

Wißt Ihr, was ich meine?

Wie auch immer. Max Goldt jedenfalls wußte mit dem Kunstwerk, das ich ihm unter die Nase hielt, zunächst nichts anzufangen.  War aber, als er ihm auf die Schliche kam, doch, glaube ich, ziemlich angetan. Jedenfalls bat er darum, das Kunstwerk und seinen Besitzer fotografieren zu dürfen. So geschah es dann auch.

Mir gefällt der Gedanke: Ein Mann schreibt ein Lied. Ein zweiter Mann macht daraus ein Bild und schenkt es einem dritten Mann. Der dritte Mann zeigt es dem ersten Mann. Der erste Mann fotografiert das Bild mitsamt dem dritten Mann. Der dritte Mann schreibt das alles dem zweiten Mann. Und ist damit jetzt fertig.

Kühe (6)

Auch diese herzschmerzerzeugende Meldung will unbedingt hier aufgehoben werden:

Hier auch

Wir kurvten durch Apulien, passierten den Ort  Rodi Garganico und entdeckten an einem Straßen-Verkaufsstand ein Schild, das die sprachliche Schönheit des seinerzeitigen Filmtitels von Gerhard Polt locker in den Schatten stellt:

„HIER SPRICHT ETWAS DEUTSCH“.

Phantastischer Liebhaber

Vor einigen Wochen empfahl Christian Zaschke in seiner ´SZ´-Kolumne „Hell´s Kitchen“ den Roman „Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“. Geschrieben hat ihn das italienische Autoren-Duo Fruttero & Lucentini Mitte der achtziger Jahre. Christian Zaschke beschrieb das Buch als „schlau, zart, verwegen und komisch auf eine Weise, die einen in den Herzkammern lächeln läßt“.

Dieser Empfehlung konnte ich nicht widerstehen, ich kaufte mir das Buch und las los. Die Zeit zwischen den Jahren fügte es, daß ich nicht nur abends im Bett lesen konnte, sondern auch nachmittags auf dem Sofa: vor der Siesta, nach der Siesta, angefeuert von frischem Kaffee, über Stunden, bis es draußen dunkel wurde.

Lange habe ich kein Buch mehr in Händen gehalten, das mich derartig erfreut und in Bann geschlagen hat. Die Autoren erzählen raffiniert und elegant, wechseln fast unbemerkt die Perspektiven, lassen die Figuren sehr unangestrengt miteinander sprechen. An einigen Stellen ist das Buch auch so komisch, daß ich tatsächlich und wie von Christian Zaschke versprochen in und außerhalb der Herzkammern lächeln, wenn nicht grinsen mußte. Einerseits umschiffen die Autoren beweglich die meisten – auch sexuellen – Klischees, dann aber haben sie unvermittelt sympathische Freude an kleinen Vulgaritäten.

Es gibt auch weise Passagen. Die hier zum Beispiel:

„Der erste Blick, der erste Kuß, die erste Liebesnacht sind nichts im Vergleich zum ersten gemeinsamen Lachen. Das ist der entscheidende Kontakt, der eigentlich Wendepunkt.“

Und bewegende:

„Ja, denkt Mr. Silvera, dem jetzt der englische Ausdruck wieder einfällt, es bricht ihm das Herz. Aber kann man dieses lange Schweigen brechen, um zu sagen, daß alles im Leben heartbreaking ist?“

Ich mag es, in Büchern gelegentlich auf Wörter zu stoßen, die ich noch nicht kenne und deshalb nachschlagen muß. In diesem Roman zum Beispiel begegnete mir eine venezianische Verkäuferin mit „zyklamfarbenen Lippen“, ich durfte in eine „Posamenterie“  spähen und in eine Bar, deren Schäbigkeit Fruttero & Lucentini so skizzieren:

„Es gab keine Stühle, die Jacke des Barmanns wirkte schon von weitem schmutzig, und unter einer Plastikglocke waren ein paar belegte Brötchen aufgereiht, die wie bedrückte Rentner, die nicht mehr am Leben teilhaben, ihr Schicksal erwarteten.“

Wenn schon Vergleiche, dann bitte solche.

In Bann geschlagen hat mich das Buch natürlich auch wegen des Plots und der alles entscheidenden Frage nach der wahren Identität des Helden, eben jenes Mr. Silvera. So wie Christian Zaschke habe ich die Auflösung nicht kommen sehen.

Und tatsächlich bin ich mir auch nicht sicher, wie ich sie finden soll. Möglicherweise ist sie zu groß und schwer für einen so leichtfüßigen Roman. Zwischendurch war ich kurz davor, verstimmt zu sein angesichts dieser Wendung. Das hat sich dann aber schnell gegeben. Das Ende und den Abschied des Liebespaares fand ich wieder großartig.

So großartig, daß ich das Buch gleich in einer antiquarischen Ausgabe für einen Freund bestellt habe. Die ist hoffentlich ansehnlicher als die etwas lieblos gestaltete aktuelle Taschenbuch-Variante.

Demnächst werde ich mir auch die Autobiographie von Carlo Fruttero anschaffen. Zuletzt lebte er in einem kleinen Küstenort der südlichen Toskana. Zufällig war ich im vergangenen Sommer genau dort Eis essen – ohne zu ahnen, daß noch vor ein paar Jahren dieser famose Herr mit Zigarette hier herumspazierte.

Eine Frage und eine Antwort zum Thema Vergänglichkeit

Frage

Immer wenn ich was Schönes sehe,

denk ich: Wie lange noch?

Denke: Es ist zwar schön, aber wehe!

Es vergeht ja doch.

Noch ist es schön,

aber bald ist es alt.

Noch ist es schön,

aber dann ist es dran.

 

Wenn wenigstens die Liebe bliebe.

 

Ich weiß es nicht

und hätt gern Gewißheit.

Ich weiß es nicht

und würde gern wissen,

ob, wenn nichts für immer besteht,

auch die Vergänglichkeit vergeht.

 

Antwort

Du leidest an der Vergänglichkeit?

Glaub mir, das geht vorbei.

Rätselhafter Respekt

Beim türkischen Bäcker am Eck hängt Werbung für das sogenannte „Bamberger Hörnchen“. Auf dem Bild ist ein Croissant mit einem gerollten Stück Butter drauf zu sehen. Darüber steht:

„…nie wurde der Hunger so respektiert.“

Aber wie respektiert man den Hunger? Indem man schlankweg ein „Bamberger Hörnchen“ ißt? Wäre es dem Hunger gegenüber nicht am respektvollsten, gar nichts zu essen? Den Hunger Hunger sein zu lassen? Zeugt es nicht von Respektlosigkeit, wenn nicht gar disrespect, dem Hunger mit reflexhafter Nahrungsaufnahme zu begegnen und ihn dadurch zu beenden oder zumindest kleiner zu machen?

Und warum eigentlich heißt bei meinem Bäcker das Buttercroissant „Bamberger Hörnchen“, obwohl das doch eigentlich eine alte Kartoffelsorte aus Franken ist?

Rätsel über Rätsel. Weiß wer Rat?

Was schön ist (9)

Da stehst Du samstagmorgens pünktlich um 8h59 vor dem Café, wirst eine Minute später eingelassen, hast als erster Gast das Recht des Zugriffs auf die noch unberührte ´Süddeutsche Zeitung´, bestellst einen Americano, ein Tramezzino und ein Cornetto, verfügst dich mit all dem an einen Tisch im hinteren Bereich, vertiefst dich ins Blatt, mußt ein bißchen weinen bei der Lektüre eines Artikels über Angela Merkels  Besuch in Auschwitz, machst dir Notizen, nicht tippend ins Handy, sondern mit neuem  Kaweco-Stift auf Serviette, arbeitest dich vor bis zum Gesellschafts-Teil, in dem Christian Zaschkes Kolumne „Hell´s Kitchen“ als Höhepunkt auf dich wartet, und wirst nicht enttäuscht, denn darin findest du die Formulierung, der Roman „Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ von Fruttero & Lucentini sei „schlau, zart, verwegen und komisch auf eine Weise, die einen in den Herzkammern lächeln läßt“

– und darfst darob in den Herzkammern lächeln.

Mein All