Ein schönes Ferienerlebnis

Aber eben auch viel Schönes. In der Welt.

Mir zum Beispiel widerfuhr vor einigen Tagen Folgendes:

Ich besuchte Freund Andreas in Köln. Am späteren Abend brach ich wieder auf und nahm die U-Bahn vom Neumarkt zum Hauptbahnhof.  Das sind nur zwei Stationen, dachte ich, es reicht also, wenn du dir am Hauptbahnhof die Fahrkarte Richtung Siegburg kaufst. Die U-Bahnfahrt wäre damit quasi rückwirkend abgedeckt. Moralisch alles einwandfrei. Und um diese Zeit kontrolliert ja eh keiner.

Kurz vor Erreichen des Hauptbahnhofs stellte ich mich an den Ausgang des U-Bahn-Waggons und nahm zuerst zu meiner Rechten eine sehr sympathisch aussehende junge Frau möglicherweise asiatischer Herkunft, dann zu meiner Linken eine Kontrolleurin der Kölner Verkehrsbetriebe wahr, die sich  bedrohlich näherte und just mit Erreichen des Bahnhofs nach unseren Fahrkarten fragte.

“Ich fürchte, ich habe keine.” So ich.

“Warte mal, ich habe einen Studentenausweis. Falls ich ihn finde”. So die junge Frau zu meiner Rechten.

Gemeinsam verließen wir die U-Bahn: die Kontrolleurin, die junge Frau und ich. Während ich über die Höhe des zu gewärtigenden Bußgeldes und das Verpassen meines Anschluß-Zugs nachdachte, wühlte die junge Frau in ihrer Handtasche und klaubte schließlich den gesuchten Studentenausweis heraus. Sie hielt ihn der Kontrolleurin vor die Nase, deutete dann mit einer Kopfbewegung auf mich und sagte:

“Ich nehm ihn mit.”

Die Kontrolleurin akzeptierte das und ging ihrer Wege. Ich bedankte mich verdutzt, aber herzlich bei der jungen Frau.  Und murmelte ihr wie verzaubert hinterher:

“Unglaublich entzückend.”

Meine Retterin drehte sich noch einmal um, zwinkerte mir zu – und entschwand.

Alles aufs gleiche

Früher, wenn ich gemeinsam mit meiner Mutter die “Tagesschau” o.ä. sah, pflegte sie schlechte Nachrichten seufzend mit dem Satz zu kommentieren:

“Es ist viel Leid in der Welt.”

Damals erschien mir dieser Satz banal. Heute denke ich: Besser und allgemeingültiger kann man es eigentlich nicht sagen. Angesichts der belastenden Ballung von Terror, Trump, Türkei ließe sich das Hauptwort “Leid” bei Bedarf auch durch “Haß” oder “Dummheit” variieren. Läuft letztlich aber alles aufs gleiche hinaus.

Gernhardt-Gedenken in Göttingen

Heute vor zehn Jahren ist Robert Gernhardt gestorben. Einer meiner liebsten Reime des nicht nur in Reimangelegenheiten ziemlich unerreichbaren Dichters ist der gleich zu Beginn des Gedichts “Nachdem er durch Metzingen gegangen war”:

“Dich will ich loben: Häßliches,

du hast so was Verläßliches.”

An diesen Geniestreich mußte ich denken, als mir auf Umwegen folgende Fotos aus Göttingen zugespielt wurden:

Gernhardt 1

Gernhardt verbrachte große Teile seiner Kindheit und Jugend in Göttingen, weshalb die Stadt ihn vor ein paar Jahren mit einem eigenen Platz ehren zu müssen meinte bzw. sich selbst damit schmücken zu dürfen glaubte. Und das tat sie, wie Christoph Dresslers Fotos belegen, mit feinem Gespür dafür, welche Ecke besonders gut zu Gernhardts Werk passen könnte.

Gernhardt 2

Nicht zu seinem Gesamtwerk, sondern zu eben jenem Gedicht, das ich für meine Zwecke vorübergehend umtaufen möchte:

 

Nachdem er durch Göttingen gegangen war

 

Dich will ich loben: Häßliches,

du hast so was Verläßliches.

 

Das Schöne schwindet, scheidet, flieht -

fast tut es weh, wenn man es sieht.

 

Wer Schönes anschaut, spürt die Zeit,

und Zeit meint stets: Bald ist´s soweit.

 

Das Schöne gibt uns Grund zur Trauer.

Das Häßliche erfreut durch Dauer.

 

(aus Robert Gernhardt, Gesammelte Gedichte,  S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005)

Zwischen Brodsky und Fried

Regal Nina Siegers

In meiner unverstellt egomanischen Reihe “Wo stehe ich eigentlich?” blicken wir heute in das Regal von Nina Siegers. Sie hat dieses Foto freundlicherweise unverlangt eingesandt und so  kommentiert:

“Also bei mir stehst Du selbstverständlich unter den Dichtern. Zwischen Dich und Gernhardt hat sich leider eine Jugendsünde von mir geschoben…  Es ist was es ist.”

Sänger gesucht

Mitte Mai  habe ich hier (s.u.) mein Gedicht “Die Hälfte des Lebens in drei Variationen” veröffentlicht – und im Rubbeldidupp hat der Pianist Andreas Göbel es vertont:

Die Hälfte des Lebens – Noten

Für die, die mit Blick auf die Noten die anmutige kleine  Melodie noch nicht hören können, hat der Komponist höchstselbst  die Klavier-Fassung eingespielt:

Die Hälfte des Lebens – Klavier

Was nun noch fehlt, ist eine intonationssichere, nach Möglichkeit männliche Stimme, die den Text dazu singt. Ewiger Ruhm und immerwährende Dankbarkeit jetzt schon garantiert.

Alis Lyrics

Nicht daß ich mich sonderlich auskennte im Boxsport und im Leben Muhammad Alis. Daß aber dieser schöne und starke Mann auch ein Mann des gesprochenen Wortes und der Poesie war, ist mir dank des furiosen Dokumentarfilms “When We Were Kings” aus dem Jahr 1996 nicht verborgen geblieben.

“Float like a butterfly, sting like a bee.

Your hands can’t hit what your eyes can’t see.“

Wer den eigenen Box-Stil so rhythmisch und bildmächtig und ohrwurmträchtig in Worte zu fassen vermag,  läßt manchen hauptamtlichen Dichter samt seiner blutarmen Verse schon ein bißchen alt aussehen.

Gefreut habe ich mich auch über die im FAZ-Nachruf erwähnte Angewohnheit des jungen Ali, den Verlauf des bevorstehenden Kampfes in Reimform  und möglichst präzise mit Rundenangaben vorherzusagen:

“This guy must be done/I´ll stop him in one.”

“Archie Moore/will be on the floor/in round four”

In die Annalen der Literaturgeschichte eingegangen ist Ali mit einem Auftritt vor Absolventen der Harvard-Universität im Jahr 1975. Ein Zuhörer bat ihn um ein Gedicht. Ali dachte kurz nach und sagte dann:

“Me. We.”

Dieses Poem gilt als das kürzeste der Weltliteratur und läßt viel Spielraum für Interpretation. (Es gibt auch die These, das Gedicht habe “Me? Whee!” gelautet. Erscheint mir aber weniger plausibel.)

Ali hat sich gewünscht,  als anständiger Mensch und großer Boxer in Erinnerung zu bleiben.  Doch auch in den Gefilden der Poesie verfügte er über einen sehr respektablen Punch.

P.S. Für die lustvolle Ali-Exegese besonders gut geeignet ist nicht nur der oben erwähnte Film, sondern auch Jan Philip Reemtsmas kluges und weitgehend unverkopftes Buch “Mehr als ein Champion. Über den Stil des Boxers Muhammad Ali”.

P.P.S.  Weiterbildung auch per Video möglich. Zum einen Billy Crystals furiose Rede inklusive liebevoller Imitation auf der Trauerfeier für Ali:

Trauerrede

Darin erwähnt Crystal auch sein Kurzdrama “15 Rounds” aus dem Jahr 1979, in dem er Alis Boxer-Leben in zehn Minuten komisch und anrührend auf den Punkt bringt. Dabei Muhammad Ali schönerweise ständig als Zuschauer im Bild:

15 Rounds

P.P.P.S. Dem Buch “Rummel im Dschungel – Eine Reportage aus Kinshasa” von Bill Cardoso entnehme ich nachträglich ein wichtiges Detail:  Demnach hatte Ali in seinem langjährigen Betreuer Drew Bundini Brown eine Art Hausdichter und verbalen Sparrings-Partner.  In dieser Funktion war Brown maßgeblich an der Entstehung von Kleinkunstwerken wie “Float like a butterfly” beteiligt.