Lob der Realität (2)

Wie wohlgestaltet die Wirklichkeit gelegentlich sein kann:

Ich liege auf dem Sofa und lese in dem Buch „Tausend deutsche Diskotheken“ von Michel Decar. Der Erzähler, ein Privatdetektiv, bespricht mit einem Mitarbeiter eine Recherchereise durchs Rheinland und will ihn in Bonn absetzen (S. 117):

„Du kennst doch bestimmt irgendwen an der Friedrich-Wilhelms-Universität, bei dem du ein paar Tage auf der Couch pennen kannst, oder nicht?“

Ich lese das, und bemerke, daß ich ein T-Shirt mit der Aufschrift „Friedrich-Wilhelms-Universtität Bonn“ trage.

So hängt alles mit allem – nicht zufällig, sondern wunderlich  – zusammen.

Lob der Realität

Wie wohlgestaltet die Wirklichkeit gelegentlich sein kann:

In der Kantine kaufe ich mir eine Flasche Wasser und einen Kaffee für insgesamt 2 Euro 78. Auf die Schale neben der Kasse lege ich, ohne Vorsatz, eher schlafwandlerisch

 eine 2 Euro-Münze

eine 50 Cent-Münze

eine 20 Cent-Münze

eine 5 Cent-Münze

eine 2 Cent-Münze

eine 1 Cent-Münze

Fast alle Münzen, die es gibt: schön der Größe und dem Wert nach geordnet. Ob es dem Kassierer aufgefallen ist?

Immer niemals nie

Gestern auf dem Bildschirm in der U 7 die Meldung, die  Schauspielerin Jessica Ginkel schließe eine Rückkehr in die Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ nicht aus. Ihre niederschmetternde Begründung:

„Ich sage immer: Sag niemals nie.“

Ich aber sage ihr und Dir:

„Sag niemals: Ich sage immer.“ 

Gedicht für Kurt Scheel

Kalter Abend im November

 

Es war ein kalter Abend im November.

Ich lief leicht fröstelnd durch Charlottenburg

und mußte eine Stunde überbrücken.

 

So suchte ich das Warme und ich fand es

in einem angesagten Restaurant.

Bestellte Hühnersuppe,

bestellte Ingwertee

bei einer furchteinflößend schönen Kellnerin.

 

Die furchteinflößend schöne Kellnerin,

sie brachte Ingwertee und Hühnersuppe,

in der ein hartgekochtes Ei schwamm,

geteilt in zwei Hälften.

Es schmeckte sehr gut.

 

Ich aß Hühnersuppe und trank Ingwertee

und schaute

der furchteinflößend schönen Kellnerin

bei ihrer Arbeit zu.

 

Von der Kantstraße zur Bleibtreu.

Dort unter der Brücke

lag im Dunkeln

ein Mann im Schlafsack,

bäuchlings,

aufgestützt,

vor sich ein Buch.

Er las im Schein einer Taschenlampe.

 

Ich ließ ihn links liegen.

Dann kam ich zum Kino.

Der Mann,

mit dem ich verabredet war,

stand schon da.

Er schenkte mir ein Buch, das er doppelt hatte:

Gedichte von William Carlos Williams.

Der Umschlag leuchtete orange.

Wir setzten uns rein, der Film begann.

Es ging um einen Busfahrer, der Bus fährt

in Paterson, New Jersey.

Und der Gedichte schreibt

in Paterson, New Jersey.

 

Morgens geht er zur Arbeit,

zu einem großen Depot,

und holt seinen Bus ab.

Er lenkt ihn aus der Garage

und fährt auf die Straßen

von Paterson, New Jersey.

Es tut gut, ihm dabei zuzusehn.

 

Seine Frau backt immerzu Kuchen.

Und er geht abends immer mit dem Hund.

Leint ihn an,

trinkt ein Bier

in einer Bar,

geht zurück,

zieht sich aus,

legt sich ins Bett

und schmiegt sich an

seine wirklich ziemlich liebenswerte Frau.

 

Eines Tages, in diesem Film

von, Ihr wißt schon, Jim Jarmusch,

zerfetzt der Hund das Notizbuch

und alle Gedichte

des Busfahrers.

Sie sind jetzt unlesbar.

 

Der Busfahrer ist traurig.

Er geht spazieren,

ohne den Hund,

und setzt sich auf eine Bank.

 

Dann kommt ein Mann aus Japan.

Der Mann aus Japan spricht den Busfahrer an.

Die beiden reden über William Carlos Williams.

 

Dann fragt der Mann aus Japan:

Sind sie auch ein Dichter aus Patelson, New Jelsey?

Und der Busfahrer sagt

nach kurzer Bedenkzeit:

Nein, ich bin nur der Busfahrer.

 

Der Film war aus.

Wir verließen das Kino,

gingen auf die andere Straßenseite

in eine Kneipe

und tranken noch Bier.

 

Der Mann, mit dem ich Bier trank, sagte:

Das war doch Ihr Film.

Sie sind doch auch Dichter.

Er sagte das mit einem Lächeln.

Ich lächelte auch

und erwiderte dann,

nach kurzer Bedenkzeit:

Nein, ich bin nur der Busfahrer.

 

Wir trennten uns

und ich ging zurück

unter der Brücke

an der Bleibtreu entlang.

 

Der Mann mit der Taschenlampe

war eingeschlafen.

Trost von Thoreau und Sankt Neff

In Maggie Nelsons Buch „Bluets“ (S. 37) stieß ich auf ein Zitat von Henry David Thoreau, das mir gefiel:

„Warum sollte ich mich einsam fühlen? Ist unser Planet nicht in der Milchstraße?“

Es gefiel mir an sich, aber auch, weil es mich an ein ähnlich gelagertes Gedicht von Sankt Neff erinnerte:

Ein kleiner Trost, mehr nicht:

Im Weltall brennt noch Licht.

Neulich in Andalusien (2)

Stolz bin ich, weil mich der Kellner

nach dem morgendlichen Kaffee

und dem ordentlichen Trinkgeld

dankend „Caballero“ nennt.

 

So stolziere ich, ganz Ritter,

aus der Kaffee-Bar zum Auto,

zünde meine Pferdestärken,

fahre würdig durch die Stadt.

 

Bis zu einem Zebrastreifen,

wo ich jungen Reiterinnen

großzügig den Vortritt lasse,

Caballero, der ich bin.

Spätsommerfrühherbst

´Heute mal kein Stress´, dachte der Fuchs, als er im Park über die Wiese lief. Ganz gegen seine Gewohnheit hatte er nachts nichts als geschlafen. Soeben war die Sonne aufgegangen. Der Fuchs spürte den Tau im Gras und freute sich an der Abwesenheit von Menschen.

Dann erreichte er die Stelle unterhalb seines Lieblingsbaumes. Der Fuchs glaubte, daß sich speziell in diesem Baum Gott verkörpere. Ein guter Ort also, um Tai Chi zu üben. Der Fuchs hatte so oft Menschen dabei beobachtet, wie sie diese fernöstliche Bewegungskunst praktizierten, daß er sie inzwischen selbst beherrschte. Er stellte sich auf die Hinterbeine und begann mit den Vorübungen, indem er die Vorderbeine von oben nach unten und von unten nach oben schwingen ließ. Sein Schwanz schmiegte sich währenddessen ins feuchte Gras.

Als der Fuchs das Tai Chi-Programm beendet hatte, schaute er auf die Armbanduhr. In fünf Minuten würde sein Lieblings-Café öffnen. Entspannt und gut durchblutet machte er sich auf den Weg. Den Abhang hinunter genoss er es, der Schwerkraft ihren Lauf zu lassen.

(aus einer noch unveröffentlichten Fabel)