Schutzmantelmadonna

Die hier früher schon gerühmte Künstlerin Barbara Wrede schickte mir gute Wünsche zum neuen Jahr, denen sie mit der modernen Version einer Schutzmantelmadonna Gestalt gab. Weil ich ja nicht nur im katholischen Rheinland aufgewachsen bin, sondern auch meine Magister-Arbeit über Eckhard Henscheids Novelle „Maria Schnee“ geschrieben habe, bin ich für alles Marienmäßige sehr empfänglich. Möge uns Barbara Wredes Schutzmantelmadonna durch ein zumindest ansatzweise fried- und liebevolles Jahr begleiten. Ich jedenfalls fühle mich in ihrer Gegenwart gut aufgehoben.

Running Gag (2)

Jetzt, wo ich beim Joggen im durchaus weitläufigen Park fünf Mal hintereinander sonntags immer an der selben Stelle, aber immer zu leicht abweichenden Uhrzeiten die selbe Kollegin getroffen habe, ebenfalls laufend, nämlich mir entgegen, ohne daß wir uns auch nur ansatzweise dazu verabredet hätten, habe ich da nicht allmählich wirklich das  Recht von einem running gag zu sprechen? Ich denke doch schon.

Running Gag

Wenn du dir an sehr kalten Tagen zum Laufen untenrum die alte, schon etwas verschlissene Schiesser anziehst und darüber eine Trainingshose, obenrum ein T-Shirt mit Esel drauf, darüber ein Langarmshirt aus Pismo Beach, darüber eine olle Trainingsjacke von Tommy Hilfiger und darüber einen Hoodie der Universität Bonn, dessen Kapuze du noch über die Bommelmütze von Neff ziehst, du außerdem mit einem Halstuch geschützt über das Gleisdreieck trabst und dir dann ein Läufer mit kurzer Hose und nackten Beinen entgegengesprintet kommt, kannst du nur sagen – oder zumindest denken: Angeber.

Sankt Albern

Daß Sankt Neff unter anderem der Schutzheilige aller zur Albernheit aufgelegter Menschlein ist und deshalb gut und gerne auch

Sankt Albern

heißen könnte, davon war hier früher schon die Rede. Und daran mußte ich vorgestern wieder denken, als ich mit Frau A. zu einer Motette in der Leipziger Thomaskirche weilte. 

Während wir nämlich dort saßen und teils mit geschlossenen Augen dem wirklich virtuosen Orgelspiel des Thomasorganisten Johannes Lang und den wirklich inspirierenden Ausführungen des Pfarrers Prof. Dr. Dr. Andreas Schüle lauschten, dachte es in mir, daß es wirklich blöd wäre,

mitten in der Motette müssen zu müssen.

Tatsächlich mußte ich gar nicht, ertappte mich aber dabei, wie ich inmitten des erhabenen Ganzen diesem einerseits klangschönen, andererseits albernen Satz nachhing. Fühlte mich fast wieder wie ein Meßdiener, der der Ernsthaftigkeit seiner Aufgabe nicht gewachsen ist und stattdessen klammheimlich die kleine Albernheit weiter zu verbessern versucht, in dem er sie zunächst zu

„mitten in der Mette müssen zu müssen“

frisiert, dann zu

„mitten in der Messe müssen zu müssen“.

Ganz schwer zu sagen, welche der drei Varianten die beste, also albernste ist.  Entscheidet selbst. Und falls Ihr nicht (mehr) wißt, was eine Motette ist, schlagt nach. Auch das sehr interessant.

Kleine Welt (2)

Völlig verständlich ist es und legitim, an stillen Tagen wie diesen von der Welt mal kurz nichts wissen zu wollen, also Netz, Nachrichten und Bildschirme aller Art zu meiden. Nur ein einziges Video schaute ich mir einer Intuition folgend am 1. Weihnachtstag auf youtube an, nämlich dieses hier:

Ein grandioser Song, geschrieben von Rufus Wainwright und noch grandioser interpretiert von George Michael, dessen Qualitäten als Sänger ich, shame on me, viel zu spät erkannt habe. Und auch erst leicht zeitversetzt wurde mir klar, daß ich mir dieses Video ausgerechnet an seinem 9. Todestag anschaute.

George Michael und ich – das ist außerdem ein weiterer Beleg für die Kleine Welt-Theorie, über die ich hier schon vor einigen Monaten geschrieben habe. Ihr wißt schon: das Small-World-Experiment von Stanley Milgram, auch bekannt als Six Degrees auf Separation. Also: Jeder kennt jede auf der Welt über sechs Ecken. Oder fünf. Oder sieben.

In diesem Fall sind es ungefähr zwei: Über meinen Musiker-Freund Lothar Ohlmeier lernte ich den britischen Saxofonisten Andy Schofield kennen, der mit einem Auftritt seines großartigen Bläser-Quartetts meine kleine Lesebühne gleich zwei Mal beehrte. Ein weiteres Gastspiel im K-Salon war geplant, mußte von Andy Schofield dann aber abgesagt werden. Sagenhafte Begründung: Er sei zu diesem Zeitpunkt mit George Michael auf Tournee.

Mit nur leicht angeberischer Übertreibung könnte ich also behaupten:

George Michael spannte mir den Musiker aus.

Das Video oben stammt übrigens genau aus jener Tour, bei der Andy Schofield als Solo-Saxofonist am Start war. Kleine Welt.

Nochmal Milchstraße

Nicht nur daß das Söhnchen zwischenzeitlich gesund und munter zum Sohn und morgen 21jährigen Sohnemann herangereift ist, sondern auch daß er als angehender Tischler willens und in der Lage ist, dir zum auf dem Flohmarkt erstandenen Milchstraßen-Druck eigenhändig einen Rahmen zu bauen und Weihnachten unter den Baum zu legen –  beides zusammengenommen kann dich dann schonmal mit voller Rühr-Wucht überwältigen. Tags drauf, mit etwas Abstand, regiert dann die reine Freude.

Wo wohnt Gott?

Ich wohne ja ewig schon Milchstraße 7,
weil mir die Gegend ganz einfach gefällt.
Die Mieten sind bislang  bezahlbar geblieben –
also:  die beste Adresse der Welt.
Ich hoffe, ich werde hier niemals vertrieben
von so Gestalten mit allzu viel Geld,
und schaue am Fenster der Milchstraße 7
weiter gebannt und leicht bang auf die Welt.

Lektionen (12)

„Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie.“

(Hugo von Hofmannsthal, Der Rosenkavalier)

*

Achtung

Man lebt so vor sich hin, es tut sich ja nicht viel.
Doch Achtung: Tag für Tag steht alles auf dem Spiel.