Nochmal Zwieback

Heinz Strunks Kolumne „Intimschatulle“ ist für mich einer der wesentlichen Gründe, weiterhin regelmäßig die ´Titanic´ zu kaufen und zu lesen. Seit einiger Zeit beschimpft der Autor Autos, die ihm mißfallen,  fiktive und non-fiktive. Mich erfreut die Maßlosigkeit und Obszönität seiner Tiraden. Nur einmal fühlte ich mich ein wenig gekränkt, als er nämlich auch den mir teuren und lieben Renault Kangoo mit unflätigem Haß überzog – zu Unrecht, wie jeder Mensch weiß, der je einen Renault Kangoo besaß. Auch in der aktuellen ´Titanic´-Ausgabe kennt der Heinzer keine Gnade:

„Drecksschüsseln, die sich bei voller Fahrt am besten durch dickflüssige Ficksahne ihren Weg bahnen: VW Touareg, Citroën Defekt, Ford Zwieback.“

Haiku für Heyko

Mein Freund Andreas bat mich, für seinen Freund Heyko ein Haiku zu schreiben.  Folgendes gab er mir an die Hand:

Jener Heyko sei ein sehr, sehr guter Bassist, überdies geschmackvoll, gebildet, Jazz-Liebhaber. „Außerdem haben wir beide Zahnschiefstand.“ Was er mit diesem Selfie hier belegte:
Ich probierte also ein bißchen herum und fabrizierte dann folgende Heyko-Variationen:

 

Das ist der Bass-Mann.

Er heißt Heyko, nicht Haiku.

Das hier ist für ihn.

 

Am Fluß sitzt ein Mann.

Schaut. Lauscht. Glitzern und Plätschern.

Now´s the time, Heyko.

 

Haiku sind heikel.

Sie klingen schnell nach Kunstkitsch.

Findet auch Heyko.

 

Links grinst Andreas:

Selbstsporträt mit Zahnschiefstand:

Rechts grinst der Heyko.

 

Es heißt von Heyko,

sein IQ sei sehr, sehr hoch.

Man nennt ihn High Q.

 

Heyko und Heike:

Sie machen Liebe all night.

Raus kommt ein Haiku.

 

Es gibt Gedichte,

die mit dem Titel enden:

Haiku für Heyko.

Neulich in Kreuzberg (3)

Sonntag vormittag, kalt.  Ich bringe den Müll weg. Und sehe aus den Augenwinkeln einen jüngeren Mann vor der geschlossenen Zahnarztpraxis im Hof stehen:

Er schaut in die Sonne und putzt sich die Zähne.

Auf dem Rückweg wage ich noch einen Kontrollblick: Ja, er tut es tatsächlich. Ist komplett angezogen, mit Mantel und Rucksack und allem, steht in der Wintersonne und putzt sich die Zähne.

Beatrix, Janin und Jürgen haben eine Antwort:

Wußt ichs doch, daß Verlaß ist auf Euch:

Gleich am Morgen nach meinem letzten Eintrag mit der Frage zu Čechov halfen mir die schlaue Beatrix und die schlaue Janin auf die Sprünge:

Das russische Wort für „Zwieback“ laute „суха́рь“ und werde ungefähr „ẞuchar“ (Betonung auf der zweiten Silbe, das r gerollt) ausgesprochen.

Der schlaue Jürgen wußte zu ergänzen: „In diesem Substantiv steckt das Adjektiv ´suchoj = trocken´. Ganz direkt heißt es tatsächlich ´Zwieback´ und übertragen meint es ´einen knochentrockenen Menschen, einen Zahlenmenschen, einen Langweiler´.“

Er fand dann auch den entsprechenden Satz im Čechov-Original:

„Я бы дорого дал, чтобы посмотреть, как этот сухарь спит со своей женой.“

Was, zur lachenden Erinnerung, auf deutsch heißt:

„Ich gäbe viel darum, einmal zu sehen, wie dieser Zwieback mit seiner Frau schläft.“

Ich habe eine Frage:

Auf der Suche nach verlockender Lektüre stand ich in der staden Zeit mit viel Zeit vor dem Regal und entdeckte einen schmalen, dunkelblauen Buchrücken: Anton Čechov, „Drei kleine Romane“. Ich machte mir einen Kaffee, setzte mich an den Küchentisch und schlug das Buch auf. In die Hand fiel mir ein weißes Kärtchen mit einer schön handgeschriebenen Botschaft, der ich entnahm, daß mir Christiane dieses Buch vor mehr als zehn Jahren geschenkt hatte. Ich begann den ersten der drei kleinen Romane zu lesen. Er heißt „Eine langweilige Geschichte“. Auf Seite 17 beschreibt Čechov einen drögen Wissenschaftler, der unausgesetzt in sein Mikroskop schaut und darüber die Welt vergißt. Und ziemlich unvermittelt gesteht der Erzähler:

„Ich gäbe viel darum, einmal zu sehen, wie dieser Zwieback mit seiner Frau schläft.“

Darüber mußte ich lachen. Erstens, weil der Erzähler das so freimütig kundtut. Zweitens,  weil ich mir den drögen Mann auch gleich dabei vorstellte. Und drittens über die feine Beleidigung „Zwieback“.

Ich gäbe viel darum, einmal zu wissen, welches Wort denn da wohl im russischen Original steht.

Gibt es unter den, wie ich weiß, vielseitig gebildeten Leserinnen und Lesern dieses Blogs jemanden, der die Frage beantworten kann? Ich täte mich freuen und erkenntlich zeigen.

Silvester-Slapstick

Wer Freude an Slapstick hat, der oder dem sei nicht nur das jüngste Weihnachts-Video der Band Erdmöbel (s.u.) empfohlen, sondern auch ein Auftritt des komischen Schauspielers Jim Carrey bei David Letterman im Dezember 1999.  Das Video ist nicht von bester Qualität, aber dennoch ein großartiges Dokument. Nach etwa 6´30 fragt Letterman Jim Carrey, wie er das Millenniums-Silvester zu verbringen gedenke. Und dann gibt der Komiker einen furiosen Einblick in seine Pläne:

Mein Lieblingserlöser

Vor einer Woche ist F.W. Bernstein gestorben. Sein Tod führte zu einem raren Moment in der deutschen Fernsehgeschichte. Um 20h13 nämlich sprach die von mir verehrte ´Tagesschau´-Sprecherin Susanne Daubner den denkwürdigen Satz:

„Bekannt wurde sein Zweizeiler

´Die schärfsten Kritiker der Elche

waren früher selber welche.´“

Und Frau Daubner sprach das mit geschmackvoll gesetzter Zäsur vor „selber welche“:

F.W. Bernstein in der ´Tagesschau´

Bernstein gelang also ein seltenes Kunststück:

Helligkeit und Schnelligkeit

mal zur besten Sendezeit.

Zeit seines Lebens war er ein kraftvoller Lober.

Jetzt wo er tot ist, kann ich offen reden:

Er rühmte nie sich selbst, doch sonst fast jeden.

Dieser hochgewachsene, große Mann war schon fast kriminell bescheiden. Seine Augen, so nahm ich es wahr, strahlten stets den wärmenden Glanz des Unernstes (odersoähnlich) ab. Ihm zu Ehren hier die Umarbeitung  eines seiner Gedichte:

Mein Lieblingserlöser

 

Die Welt wird immer böser.

Ich brauche siebzehn Erlöser,

und einer davon, juchhe!,

ist und bleibt FWB.

 

Im Reich der blitzenden Witze

sitzt er auf turmhoher Spitze:

Weigles Fritze.

 

Kommt die Welt auch auf kein grünes Zweigle

– immerhin gab es einmal Fritz Weigle.

Dem Bernstein sein Schimmer

bleibt uns für immer.

Sie nannten ihn Putte

Die Band Erdmöbel hat wieder ein Weihnachts-Video veröffentlicht. Es gefällt mir sehr. Insbesondere:

– das Second-Hand- Lacoste-Hemd des Sängers Markus Berges

– daß das Video in einem unglamourösen Gemeindesaal gedreht wurde

– das festliche, komische, erhebende Lied mit dem wundervollen Titel „Sie nannten ihn Putte“

– der Chor, der mir wie viele Chöre zumindest für einige Minuten den Glauben an die Menschheit zurückgibt

– die Slapstick-Einlagen des Dirigenten-Darstellers Sebastian Rüger

Kurzum: ein Geschenk, das ich mit Euch, der Gemeinde des Heiligen Neff, teilen möchte: