Alle Beiträge von Sankt Neff

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In der ´Süddeutschen´ las ich vor einer Woche einen Artikel über das Älterwerden und die Befassung mit der eigenen Sterblichkeit. Darin wird der Wiener Psychotherapeut Alfried Längle zitiert, der vom Älterwerden betroffenen  Menschen folgenden Rat gibt:

„Sie sollten erkennen, dass das Leben endlich ist, und es immer für etwas die höchste Zeit ist, weil die Möglichkeiten ständig vergehen.“

Das ist ja schon fast ein Gedicht, dachte ich. Und fügte das noch Fehlende hinzu:

 

Rat an älter Werdende wie mich

 

Erkenne allmählich die Endlichkeit.

Wohl dem, der beizeiten versteht,

daß das, was geht, ständig vergeht.

Für etwas ist immer die höchste Zeit.

Und wieder Flieder

Gottvoll blüht der Flieder wieder in Bad Belzig und der restlichen fliederaffinen Welt. Unverblühbar soll er hier festgehalten werden in Bildern zweier unverblühbarer Künstler.

Den weißen Flieder von Edouard Manet, gemalt am Ende des 19. Jahrhunderts,  darf, wer will, zur Zeit in der Alten Nationalgalerie in Berlin bewundern:

Etwa hundert Jahre später entstand der violette Flieder von Kurt Mühlenhaupt, der seit einiger Zeit in unserem Wohnzimmer hängt, wie die Spiegelungen frühlingshaften Lichts zeigen:

Welcher von beiden ist schöner? Diese Frage möchte ich nicht stellen, denn Kunst ist keine Castingshow.

P.S. Eckhard Henscheid plante mal und schrieb in Teilen schon einen Roman namens „Die Unverblühten“, der aber – zumindest bis heute – nicht das Licht der Welt erblickte. Ich fand das aber immer einen grandiosen Buchtitel.

Der heilige Ringo

Der heitere Heilige Ringo Starr gehört zu jenen Wesen, die eine Werbung für die Menschheit sind. Klingt vielleicht etwas übertrieben, aber ich schreibe es trotzdem: ein wahrhaft Erleuchteter.

Einen weiteren Nachweis für seine Heiligkeit lieferte Ringos Besuch kürzlich bei Jimmy Kimmel. Schon wenn er das Studio betritt und auf die Kamera zuläuft, ewiger Schelm der er ist, geht mir das Herz auf. Abgesehen davon erzählt er, wie er jüngst ein Konzert von Paul McCartney besucht hat: Ein 85jähriger feiert den Auftritt eines 83jährigen, mit dem er ein Leben lang innig verbunden ist. Sehr viel bewegender und erhebender geht es nicht.

Aufschlußreich auch die Episode, die Ringo über die Entstehung des heute ikonischen „Abbey Road“-Covers erzählt. Alle möglichen hochtrabenden Ideen kursierten: Fotosession in Rom oder vor den Pyramiden. Die Beatles aber entschieden sich für das naheliegend Gute: Kommt, laßt uns doch einfach hier vorm Studio über die Straße gehen.

Daß Ringo und Paul jetzt nach all den Jahren noch einmal gemeinsam einen Song aufgenommen haben, das rührt nicht nur mich, sondern schönerweise auch den 21jährigen Sohnemann. So hebt die Musik in der besten aller Welten die Schwerkraft auf – und die Zeit:

Verliebt in die Beatles (2)

Vor gut vier Jahren habe ich hier anlässlich der Dokumentation „Get back“ von Peter Jackson meine Liebe zu den Beatles in Worte zu kleiden versucht.

Genährt wurde diese Liebe zwischenzeitlich durch den aus älterem Bild- und Tonmaterial kompilierten neuen Beatles-Song,

der mich bei jedem Anschauen aufs neue rührt: Wie hier die gealterten Beatles auf die mittelalten und ganz jungen treffen, die noch lebenden auf die schon verstorbenen, wie die Zeit hier aufgehoben ist zugunsten eines heiteren, albernen, melancholischen Miteinanders – so oder ähnlich stellt sich ein Kind wie ich den Himmel vor.

Die Anfälligkeit für Sentiment wird älter werdend nicht besser, und wer liebt,  ist,  auch das nichts Neues, verletzbar.

Was weht tut, ist die Erkenntnis, daß auch die Beatles sterblich sind. Bei John und George mußten wir es schon erleben, beim für immer jungen Paul höre ich die Sterblichkeit schmerzlich im neuen Lied. Ein wirklich schöner, schlichter und sentimentaler Song, gesungen von einer deutlich gealterten und erfreulicherweise nicht KI-verjüngten Stimme:

„No one needs to cry“

– leichter gesungen als getan, lieber Paul.

Soweit meine unbeholfenen Worte zum heutigen Himmelfahrtstag.

Sophia und Hilde

Was ist das, fragte ich mich neulich, als mir der algorhitmisierte Zufall diesen Song hier servierte? Vielleicht ein Lied, das Hildegard Knef in ihren späten Jahren gemeinsam mit Till Brönner aufgenommen  hat? Nein, sagte mir das Display, das ist ein Lied von Sophia Kennedy –  das sie aber ganz sicher mit der Absicht geschrieben und  eingespielt hat, wie Hildegard Knef zu singen und zu klingen:

Mochte ich auf Anhieb. Und Johanna Adorján feiert den Song über das Feiern heute zu Recht ausführlich in der ´Süddeutschen´, vor allem die aus der Zeit gefallene Besonderheit, einzelne Konsonanten wie das r und vor allem die am Ende eines Wortes sehr deutlich zu artikulieren – eben ganz in der Tradition Hildegard Knefs:

„Man hört genau hin, auch wenn der Text ja von einem recht banalen Vorgang erzählt. Das aber so wunderschön sorglos, tänzerisch und verträumt, dass das Stück wirklich etwas angenehm Beschwipstes hat.“

Was mir am Titel des Liedes so gefällt: Man kann ihn einerseits als Aufforderung zum Einschenken eines angemessen großen Glases lesen, andererseits aber auch als elliptischen Wunschzettel: Schenke mir ein Lächeln, ein Auto, ein Lied.

P.S. Warum Hildegard Knef kwasi mit Sankt Neff, also mir, verwandt ist, könnt Ihr weiter unten, also früher, kwasi hier

Hildegarde Neff

lesen, so Ihr wollt.

Ella und Marilyn

Von Ella Fitzgerald gibt es die Legende, sie habe nie in ihrem Leben einen falschen Ton gesungen.  Ich glaube das sofort. Überprüfen läßt es sich eh nicht. Und meine Schwiegermutter Christiane, die Ella Fitzgerald in Hamburg live on stage erlebte, kann ich nicht mehr fragen.

Keine falschen Töne, aber trotzdem natürlich nicht vor Pannen gefeit. Ausgerechnet bei einem Auftritt in West-Berlin im Jahr 1960 vergaß sie den Text von „Mac the Knife“. Was peinlich hätte werden können, machte Ella Fitzgerald zu einem Bravour-Stück der Improvisation:

Im Jahr drauf wurde Ella Fitzgerald speziell für diese Performance mit einem Grammy geehrt.

Was ich aber eigentlich erzählen wollte:

Wie vom Donner gerührt hörte ich neulich zum ersten Mal in meinem Leben einen Jazz-Standard, den alle Welt kennt – außer mir: Den Song „Nature  Boy“, der 1948 von Nat King Cole veröffentlicht und seither hundertfach gecovert wurde.

Zum Beispiel eben von Ella Fitzgerald.  Die Version, die der algorithmisierte Zufall mir servierte, stammt von der späteren Ella und dem Jazz-Gitarristen Joe Pass: Stimme, Gitarre, ein kurzer, leicht mystischer Text, eine vertrackte, aber trotzdem eingängige Melodie. Kurz: ein Wunder von Lied:

„The greatest thing you’ll ever learnIs just to love and be loved in return“

P.S. Auch für dieses Album gewann Ella Fitzgerald 1977 wieder einen Grammy.

P.P.S. Weil ich nicht allzu viel über Ella Fitzgerald weiß, las ich eben noch ein wenig nach und erfuhr by the way ein wertvolles Detail: Auch Marilyn Monroe war ein großer Ella-Fan. Sie nutzte ihre Bekanntheit, um 1954 dafür zu sorgen, daß Ella Fitzgerald trotz Rassentrennung für große Bühnen gebucht wurde. Und trug so wohl wesentlich zum Durchbruch der Sängerin bei. Die beiden Frauen blieben bis zu Marilyn Monroes Tod im Jahr 1964 befreundet.

Stinkende Dichter (1)

Vor einigen Monaten ist der Journalist Georg Stefan Troller im Alter von 103 Jahren gestorben – nach einem Leben, das bewegt zu nennen ziemlich untertrieben ist. Mit 97 Jahren veröffentlichte er ein Buch, in dem er 97 Begegnungen mit interessanten, überwiegend berühmten Menschen schildert: eine Fundgrube für Zitate und Anekdoten. Zum Beispiel diese kleine Geheimnispreisgabe der Schauspielerin und Sängerin Valeska Gert.

Troller traf sie im Pariser Café du Dome. Wo sie ihm folgendes erzählte:

„Hier an diesem Tisch saß ich schon in den Zwanzigerjahren mit meinen Heroen: dem genialen russischen Regisseur Sergei Eisenstein, und dem gerade in Mode gekommenen Dichter Bertolt Brecht. Von beiden habe ich mir ein Kind gewünscht. Eisenstein lag nächtelang neben mir im Bett, ohne mich jemals zu berühren. (…) Brecht seinerseits, mein Gott! Er wusch sich ja damals nie. Und roch unter der ewigen Lederjacke dermaßen scharf, dass sogar mir die Lust verging. Und das will etwas heißen.“

Kurzzusammenfassung: Bertolt Brecht roch so scharf, daß es sogar Valeska Gert unscharf machte.

Bei meiner nächsten Lektüre der ja teils sehr schönen Gedichte von Brecht werde ich versuchen müssen, dieses Zuviel an Information auszublenden.

P.S. An der Überschrift gefällt mir, wenn ich das sagen darf, besonders die (1) hinter „Stinkende Dichter“, die suggeriert, hier gehe es jetzt los mit einer großangelegten Serie über übelriechende Autorinnen und Autoren. Habe ich aber gar nicht vor. Inspiriert wurde dieser Kunstgriff übrigens von einem frühen Randy Newman-Song namens „The Girls in My Life (Pt. 1)“.

Auch wieder wahr (6)

Im Radio hörte ich ein Gespräch mit der Sängerin und Autorin Christiane Rösinger über ihr Buch „The Joy of Aging“. Danach dachte es in mir den Satz:

„Wer nicht früh sterben will, muß damit leben, alt zu werden.“

Ein klein wenig stolz erzählte ich Frau A. von diesem, wie ich fand, Geistesblitz. Sie nun wieder war nicht ganz so begeistert, denn Aphorismen à la „Alle wollen lange leben, aber keiner will alt werden“ gebe es schon einige.

Meinen aber finde ich – nach gewissenhafter Selbstbefragung – trotzig besser.