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Die Himmlische

Noch selten habe ich mich so arg auf ein Konzert gefreut wie auf das von Celeste am 17. Juni im Berliner Tempodrom.

Erstmals begegnet ist mir die Sängerin vor einigen Jahren als Duett-Partnerin von Paul Weller. Celeste beginnt sehr dezent, entweder  Understatement, vielleicht auch Schüchternheit, holt dann aber plötzlich eine Stimme von man weiß nicht woher. Sehr schön auch die Momente des wechselseitigen grinsenden Erkennens:

Zwar sah ich schon das Unübersehbare, hörte schon das Unüberhörbare, verlor das Großtalent aber dennoch aus den Augen.

Bis mir Celeste vor einigen Monaten bei „Inas Nacht“ wiederbegegnete.  Schaut Euch diesen Auftritt an und Ihr versteht sofort, warum Ina Müller währenddessen weinen mußte:

Nach dieser umwerfenden und herzschmelzenden Performance vertiefte ich mich in Celestes Werk, bislang zwei Alben, und erkannte sie:

als Sängerin, deren Ausdrucksvermögen sich, denke ich, messen kann mit dem großartiger Vorfahrinnen wie Nina Simone.  Celeste singt keinen Ton, keine Phrase zweimal auf die gleiche Art. Sie kann stimmlich extrem viel, das Gefühl ist ihr aber immer wichtiger als die Virtuosität. Auch Kleidung, Styling, Gestik weisen sie aus als so stilbewusste wie eigene Künstlerin.

Und das Beste: Sie schreibt wundervolle Songs, die eingängig sind, obwohl sie immer wieder von den üblichen Mustern abweichen.

Bis Juni werde ich mich zwingen müssen, sie nicht übertrieben oft zu hören. Und ich bin mir eigentlich jetzt schon sicher, daß es Frau A. und mir dann ähnlich gehen wird wie im Jahr 2011, als wir die junge  Adele im Kreuzberger „Huxley´s“ erleben durften: Uns werden spätestens beim zweiten gesungenen Ton die ersten Tränchen kullern.

Nehmt um der Dreifaltigkeit willen auch noch dieses dritte Video hier. Dann wißt ihr, warum ihre Eltern Celeste Epiphany Waite das Himmlisch-Göttliche namentlich mit auf den Weg gaben:

Unfreiwillig

Joschka Fischer hatte sicher nicht die Absicht, mich zu erheitern, als er dem Magazin der ´Süddeutschen Zeitung´ diesen einen Satz sagte, der es dann auch auf die Titelseite schaffte:Ende November also sah ich dieses Titelbild und mußte sehr lachen über die Kombination aus weltmännisch seherischem Antlitz und bedeutungshuberischem Ich-Gequatsche. Es resonierte auch mit dem, was in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Berlin so über den von sich selbst Berauschten zu vernehmen war: Joschka Fischer sitzt in großer Runde beim Italiener, nur einer redet den ganzen Abend, die anderen müssen zuhören. Joschka Fischer sitzt beim Chinesen und beginnt seine Ergüsse vorzugsweise mit der Formel „In meiner Zeit als deutscher Außenminister“.

Der Adenauer-Satz hat seither in meinem kleinen Kreis Karriere gemacht. Immer wenn es um Wichtigtuerei geht, uns Selbstüberhöhung begegnet, muß nur jemand sagen:

„Je älter ich werde, desto wichtiger wird Adenauer für mich.“ 

Und schon ist die Luft raus aus dem aufgeblasenen Geseier. Probiert es gerne mal aus. Auch möglich in folgenden Variationen:

„Je älter ich werde, desto wichtiger wird

Plutarch/

Descartes/

 De Gaulle/

Brigitte Bardot

für mich.“

Kühe (10)

Und noch ein Schriftsteller-Ritual aus dem gerade erwähnten Buch:

Herman Melville, der Schöpfer von „Moby-Dick“ und „Bartleby“,  lebte mit seiner Familie auf einer Farm in Arrowhead im westlichen Massachusetts. Er saß täglich sechs bis acht Stunden am Schreibtisch. Als Abwechslung willkommen war ihm die Arbeit auf dem Feld und in der Scheune:

„Ich stehe um acht auf – ungefähr – & gehe in die Scheune – begrüße das Pferd & füttere es. Dann besuche ich die Kuh – schneide ihr ein, zwei Kürbisse klein & schaue ihr beim Essen zu – denn es ist angenehm, den Kiefern einer Kuh beim Mahlen zuzusehen – so sanft und unantastbar.“

Bei Georg Büchner las ich mal den leichtfüßig verliebten Satz

„Ich seh dich so gern sprechen.“

Und in Anlehnung daran höre ich hier Herman Melville zur Kuh sagen:

„Ich seh dich so gern fressen.“

Kühe (9)

Zu Weihnachten geschenkt bekam ich ein Buch über die täglichen Rituale berühmter Künstlerinnen und Wissenschaftler. Es heißt „Für mein kreatives Pensum gehe ich unter die Dusche“ und ist eine Fundgrube für skurrile Angewohnheiten. Was tun Menschen nicht alles, um über Jahre möglichst Tag für Tag produktiv, kreativ, ideen- und einfallsreich zu sein und zu bleiben.

Die us-amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein zum Beispiel mochte Kühe als Musen. Deshalb fahren ihre Lebensgefährtin Alice Toklas und sie

„in ihrem Ford herum, bis sie einen geeigneten Ort finden. Miss Stein steigt aus, setzt sich mit Stift und Notizblock auf einen Klappstuhl, und Miss Toklas treibt furchtlos eine Kuh in ihr Blickfeld. Wenn die Kuh nicht zu Miss Steins Stimmung passt, steigen die Damen wieder ins Auto und fahren zur nächsten Kuh. Hat sie eine Eingebung, so schreibt Miss Stein schnell, etwa fünfzehn Minuten lang. Die meiste Zeit sitzt sie allerdings einfach nur da, betrachtet Kühe und rührt keinen Finger.“

Vielleicht könnte das ein Titel für meinen neuen Gedichtband sein:

„Komm, wir fahren zur nächsten Kuh.“

Wenn er nicht gestorben wäre

Wenn er,

heute vor fünfzig Jahren,

nicht gestorben wäre,

dann könnte er noch leben

und hätte vor wenigen Tagen seinen 88. Geburtstag gefeiert:

 

Willi Brück (6. Januar 1938 – 17. Januar 1976)

 

Was alles nicht geschah:

Ich habe vieles nicht von ihm lernen können.

Ich habe über vieles nicht mit ihm sprechen können.

Ich habe über vieles nicht mit ihm streiten können.

Ich war nie genervt von ihm.

Ich habe ihn nicht hassen gelernt.

Ich habe nicht erleben müssen, daß meine Eltern sich scheiden lassen.

Ich habe ihn nicht alt werden sehen, nur krank.

So verbleibt er für mich im Stadium eines jungen Heiligen, meines heiligen Vaters. Als permanenter Schmerz, der irgendwo im Körper sitzt, als gütige Stimme, die in mir nachklingt, als Quell der Freude, der liebevollen Erinnerung.

Schutzmantelmadonna

Die hier früher schon gerühmte Künstlerin Barbara Wrede schickte mir gute Wünsche zum neuen Jahr, denen sie mit der modernen Version einer Schutzmantelmadonna Gestalt gab. Weil ich ja nicht nur im katholischen Rheinland aufgewachsen bin, sondern auch meine Magister-Arbeit über Eckhard Henscheids Novelle „Maria Schnee“ geschrieben habe, bin ich für alles Marienmäßige sehr empfänglich. Möge uns Barbara Wredes Schutzmantelmadonna durch ein zumindest ansatzweise fried- und liebevolles Jahr begleiten. Ich jedenfalls fühle mich in ihrer Gegenwart gut aufgehoben.

Running Gag (2)

Jetzt, wo ich beim Joggen im durchaus weitläufigen Park fünf Mal hintereinander sonntags immer an der selben Stelle, aber immer zu leicht abweichenden Uhrzeiten die selbe Kollegin getroffen habe, ebenfalls laufend, nämlich mir entgegen, ohne daß wir uns auch nur ansatzweise dazu verabredet hätten, habe ich da nicht allmählich wirklich das  Recht, von einem running gag zu sprechen? Ich denke doch schon.

Running Gag

Wenn du dir an sehr kalten Tagen zum Laufen untenrum die alte, schon etwas verschlissene Schiesser anziehst und darüber eine Trainingshose, obenrum ein T-Shirt mit Esel drauf, darüber ein Langarmshirt aus Pismo Beach, darüber eine olle Trainingsjacke von Tommy Hilfiger und darüber einen Hoodie der Universität Bonn, dessen Kapuze du noch über die Bommelmütze von Neff ziehst, du außerdem mit einem Halstuch geschützt über das Gleisdreieck trabst und dir dann ein Läufer mit kurzer Hose und nackten Beinen entgegengesprintet kommt, kannst du nur sagen – oder zumindest denken: Angeber.

Sankt Albern

Daß Sankt Neff unter anderem der Schutzheilige aller zur Albernheit aufgelegter Menschlein ist und deshalb gut und gerne auch

Sankt Albern

heißen könnte, davon war hier früher schon die Rede. Und daran mußte ich vorgestern wieder denken, als ich mit Frau A. zu einer Motette in der Leipziger Thomaskirche weilte. 

Während wir nämlich dort saßen und teils mit geschlossenen Augen dem wirklich virtuosen Orgelspiel des Thomasorganisten Johannes Lang und den wirklich inspirierenden Ausführungen des Pfarrers Prof. Dr. Dr. Andreas Schüle lauschten, dachte es in mir, daß es wirklich blöd wäre,

mitten in der Motette müssen zu müssen.

Tatsächlich mußte ich gar nicht, ertappte mich aber dabei, wie ich inmitten des erhabenen Ganzen diesem einerseits klangschönen, andererseits albernen Satz nachhing. Fühlte mich fast wieder wie ein Meßdiener, der der Ernsthaftigkeit seiner Aufgabe nicht gewachsen ist und stattdessen klammheimlich die kleine Albernheit weiter zu verbessern versucht, in dem er sie zunächst zu

„mitten in der Mette müssen zu müssen“

frisiert, dann zu

„mitten in der Messe müssen zu müssen“.

Ganz schwer zu sagen, welche der drei Varianten die beste, also albernste ist.  Entscheidet selbst. Und falls Ihr nicht (mehr) wißt, was eine Motette ist, schlagt nach. Auch das sehr interessant.