Alle Beiträge von Sankt Neff

Und nochmal Zeitung

Kaum schreibe ich hier über den aus der Zeit gefallenen Vorgang des ungelenken Umblätterns großer Zeitungsseiten auf engem Raum in der U-Bahn, verkleinert der ´Tagesspiegel´ auch schon sein Format. Das Umblättern also fiel mir heute leichter, und trotzdem war ich wieder der einzige weit und breit, der dieser alten Kulturtechnik ein ehrendes Andenken bewahrte.

Nochmal Zeitung

Hätte ich auch nicht gedacht, daß ich mir mal mit Zeitung in der Hand so aus der Zeit gefallen vorkommen würde, wie ich es heute tue. Oft bin ich der einzige im ganzen U-Bahn-Waggon. Insbesondere in den Augen und Ohren junger Menschen sicher sehr befremdlich der Vorgang des Umblätterns von großen Seiten aus Papier auf engem Raum, die dabei entstehenden Verrenkungen, das dabei entstehende Rascheln. Ich mag und mach es aber trotzdem.

Nicht einmal jeder Zwanzigste nutzt kein Internet

Und? Kapiert? Nicht? So ging es mir auch, als ich diese Überschrift morgens auf dem Weg zur Arbeit im ´Tagesspiegel´ las, denn sie überstieg mein noch nicht durch Kaffee stimuliertes Denkvermögen.

Was die Zeile unbeholfen auszudrücken versuchte, war, wie ich dann dem Artikel entnahm: Knapp vier Prozent der Menschen in Deutschland verzichten aufs Internet. Und ganz genau genommen bedeutet das:

„Nicht einmal jeder Fünfundzwanzigste nutzt kein Internet.“

Unbeholfen und ungenau also war die Überschrift. Macht aber nichts, denn:

„Mindestens nicht einmal jeder Fünfundzwanzigste wird das nicht erfahren.“

Weil sie oder er nämlich das hier nicht liest.

Bußundbettagsbescherung

„Pfingsten

 Sind die Geschenke am geringsten. 

Während Geburtstag, Ostern und Weihnachten

Etwas einbrachten.“

Schrieb Bertolt Brecht.

Hat er denn recht?

Sind nicht zum Beispiel am  Buß- und Bettag die Geschenke mindestens genauso gering. Eigentlich ja.  Aber.

Vor einigen Jahren begab es sich im Oktober, daß Frau A. mir gegenüber einen kleinen Wunsch äußerte.  Verbindlich wie ich bin, griff ich ihn auf und sagte:

„Das kann ich dir doch schön zu Weihnachten schenken.“

Die Frau aber reagierte empört:

„Zu Weihnachten? Dafür ist das viel zu klein! Zu Buß- und Bettag kannste mir das schenken.“

Und das tat ich dann auch. Einige Wochen später hatte die Frau ihre Ansage natürlich vergessen und wunderte sich entsprechend über das Geschenk, das liebevoll verpackt am Morgen des Buß- und Bettages für sie auf dem Küchentisch lag.

So hielt ich es auch in den Folgejahren und jedes Mal gelang mir im  November ein kleiner Überraschungscoup.

Jetzt aber. Vor einigen Wochen sagte Frau A. zu mir:

„Ich freu mich schon auf dein Geschenk zu Buß- und Bettag.“

Aus einem Witz wurde ein Ritual. Und deshalb hat die liebe Frau auch heute wieder ein liebevoll kuratiertes Geschenk auf dem Küchentisch ZU LIEGEN GEHABT, wie die Berlinerin sagt.

„Alles erdenklich Gute zum Buß- und Bettag!“

Noch ein komischer Heiliger

Die Kehrseite der Melancholie aber, oder besser: der Notausgang aus der Melancholie ist die Albernheit, die ich weiter unten schon gepriesen habe. Und der Schutzheilige aller „albernen Arschlöcher“ (Helge Schneider) ist kein geringerer als

Sankt Albern,

den es in echt natürlich nicht gibt. Beziehungsweise jetzt schon, denn Freund Andreas verhörte sich jüngst, als von Sankt Alban die Rede war, und schloß diesen neuen komischen Heiligen gleich in sein allzeit zu jeder Albernheit aufgelegtes Herz.

Eine Wallfahrtskirche aber braucht es weder für Sankt Neff noch für Sankt Albern. Sie entsteht virtuell dort, wo zwei oder drei von Euch im Namen des Guten, Schönen und Albernen zusammenkommen und: -lachen.

Schon wieder Polonaise – diesmal bei PeterLicht (sechstes Konzert)

Merkwürdig und betrüblich, wie die derzeit virulenten und sich wechselseitig überlappenden Krisen das Stadt- und Kulturleben verändern:

Wenn du abends am Rosa-Luxemburg-Platz aus dem Untergrund auftauchst, strahlt dir die Volksbühne nicht entgegen, sondern funzelt und trüblichtet aus Energiespargründen. Und das, obwohl hier heute PeterLicht auftritt.

Wie so viele Veranstaltungen auch dieses Konzert leider nicht gut verkauft. Grund: wahlweise kein Geld, Vorsicht oder Entwöhnung von Kulturroutinen.

Der Künstler ist trotzdem bester Laune und freut sich, daß das mit dem Auftreten nach zweieinhalb Jahren pandemiebedingter Pause „wieder halbwegs funktioniert“.

Die ersten Lieder sind sehr melancholisch und enthalten Zeilen, so griffig und lebenskrisenweise, daß sie mir noch Tage später im Hirn rumspuken:

„Wenn die,

die Dämonen kommen,

ist jeder, der ein Mensch ist, dein Freund“

Zeilen von großer Wucht und Wahrheit:

„Was du nicht kannst ist:

mehrere mehrere Leben führen

auf mehrere auf mehrere Schiffe gehn

und das schenkt uns die treue Realität

und der Rest und der Rest ist Hobby“

Je länger PeterLicht in seinem vorbildlich extravaganten Jumpsuit auf der Bühne steht, desto beweglicher und heiterer und ausgelassener wird er, das Publikum und die janze soziale Skulptur.

Gelobt seien die, die aus der Melancholie in die Albernheit finden, den Safarinachmittag vertanzen, gegen die Schwerkraft ansingen, die Sauhaftigkeit der Sonne, die Schlawinerhaftigkeit des Kapitalismus, den nervtötenden Entspannungswettbewerb.

Was ist der Gipfel der Albernheit? Die weiter unten im Blog schon zelebrierte Polonaise, zu der an diesem Abend in der Volksbühne sich auch PeterLicht sein Publikum zu animieren traut.

Und wer wäre ich, den Künstler hängen zu lassen? Also nichts wie rauf auf die Bühne, den Vordermann an der Schulter gepackt und dazu gesungen eine weitere Zeile von Wucht und Witz:

„Wer tot ist geht auf die Nerven

Wer tot ist geht auf die Nerven“

Und immer so weiter. Denn: Ist doch wahr!

Schwippnichte Laura hat diesen Moment dankenswerterweise für die Ewigkeit festgehalten:

Polonaise

Allein im All (2)

Allein auf der Erde. Allein im All.  Über das Gefühl der existentiellen Unbehaustheit schrieb ich ein weiter unten. Und nachdem ich es geschrieben hatte, fiel mir ein, daß ich in einem meiner „Heimatgedichte“ auch schon besungen habe, was dagegen hilft, zumindest manchmal, zumindest ein bißchen:

Ich gehe spaziern auf der Erdoberfläche

und schaue ins Weltall hinaus.

Und wenn ich mir dabei Gedichte vorspreche,

dann fühl ich mich fast wie zuhaus.

Allein im All

Erstmals habe ich jetzt Herman Melvilles Erzählung „Bartleby, der Schreiber“ gelesen, die mir vorher nur wegen ihres berühmten Verweigerungs-Satzes

„I would prefer not to.“ – „Ich möchte lieber nicht.“

ein Begriff war.

Komisch ist sie und verzweifelt traurig. Als der Erzähler seinen zukünftigen Angestellen Bartleby zum ersten Mal sieht, beschreibt er ihn als

„farblos sauber, mitleiderregend anständig, rettungslos vereinsamt“.

Die rettungslose Einsamkeit dieses Menschen faßt Melville später nochmal in andere Worte:

„Doch schien er allein, völlig allein im ganzen Weltall.“

Der Satz ließ mich an eine Formulierung von Eckhard Henscheid denken, die im Roman „Dolce Madonna Bionda“ die Gefühlslage des Helden Bernd Hammer ausdrückt:

„weil er so mutterseelenallein schon auf der Erde war“.

Allein im All. Allein auf der Erde.

Und auch ich habe, wenn ich das hier sagen darf, vor jetzt ziemlich genau zehn Jahren versucht, die existentielle Unbehaustheit des Menschen zu bedichten:

Auf der Welt

Ich bin allein.
Und du bist allein.
Und er und sie und es ist allein.

Und wir sind allein.
Und ihr seid allein.
Und sie sind allein. Auf der Welt.