Windmühle von weitem

Gut tut es, im Fläming zu wandern, beispielsweise von der Bockwindmühle in Borne zur Brautrummel, unterwegs einerseits nur sehr wenige Menschen zu treffen und andererseits besagte Bockwindmühle aus immer wieder neuen Perspektiven erblicken zu können, nach ein paar Stunden zurückzukehren auf den Parkplatz unterhalb der Bockwindmühle,  auf dem genau zwei Autos stehen, gleich neben Deinem noch ein anderer Kangoo, dessen Fahrerin bei Deiner Ankunft auch gleich die Tür öffnet und Dir begeistert entgegenruft:

„Schönes Auto!“

Denn wir Fahrerinnen und Fahrer etwas betagterer, aber umso charaktervollerer Autos mögen uns und halten zusammen gegen das Böse in der Welt.

Das Leben ist.

Zum heutigen Jubiläum – hier kommt der 400. Eintrag! – schenke ich Euch eines meiner liebsten Zitate. Es stammt von Lou Reed und lautet:

„Das Leben ist ein Sanskrit-Text, den man einem Pony vorliest.“

Ja, zum Beispiel.

Was das Leben noch alles ist, sein kann oder sein könnte, lest Ihr bei Bedarf bitte hier, in einem Gedicht, das ich vor zehn Jahren schrob:

 

Das Leben ist ein Omnibus.

Der Bus fährt nur im Kreis.

Du fragst dich ständig „Wann ist Schluß?“

und oft „Was soll der Scheiß?“

 

Das Leben ist ein Campingzelt,

die Heringe nicht gut,

weswegen auch das Zelt nicht hält,

was es versprechen tut.

 

Das Leben ist ein Freudenhaus,

ein gutbesuchter Puff.

Man gibt viel Geld für Liebe aus

und macht am Ende „Uff!“.

 

Das Leben ist ein Folterknecht,

der keine Gnade kennt.

Der Folterknecht ist stets im Recht

und Schmerz sein Element.

 

Das Leben ist ein Überfall,

ein hundsgemeiner Trick.

Dagegen hilft ein großer Knall,

ein Auspuff oder Strick.

 

Das Leben ist ein Hirngespinst,

ist Halluzination.

Wir taumeln durch die Nacht. Gott grinst.

Das war es dann auch schon.

 

Das Leben ist ein Haderlap,

ein dickes, doofes Ding.

Das Leid ist groß, die Zeit ist knapp,

das Honorar gering.

 

Das Leben ist ein Tintenfaß

und ganz schön schnell ganz leer.

Das Schreiben macht mir trotzdem Spaß.

– Im Grunde ist es fair.

 

Das Leben ist – ja was denn nun?

Die Antwort ist: Es ist.

Die Blumen blühn. Die Kühe muhn.

Ich bin. Wir sind. Du bist.

Gutes Wort

Immer noch soll man irgendwelche großartigen neuen Serien auf Netflix oder so oder wo kucken, dabei ist die Blütezeit der großartig erzählten neuen Serien nach meinem Eindruck doch längst vorbei. Ich jedenfalls freue mich inzwischen wieder sehr und mehr über gut erzählte Geschichten in Spielfilm-Länge.  Davor, danach und daneben bleibt dann sogar noch Zeit für ein Vollbad oder sonstwie Medienfernes.

Trotzdem habe ich mich aber jetzt gefreut, von Barmann Alex ein Wort gelernt zu haben, das kurz und lautmalerisch die Enge beschreibt, in die uns all die Empfehlungen für großartige neue Serien treiben:

Kuckdruck.

SZ

Ich hab Euch noch was mitgebracht aus Wien. Schaut doch mal bitteauf dieses fast furchteinflößend seriöse Schuhgeschäft in der Dorotheergasse. Reingetraut habe ich mich natürlich nicht. Durch eines der beiden kleinen Fenster aber konnte ich in den Ladenraum spinksen. Der ist sehr klein: nur ein Zweisitzer, auf dem die Kunden Platz nehmen und ihre Füße vermessen lassen, später dann die MASZSCHUHE anprobieren können, dahinter eine steile Stiege, die vermutlich in die Werkstatt führt. Alles bißchen dunkel, unheimlich, abweisend. Ein Schauplatz wie von Thomas Bernhard erdacht.

Wieder in Wien (2)

Gleich zwei erlesene Austriazismen in nur einer Durchsage der Wiener U-Bahn:

„Seien Sie achtsam: Andere Fahrgäste brauchen Ihren Sitzplatz vielleicht notwendiger.“

Das weicheste Wienerisch der Welt kam mir übrigens zu Ohren, als ich nach einem Besuch des Zentralfriedhofs ein Restaurant suchte, das mir wegen seines „guaden Schnitzels“ empfohlen worden war. An Tor 2  sprach ich einen Fiaker-Fahrer an. Er trug  Melone, eine runde Metallbrille, im Mund eine Zigarette, die nicht mehr glomm, einen dicken Pullover, Stoffhose, gute Schuhe – und war sehr freundlich. Er kenne das Restaurant nicht, habe aber Internet und schaue gleich nach. Vorher müsse er seinen Pferden noch die Augen mit Hauben abdecken. Dann suchte er mit Hilfe seines Telefons, wir plauderten derweil. Und ich durfte meine Ohren baden im weichesten Wienerisch der Welt.

Wien wort auf mi

Zur Einstimmung auf meine nächste kleine Reise nach Wien höre ich im Moment fast täglich das Lied „Wien wort auf di“ von Granada. Es handelt sich um eine sehr eigene, sehr wienerische  Coverversion von Billy Joels „Vienna“. Ich mag den Dialekt, ich mag die exaltierte Art zu singen, ich mag das Akkordeon und ich mag Wien.

Viel Wien mit Fiaker und Pipapo steckt im dazugehörigen Video. Für mich sieht es so aus, als sei es ohne Schnitt gedreht. Deshalb hat auch der Sänger meine komplette Bewunderung dafür, daß er es schafft, sich während der kurzen Akkordeon-Passage eine Zigarette aus der Jacke zu fingern, sie an der frischen Luft  zu entzünden und pünktlich zum Weitersingenmüssen den ersten Zug zu exhalieren. Sehrsehr lässig. Wiener halt. Schaut her:

Truckspotting (4)

Bei Wind und Wetter standen (erst) und saßen (dann) Bademeister Matthias, Trauma-Anne und ich auch in dieser Saison wieder morgens vor der „Bar Italia“. Wobei Anne am schnellsten zieht: nämlich ihr Handy, um damit gespottete Trucks

gleich dokumentieren zu können. Hier noch

ein paar besonders schöne beschriftete

oder rätselhaft benannte Lastwagen,

die nur Menschen mit Hang zu albernen Synonymen gerne „Brummis“ nennen:

(Alle Fotos: Anne Janzen)

Schön verlesen

Am Kiosk fette Schlagzeile einer Boulevard-Zeitung:

„BERLINER WAHRSAGERIN SCHMEISST HIN!“

In Wirklichkeit ist es die Berliner „Wahl-Versagerin“, die hingeschmissen hat, meint: Die Landeswahlleiterin ist zurückgetreten. Meine Lesart aber natürlich viel phantasiebeflügelnder.

Momenteindrücke – Sonst war nichts

Vor einem guten Jahr ist „Sonst war nichts“ erschienen. Beim Wiener Schriftsteller Peter Altenberg fand ich jetzt eine Selbstbeschreibung, die auch auf mein autobiographisches Erzähl-Projekt angewendet werden könnte:

„So also schauen meine Lebenserinnerungen aus, mit denen ich in einem großen Blatte aufwarten soll?!? Ich sage es ja immer: Dieser Peter Altenberg ist nur für Momenteindrücke auf die Welt gekommen!“

(Peter Altenberg, „Das macht nichts: Neues Altes aus dem Kaffeehaus“, S. 225)

Nicole, Hitchcock und ich

Freundin Nicole ist eine Fachfrau für Traum-Angelegenheiten. Deswegen hat sie auch gleich auf meinen vorletzten Blog-Eintrag zu den nächtlichen Erlebnissen von Hitchcock und mir reagiert – und eine eigene Erfahrung beigesteuert, die für sie sehr schlimm, für alle anderen aber sehr lustig ist. Doch lest selbst:

„Sankt Neff, ich bin total beeindruckt! Du bist der erste Traumaphoristiker, den ich kennenlernen durfte. Allerdings würde ich gerne mehr über diesen Traum erfahren. Wie kommt es zu diesem Satz? Vielleicht kläre ich das in meinem nächsten Klartraum. Dann berichte ich dir.

Ich muss dir jetzt auch was erzählen: Vor einigen Wochen habe ich nachts von einer unglaublichen Erfindung geträumt. Als ich morgens aufgewacht bin, war mir klar, dass ich mir das sofort patentieren lassen muss und dass ich wahrhaft etwas erfunden habe, was es so noch nicht gibt, aber jeder Mensch braucht. Ich war von mir selbst schwer beeindruckt, bin beschwingt in die Küche, habe gutgelaunt das Frühstück zubereitet und meiner Familie von dieser einzigartigen Idee erzählt. Und jetzt kommts!

Ich weiß nicht mehr, was es war! Seit Tagen grüble ich, aber es will mir nicht mehr einfallen. Und das noch Schlimmere: meine Familie hört mir schon gar nicht mehr zu, wenn ich wieder einen Traum erzähle – sie wissen von nichts! Ich bin sehr verzweifelt. Da kann ich mich jahrelang an jeden noch so albernen Traum erinnern und jetzt, wo es mal wirklich wichtig wäre, versagt mein Traumerinnerungsvermögen.“

Abgesehen von Nicoles verständlicher persönlicher Enttäuschung, frage ich mich: Gibt es das, Dinge, die jeder Mensch braucht, die aber noch nicht erfunden wurden? Was meint Ihr?