Alle Beiträge von Sankt Neff

Noch ein komischer Heiliger

Die Kehrseite der Melancholie aber, oder besser: der Notausgang aus der Melancholie ist die Albernheit, die ich weiter unten schon gepriesen habe. Und der Schutzheilige aller „albernen Arschlöcher“ (Helge Schneider) ist kein geringerer als

Sankt Albern,

den es in echt natürlich nicht gibt. Beziehungsweise jetzt schon, denn Freund Andreas verhörte sich jüngst, als von Sankt Alban die Rede war, und schloß diesen neuen komischen Heiligen gleich in sein allzeit zu jeder Albernheit aufgelegtes Herz.

Eine Wallfahrtskirche aber braucht es weder für Sankt Neff noch für Sankt Albern. Sie entsteht virtuell dort, wo zwei oder drei von Euch im Namen des Guten, Schönen und Albernen zusammenkommen und: -lachen.

Schon wieder Polonaise – diesmal bei PeterLicht (sechstes Konzert)

Merkwürdig und betrüblich, wie die derzeit virulenten und sich wechselseitig überlappenden Krisen das Stadt- und Kulturleben verändern:

Wenn du abends am Rosa-Luxemburg-Platz aus dem Untergrund auftauchst, strahlt dir die Volksbühne nicht entgegen, sondern funzelt und trüblichtet aus Energiespargründen. Und das, obwohl hier heute PeterLicht auftritt.

Wie so viele Veranstaltungen auch dieses Konzert leider nicht gut verkauft. Grund: wahlweise kein Geld, Vorsicht oder Entwöhnung von Kulturroutinen.

Der Künstler ist trotzdem bester Laune und freut sich, daß das mit dem Auftreten nach zweieinhalb Jahren pandemiebedingter Pause „wieder halbwegs funktioniert“.

Die ersten Lieder sind sehr melancholisch und enthalten Zeilen, so griffig und lebenskrisenweise, daß sie mir noch Tage später im Hirn rumspuken:

„Wenn die,

die Dämonen kommen,

ist jeder, der ein Mensch ist, dein Freund“

Zeilen von großer Wucht und Wahrheit:

„Was du nicht kannst ist:

mehrere mehrere Leben führen

auf mehrere auf mehrere Schiffe gehn

und das schenkt uns die treue Realität

und der Rest und der Rest ist Hobby“

Je länger PeterLicht in seinem vorbildlich extravaganten Jumpsuit auf der Bühne steht, desto beweglicher und heiterer und ausgelassener wird er, das Publikum und die janze soziale Skulptur.

Gelobt seien die, die aus der Melancholie in die Albernheit finden, den Safarinachmittag vertanzen, gegen die Schwerkraft ansingen, die Sauhaftigkeit der Sonne, die Schlawinerhaftigkeit des Kapitalismus, den nervtötenden Entspannungswettbewerb.

Was ist der Gipfel der Albernheit? Die weiter unten im Blog schon zelebrierte Polonaise, zu der an diesem Abend in der Volksbühne sich auch PeterLicht sein Publikum zu animieren traut.

Und wer wäre ich, den Künstler hängen zu lassen? Also nichts wie rauf auf die Bühne, den Vordermann an der Schulter gepackt und dazu gesungen eine weitere Zeile von Wucht und Witz:

„Wer tot ist geht auf die Nerven

Wer tot ist geht auf die Nerven“

Und immer so weiter. Denn: Ist doch wahr!

Schwippnichte Laura hat diesen Moment dankenswerterweise für die Ewigkeit festgehalten:

Polonaise

Allein im All (2)

Allein auf der Erde. Allein im All.  Über das Gefühl der existentiellen Unbehaustheit schrieb ich ein weiter unten. Und nachdem ich es geschrieben hatte, fiel mir ein, daß ich in einem meiner „Heimatgedichte“ auch schon besungen habe, was dagegen hilft, zumindest manchmal, zumindest ein bißchen:

Ich gehe spaziern auf der Erdoberfläche

und schaue ins Weltall hinaus.

Und wenn ich mir dabei Gedichte vorspreche,

dann fühl ich mich fast wie zuhaus.

Allein im All

Erstmals habe ich jetzt Herman Melvilles Erzählung „Bartleby, der Schreiber“ gelesen, die mir vorher nur wegen ihres berühmten Verweigerungs-Satzes

„I would prefer not to.“ – „Ich möchte lieber nicht.“

ein Begriff war.

Komisch ist sie und verzweifelt traurig. Als der Erzähler seinen zukünftigen Angestellen Bartleby zum ersten Mal sieht, beschreibt er ihn als

„farblos sauber, mitleiderregend anständig, rettungslos vereinsamt“.

Die rettungslose Einsamkeit dieses Menschen faßt Melville später nochmal in andere Worte:

„Doch schien er allein, völlig allein im ganzen Weltall.“

Der Satz ließ mich an eine Formulierung von Eckhard Henscheid denken, die im Roman „Dolce Madonna Bionda“ die Gefühlslage des Helden Bernd Hammer ausdrückt:

„weil er so mutterseelenallein schon auf der Erde war“.

Allein im All. Allein auf der Erde.

Und auch ich habe, wenn ich das hier sagen darf, vor jetzt ziemlich genau zehn Jahren versucht, die existentielle Unbehaustheit des Menschen zu bedichten:

Auf der Welt

Ich bin allein.
Und du bist allein.
Und er und sie und es ist allein.

Und wir sind allein.
Und ihr seid allein.
Und sie sind allein. Auf der Welt.

Neulich in Kreuzberg (9)

Der französische Philosoph Emil Michel Cioran sagte:

„Jede Art von Hast, sogar zum Guten, offenbart irgendeine geistige Störung.“

Deshalb und sowieso ist es gut und erstrebenswert, möglichst ohne Hast durch die Welt zu gehen. Denn nur wer nicht hastet, sieht, wie neulich in der Marheineke-Markthalle nämlich ich, am Stand des Metzgers eine Wurstfachverkäuferin der anderen von hinten die Schultern massieren. Das rührte mich an und wäre mir entgangen, wäre ich gehastet, mit vorgeschobenem Kopf, der schon wieder beim Nächsten ist.

That´s understatement!

Youtube schlug mir vor, mal wieder ein paar Ausschnitte aus dem großen Live Aid-Konzert von 1985 zu schauen. Ich nahm den Vorschlag an und freute mich angesichts der aus heutiger Sicht unglaublichen Fülle  von großen bis überlebensgroßen Künstlern, die damals nach- oder auch miteinander auftraten, Künstler, deren Größe ich teils erst post mortem erkannte wie im Fall von Freddie Mercury oder George Michael. Damals hielt ich sie, engstirniger Schnösel der ich war, für zu glatt oder zu poppig oder nicht geerdet genug. Dabei waren sie, nunja: Götter.

Auch gegenüber Phil Collins pflegte ich überwiegend ungerechte Abneigung. Bei besagtem Konzert setzte er sich auf der Bühne des Wembley-Stadions an den Flügel, sang „Against all odds“, verspielte sich süß nach der ersten Strophe, egal, kraftvoll weiter, stieg in die Concorde, flog nach Philadelphia, dem zweiten Ort des Wohltätigkeits-Geschehens, wechselte das Hemd, setzte sich erneut an den Flügel und sang „In the air tonight“, einen Song, den man ohne Schlagzeug eigentlich nicht spielen kann, ohne Schlagzeug.

Bevor er aber sang, sagte Phil Collins:

„This ist the other song I know on the piano.“

That´s understatement!

Fulminant auch die Stelle, an der üblicherweise das Schlagzeug in den Song brettert, der Understatemant-Künstler jetzt aber nur kurz pausiert und ins Publikum schaut. Verehrungswürdig.

Und hier kommen die Links zu beiden Auftritten. Ich kann aber nicht versprechen, daß Ihr sie beim Anschauen noch genauso schön findet, wie Ihr sie Euch gerade lesend vorgestellt habt. Sagt selbst.

(Gemeinsam auf der Bühne mit Phil Collins, zuhörend, Sting und Branford Marsalis.)

*

Schön verlesen (2)

Wenn ich der Werbung auf der Tube glauben darf, bietet  die Zahnpasta bei regelmäßigem Gebrauch  umfassenden

„KARRIERESCHUTZ“.

Kann nicht schaden, denke ich, wenn tüchtiges Zähneputzen Beschäftigte davor bewahrt, „bis zu ihrer Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen“, wie es dem Peter-Prinzip zufolge in jeder Hierarchie fast zwangsläufig geschieht.

Diesen wünschenswerten Karriereschutz aber gibt es in Wirklichkeit gar nicht, denn, Ihr werdet es Euch schon gedacht haben: Ich habe mich verlesen. Die Zahnpasta stellt nur

„KARIESSCHUTZ“

in Aussicht.

Kann ich auch

Wenn es einem die Schönheit der Natur so leicht macht wie hier, mitten im Yosemite-Nationalpark, dann brauche ich nur auf den Auslöser meines popeligen Mobiltelefons zu drücken und das Ergebnis reicht zumindest fast an die ikonischen, allerdings schwarzweißen Kunstwerke von Ansel Adams heran, die an der gleichen Stelle entstanden.