Schon elf Jahres ist es her, daß Thomas Kapielski das hier in sein Buch „Mischwald“ (S. 298) schrieb:
„Das Internet zum Beispiel: Was hier bisweilen für eine dumpfe Wut und Mordgier neben schierem Querulantentum und ödester oder gruseliger Geilheit sich schadenfroh und verdeckt austobt, ist subanimalste (vulgo humane) Niedertracht vermittelst Hochtechnik.“
Was zum Zeitpunkt der Niederschrift vielleicht nur andeutungsweise erkennbar war, hat sich bis heute exponentiell verschärft. Eine Entwicklung, die der olle, aber schlaue Kapielski früh schon wahrsagerisch witterte, nicht twitterte. Aufgehoben ist diese Prophetie in einem schönen Buch, das so grün ist wie die Blätter der Kastanie vor unserem Haus genau jetzt. Hab Buch und Baum gerade noch verglichen.
Beim Spaziergang durch Kreuzberg: Diverse der auch hier nicht mehr seltenen SUV (Porsche, Audi, Volvo, Tesla, Mercedes) blockieren jeweils mindestens eineinhalb Parklücken. Mir fiel eine prophetische Zeile ein aus dem Lied „Kosmetik (Ich bin das Glück dieser Erde)“, 1980 gesungen von Joachim Witt:
„Ich träume von Autos
Die so groß sind wie Panzer
Innen aus Gold und außen ganz wie ein Kanzler.“
Heute gibt es sie, die panzergroßen Autos, und sie werden immer mehr. Am Steuer sitzen übermenschliche high performer, denn: Sie haben das Recht dazu.
Vor zehn Jahren hat die tolle Sängerin Lisa Bassenge den Song interpretiert. Er ist zu finden auf dem überhaupt sehr guten Album „Nur fort“ und als Live-Version hier:
Als ich die Klassenarbeit der Tochter (kürzlich noch known as Töchterchen) über Friedrich Schillers Ballade „Der Handschuh“ las, stieß ich auf den Satz:
„Aber im entefeckt hat er es heil überstanden und hat Fräulein Kunigund gezeigt, das er so eine Frau nicht möchte.“
Nachdem ich mich zu Ende gefreut hatte über die kreative Schreibweise, fiel mir auf, daß ich der Formulierung „im Endeffekt“ lange nicht begegnet war. Sie scheint ziemlich aus der Mode gekommen zu sein. Früher war sie untrügliches Erkennungszeichen für Menschen ohne Gefühl für Sprache. Im Umlauf befanden sich zeitgleich auch die nicht ganz so schlimmen Synonyme „schlußendlich“ und „letztendlich“, merkwürdigerweise alles so Doppelmoppel-Konstruktionen.
Heute aber sind sie weitgehend verschwunden zugunsten der Wendung „am Ende des Tages“, die ja letztlich nichts anders bedeutet als „letztlich“. Aber das ist den high performern natürlich zu schlicht, schlicht nicht wichtigtuerisch genug. Sollen sie reden, wie sie wollen oder müssen in ihren Kreisen. Im entefeckt verraten sie sich selbst.
So heißt eines der wundervollsten Alben, das ich seit langem gehört habe. Vielleicht sogar: das JEMALS aufgenommen wurde. Die Schweizer Sophie Hunger, Faber und Dino Brandão haben es vor einigen Monaten veröffentlicht.
Drei sehr eigene Stimmen, die mir direkt ins Herz greifen, einzeln, aber vor allem auch, wenn sie gemeinsam singen. Melodien, die so volksliedhaft schlicht sind, als habe es sie schon immer gegeben. Zurückhaltende Instrumentierung mit Gitarre, Bass, Klavier, gelegentlich Cello und Geige. Und dann die Texte: auf Schweizerdeutsch, was per se ein Klangerlebnis ist. Wenn ich sie höre und gleichzeitig im Booklet mitlese, bilde ich mir ein, relativ viel zu verstehen – und freue mich an unverstellter Innigkeit, an Witz und Rätselhaftigkeit.
Sophie Hunger singt in dem Lied „Putsch“:
„Reise das isch doch nur für die Dumme
Wo dänked d´Wält seg en andere Ort
Wänn Du zu mir ja seisch und ich sägs zu dir
Isch z´Paradis in Rapperswil“
Eine echte Herausforderung und Verlockung, das mitzusingen.
Die Stimmen, die Melodien, die Arrangements, die Texte – das alles verbindet sich auf so natürliche, beglückende, aufwühlende Weise, das mir ständig die Augen tränen beim Hören. Bis ich wieder lachen muß über Faber und seinen Text „Mega happy“:
„Ich ha probiert mich selber zsi
Ich ha gmerkt ich bin es Arschloch
Jetzt wo ich en andere bi
bini einfach mega happy“
Dieser Refrain wird im Laufes des Songs leicht variiert – und ich muß jedes Mal wieder lachen. Hier:
„Ich ha probiert mich selber zsi
Ich ha gmerkt es isch der Horror“
Und hier:
„Ich ha probiert mich selber zsi
Ich ha gmerkt s chunnt nöd in Frag“
So supererstaunli schön ist dieses Album, daß ich mich zwingen muß, es nicht ununterbrochen zu hören. Wie ein frisch Verliebter, der das nächste Date hinauszögert, um den Zauber bis in alle, bis in alle, bis in alle Ewigkeit zu verlängern. Oder so ähnlich. Der zarte Zauber von „Ich liebe dich“ jedenfalls ist in diesem Video hier fein eingefangen. Schaut und hört es Euch an, aber wundert Euch nicht, wenn Ihr Euch in drei Menschen auf einmal verliebt:
Im November sah ich einen auf dem Gleisdreieck: Boxer, Mops, Pitbull – irgendetwas in der Art. Ich kenne mich da nicht so aus. Der Hund jedenfalls hatte die Vorderpfoten auf dem Board, die Hinterpfoten auf dem Asphalt. So nahm er bellend Anlauf, dann die Hinterpfoten mit aufs Brett, um fast lautlos zu gleiten. Nach einer Weile: die Hinterpfoten wieder runter und bellend von vorn. Zum Gaudium aller Passanten.
Heute nun wieder so ein Hund mit Spezial-Begabung. Bei ihm aber verhielt es sich andersrum: Er nahm lautlos Anschwung und bellte euphorisch während des Gleitens.
Alles andere als lustig sind die Mißbrauchs-Fälle in der katholischen Kirche, mit denen sich heute auch die ´Süddeutsche Zeitung´ wieder beschäftigt hat. Als ich aber las, daß jetzt ein Kölner Kardinal namens
Rainer Maria Woelki
zwei Weihbischöfe namens
Dominikus Schwaderlapp
und
Ansgar Puff
wegen mangelnder Bereitschaft zur Aufklärung der Vergehen beurlaubt hat, konnte ich mich des Anflugs eines Hauchs von Lächeln in meinen Mundwinkeln nicht erwehren. Was für eine Dreifaltigkeit von vor Bildhaftigkeit zum Himmel jauchzenden Namen, die so frohhlockend ausgedacht klingen, daß keine Leserin sie einem Autor je durchgehen ließe! Was auch Freude bereiten kann: die drei Vornamen mit den jeweils anderen Nachnamen zu kombinieren. Das empfiehlt Euch fürs erste
– Euer Sankt Schwaderlapp
P.S. Und fürs zweite: niemals nicht am Kölner Dom vorbeizugehn, ohne zumindest einen kurzen Blick auf das von Gerhard Richter gestaltete Kirchenfenster und dessen zuverlässig trostreiche Lichtspiele zu werfen.
P.P.S. Ich wollte dem Schriftsteller Eckhard Henscheid eine Freude machen und erzählte ihm am Telefon von den prachtvollen Namens-Funden. Er freute sich auch, glaubte sich aber zu erinnern, sowohl Dominikus Schwaderlapp als auch Ansgar Puff schon vor einigen Jahren für die Ewigkeit aufgehoben zu haben, nämlich in seinem und Michl Göllings Buch „100 Namen die uns zwei gefallen“, das ich hier früher mal gepriesen habe. Henscheid jedenfalls erinnerte sich richtig. Dieser großkopfige Mann hat zwar kein Internet, kriegt aber trotzdem alles mit und merkt sich auch alles.
Weil ich in einem früheren Leben am Rhein mal Germanistik studiert habe, kursiert in meiner engeren wie weiteren Familie der niedliche Gag, ich sei von Beruf „deutscher Germanistiker“. Dies muß man wissen, um folgenden Dialog von neulich im Flur zu verstehen:
Sohn: Wie fändest du es, wenn ich später auch mal deutscher Germanistiker würde?
Vater: Das würde mich freuen.
Sohn: Und hättest du keine Angst, daß du dann in meinem Schatten versauerst?
Vater: Nö. Ich war 52 Jahr in der Sonne. Das muß reichen.
Sohn: Das, was du für die Sonne hältst, ist das Licht der Taschenlampe, die zwischen meinen Arschbacken klemmt.
Ich war besiegt – und ein bißchen stolz auf den Sohn, dessen leuchtende Metapher mir eines deutschen Germanistikers wahrhaft würdig erscheint.
Und so hockte der nicht mehr junge Mann bei uns im Hof, saß fast auf den Fersen, lehnte mit dem Rücken an der Hauswand, las in dem nicht mehr neuen, dafür ganz schön dicken Buch und ließ sich von uns, die wir ihn passierten und dachten, ein Bild wie von Spitzweg, nicht stören.
Zu Ehren eines ehrenwerten Berufsstandes, der Friseure nämlich, die kein Internetz ersetzen kann und die morgen ihre Salons wieder öffnen dürfen, möchte ich an einen Herrn erinnern, der in meinem Leben am Rhein eine kleine, aber nicht unwichtige Rolle spielte. In Wirklichkeit hieß er etwas anders als in der folgenden Geschichte. Den fiktiven Namen habe ich mir bei meinem Lieblings-Märchen der Brüder Grimm ausgeliehen:
Der Herr Korbes
In der alten Zeit hatte ich einen Friseur, der hieß Herr Korbes. Er ging seinem Handwerk in einem Salon nach, in dem Damen und Herren die Haare geschnitten und gemacht wurden. Bei der Arbeit trug er einen gestärkten, weißen, kurzärmligen Kittel, in dessen linker Brusttasche sich ein Kamm und eine Schere befanden.
Wenn ich mich auf einen der Wartestühle setzte, grüßte mich der Herr Korbes mit einem Nicken über den Kopf des Kunden hinweg, um den er sich gerade kümmerte. Sobald er fertig war, bat er mich zu seinem Arbeitsplatz.
Der Herr Korbes wußte, was er zu tun hatte. Er tat es mit großer Sorgfalt, aber ohne viel Worte zu machen. Seine Miene war schwer zu deuten: stillvergnügt oder vielleicht eine Spur mißmutig?
Auf alles war Verlaß beim Herrn Korbes. Immer, immer wenn er ein gutes Weilchen gekämmt und geschnitten hatte, sagte er mit dem Anflug eines Lächelns:
„So. Jetzt haben wir wieder ein bißchen Luft auf dem Kopf, nicht wahr?“
Und ich bestätigte jedes Mal, jedes Mal präzise im selben Wortlaut:
„Genau.“
Schließlich schrieb der Herr Korbes eigenhändig die Rechnung. Der notierte Betrag war nicht zu hoch und nicht zu niedrig. Er entsprach exakt der erbrachten Leistung. Der Herr Korbes half mir wieder in die Jacke und verabschiedete mich.
So ging das jahraus, jahrein. Der Herr Korbes trat dann kürzer und arbeitete nurmehr donnerstags. Ich hielt ihm die Treue, bis ich eines traurigen Tages zum Städtele hinaus mußte. Einen wie ihn habe ich nicht wieder gefunden.