Nicht der Eigensinn, Mario Barth,

ist es, der Ihnen zufolge den Männern fehlt, auch nicht das Eigenheim, die Eigensucht oder der Eigenurin. Vielmehr hätten Männer, so Sie, im Unterschied zu Frauen, keinen „Eigenhumor“. Was man daran erkennen könne, dass Männer auf Witze über Männer „eher sauer“ reagierten. Stimmt das denn wirklich? Ich habe mich und einige andere Männer gefragt. Die Antwort lautete durchgängig: Nein, wir haben viel, sehr viel Eigenhumor, verfügen sogar teilweise über Eigenironie, können richtig ausgelassen lachen über Witze, die auf unsere oder Kosten anderer Männer gehen. Eher sauer reagieren wir nur dann, wenn diese Witze, wie sollen wir sagen, nicht gut sind, ungut, erwartbar, sprachlich unbeholfen, abgedroschen, dumpfbackig, die immergleichen Klischees bedienend. Sie wissen sicher, was wir meinen. Und nehmen diesen Hinweis mit dem selbst Ihnen eigenen Eigenhumor. Nichts für ungut.

PeterLicht (Drittes Konzert)

Selten so gelacht bei einem Pop-Konzert. Eher: nie.

Schon das Bühnen-Outfit war komisch: Fellbesetzte Cap, Brille auf der Nase, Kopfhörer um den Hals, ein psychodelisch gemustertes Hemd und eine schwarzweiß gepunktete Pluderhose.

PeterLicht ist eben kein normaler Mensch, sondern eine Kunstfigur. Die oft unfreiwillige Komik von Pop-Posen ist ihm sehr bewußt. Er nutzt sie trotzdem für sich und das ist dann eben freiwillig komisch. Er reckt die Arme in die Höhe und wir im Publikum müssen lachen und uns freuen.

Das Konzert beginnt mit ruhigen, innigen, lyrischen Liedern. Wenig braucht es. Diese junge, warme, helle Stimme, Gitarre, Klavier.

Dann wird es rhythmischer, künstlicher, komischer. PeterLicht schöpft die lustigen Möglichkeiten der Stimmverfremdung voll aus. Steigt hinab zu uns, singend, sprechend, einen fetten Stapel kopierter Zettel mit Text drauf großzügig verteilend. Hier bekommt das Konzert Performance-Charakter, aber unpeinlich. Und dann singen wir alle gemeinsam die „Emotionale“:

„Wacht auf, Verschlammte dieser Erde!

Dieses Land ist unser Land!

Singt übergriffige Lieder

Die ihr euch selber nicht erklären könnt!“

PeterLicht ist eine Kunstfigur, aber keine keimfreie, sondern eine aus Fleisch und Blut. Er hat Freude an Albernheit und Ausgelassenheit. Das verbindet ihn mit seinem Publikum. Die slapstickartigen Tanzbewegungen könnten an Helge Schneider geschult sein. Das muß man sich als ernsthafter Pop-Künstler erst mal trauen.

Möglicherweise traut er es sich auch in dem Bewußtsein, schon viele großartige Songs geschrieben zu haben, einige davon auch wieder auf dem neuen Album. Zum Beispiel das sehr gradlinige Lied „Menschen“, dessen Verse mich ganz inniglich berühren:

„Und hab mich abgemüht mit Menschen

Was hab ich versucht sie zu verstehen!

Und manchmal hab ich einen angefasst

Was hab ich versucht ihn zu verstehen“

PeterLicht singt das und plötzlich verstehe ich, wie unerhört schwer und anstrengend es ist, andere Menschen zu verstehen, wie unerhört merkwürdig, daß wir uns gelegentlich wechselseitig anfassen. Für mich ist das wahre Dichtkunst.

Schön, daß so viele Menschen gekommen sind, um sich im Festssal Kreuzberg erheben zu lassen durch die Kraft der Worte, der einfachen, aber nicht banalen Melodien, erlösen von der kathartischen Kraft der Komik.

Der komische, ekstatische Höhepunkt des Abends: PeterLicht bittet uns, mit ihm gemeinsam das Lied „Benimmunterricht“ zu singen: ein sperriger Text, der auf einer Zeitungsmeldung basiert, wonach die Arbeitgeberverbände Benimmunterricht an Schulen fordern. Dazu eine exzentrische E-Gitarren-Melodie. Geht nicht, das mitzusingen, denken wir. Geht aber doch. Der Künstler singt vor, wir singen nach:

„Einfache Regeln des Zusammenlebens fehlen den Schulabgä-hä-hä-hä-hä-hä-hängern.“

Die letzten Silben singen wir in Endlosschleife und PeterLicht windet sich dazu mit Gitarre auf dem Bühnenboden.

Selten so gelacht bei einem Pop-Konzert. Eher: nie.

Joe Jackson (Zweites Konzert)

Seit der Adoleszenz ist er einer meiner Hausgötter. Mehrfach schon durfte ich ihn live erleben. Jetzt aber lange nicht mehr. Ich hatte ihn ein wenig über. Die Hausgötter können da gar nicht unbedingt etwas dafür. Sie machen eben, was sie machen müssen als Künstler. Können sich, anders als Werbedoofis es suggerieren, auch nicht alle naslang neu erfinden. Und wir Empfänger verlieren im Laufe der Jahre möglicherweise etwas an Empfänglichkeit, an Begeisterungsfähigkeit. So entsteht eine leise Ermüdung, ein zarter Überdruß.

Jetzt aber hatte ich mal wieder Lust auf eine leibhaftige Begegnung und kaufte mir eine Karte für den Admiralspalast. Die lag bei uns neben dem Telefon und mein Sohn entdeckte unter der Angabe des Sitzplatzes den wirklich sehr klein geschriebenen Warnhinweis „stark sichtbehindert“.

Nach der Arbeit und vor dem Konzert hatte ich noch etwas Zeit und Hunger und Durst. Ich kehrte also in die „Ständige Vertretung“ ein, die wie immer sehr voll war. Der Platzanweiserin sagte ich, ich hätte nicht reserviert, wolle aber auch nur schnell einen Flammkuchen essen und zwei Kölsch trinken. Die rheinisch-resolute Frau antwortete:

„Das sind mir die liebsten.“

Und platzierte mich an einem kleinen Tisch, an dem schon ein Pärchen saß. Ich aß also einen Flammkuchen, trank zwei Kölsch, bezahlte, wünschte dem Pärchen noch einen schönen Abend und machte rüber in den Admiralspalast.

Im oberen Rang fand ich den Zugang zu meinem Platz und stellte erfreut fest, daß ich zwar tatsächlich nicht viel sah von der Bühne, in meiner Sichtachse aber genau das Keyboard stand, an dem gleich Joe Jackson sitzen würde.

Der große Saal unter der mächtigen Deckenlampe füllte sich allmählich. Vor mir zum Beispiel nahm jetzt ein Pärchen Platz, das ich mit leichter Zeitverzögerung als das identifizierte, neben dem ich eben einen Flammkuchen gegessen und zwei Kölsch getrunken hatte. Keiner der beiden blickte sich um und auch ich gab mich nicht zu erkennen.

Just in dem Moment, als ich dachte, ganz schön viele Männer ab 50 aufwärts hier, setzte sich eine etwa 23jährige Frau neben mich. Joe Jackson und seine Band betraten die Bühne und die junge Frau ging sofort entflammt mit. Das freute und rührte mich. Leider fiel mir keine unpeinliche Art ein, wie ich sie hätte fragen können, was sie in dieses Konzert führte. Also ließ ich es.

Joe Jackson ist immer noch gut und voll da: Blauer Anzug, weißes Hemd, großer Mann mit markantem Kopf und einem merkwürdig alterslosen Gesicht.

Der Künstler meidet jedes Popstar-Klischee, ist aber trotzdem nicht unnahbar. Er tanzt im Sitzen. Oder er sitzt da mit verschränkten Armen und singt. Lustige Pose.

Außer Joe Jackson noch am Start: ein wahrhaft fettes Schlagzeug, eine Gitarre, die fast schmerzhaft in meine Ohren schneidet, der präzise und melodiöse Bass von Graham Maby.

Joe Jackson hat Lieder aus vier Jahrzehnten ausgewählt. Sie sind gut gealtert, nämlich gar nicht. Auch die schnellen, harten Stücke von ganz früher kommen schnell, hart und unpeinlich. „Steppin´out“ spielen sie in historischer Aufführungspraxis: mit dem selben Drum-Computer, mit dem Joe Jackson das Stück Anfang der achtziger Jahre aufgenommen hat.

Zur Zugabe kommt der große Mann noch einmal auf die Bühne geschlakst, hält den Kopf schräg und sich selbst dabei die Ohren zu wegen der Lautstärke des Applauses.

Immer noch gut. Aber nie wieder wird er mich flashen wie früher. Er kann nichts dafür, ich auch nicht. Schuld daran ist nur das Leben.

KLAN (Erstes Konzert)

Im kleinen Potsdamer „Waschhaus“ zunächst die Vorband: „Jeremias“. Sehr junge Männer, fast noch Jungs, aus Hannover, die mit großer Freude funkige Stücke spielen und dazu deutsche Texte singen. Der Sänger fährt dem ausgelassen hüpfenden Bassmann zwischendurch mal kurz und liebevoll mit der Hand durch die Haare. Die Band veröffentlicht demnächst eine EP, die heißen wird

„Du mußt an den Frühling glauben“.

Schöner Titel. Und zugleich eine Ehrbezeugung für den von der Band „sehrsehr geliebten“ Jazzpianisten Bill Evans und sein Album

„You must believe in spring“.

Erstaunlich, denkt der nicht mehr junge Mann, was diese jungen Männer für einen musikalischen Horizont haben.

Dann kommen „KLAN“. Der Sänger und der Gitarrist sind zwei Brüder aus Leipzig. Plus Bassmann und Schlagzeuger. Der Sänger ist bester Laune und verspricht uns einen wundervollen Abend. Nach einer Stunde aber ist das Programm schon vorbei. Die Band, auch noch jung, hat erst eine Platte gemacht, die allerdings durchgängig gelungen ist. Und live klingen die Lieder nicht weniger gut. Das Publikum ist ausgesprochen textsicher und singt auch ohne explizite Aufforderung gar nicht mal so leichte Stellen mit:

„Man nennt es jugendliche Melancholie

aber heut und hier

ist es wieder so schlimm wie nie“

Zwei besonders schöne Momente gibt es. Der Sänger hebt an zu erzählen:

„Ich hatte neulich Geburtstag und da…“

Und da beginnt das Publikum, ihm ein Ständchen zu singen. Muß aber lachend abbrechen, als es an den Vornamen geht:

„Happy Birthday, lieber…“

Sehr sympathisch: Das Publikum kennt die Texte auswendig, nicht aber den Vornamen des Sängers. Der Bruder hilft aus:

„Er heißt Michael.“

Und Michael sagt:

„Ihr könnt auch singen: ´Happy Birthday, lieber KLAN´.“

Zur letzten Zugabe kommen die Gebrüder Michael und Stefan Heinrich runter von der Bühne. Die Konzertbesucher setzen sich auf den Boden und die beiden stehen da mit Akustikgitarre und Stimme und musizieren unverstärkt.

Wir singen wieder mit, nur leise. Schön ist das. Ein bißchen wie in der Jugendherberge. Und ich darf nochmal dabei sein.

Ein generelles Arggghh (2)

Vor einigen Jahren (19. August 2014) zitierte ich hier aus einem Interview, in dem der Schauspieler Robin Williams Auskunft gab  über Depressionen,  Angst und Alkohol:

Robin Williams: Es ist buchstäblich Furcht. Und du denkst, oh, das wird die Sache erträglich machen. Aber das tut es nicht.

Fragensteller: Angst wovor?

Robin Williams: Vor allem. Es ist einfach ein generelles Arggghh.

Daran mußte ich denken, als ich am Samstag in der ´Süddeutschen Zeitung´ einen Artikel von  Johanna Adorján über den inzwischen 86jährigen Zeichner Sempé las, darin auch diese Interview-Passage:

Johanna Adorján: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Sempé: Natürlich. Ich habe Angst vor Schmetterlingen, die mich böse ansehen. Ich habe Angst vor Ameisen, die mich beißen wollen. Ich habe Angst vor Bienen, die mich stechen wollen. Ich habe vor allem Angst.

Als ich das las, saß ich im Café. Mir gegenüber mein Töchterchen. Ich erzählte ihr von den Schmetterlingen, die böse schauen. Woraufhin sie sich in meinem Notizbuch gleich an einer Skizze versuchte:

Abspann

Merkürdiges Wort: Abspann.

Nicht weniger merkwürdig die Plurale:

Abspanne oder – laut Duden – auch:  Abspänne.

Der Abspann jedenfalls – eine Binse – ist Teil des Films.  Deshalb gehört es sich im Kino, während des Abspanns sitzen zu bleiben und die anderen, die in Ruhe ihre Tränen trocknen wollen oder Ausschau halten nach dem Namen von der einen Nebendarstellerin oder dem Titel von dem einen Musikstück, nicht durch Aufbruch und Durchsbildlaufen zu stören.

Sehr gelegentlich  sind  Abspanne oder – laut Duden – auch: Abspänne  kleine Kunstwerke für sich, bei denen man gar nicht auf die Idee kommt, aufzustehen und zu gehen. Mein Lieblings-Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist der Abspann des Films „St.  Vincent“ mit Bill Murray in der Hauptrolle. Oft schon sah ich ihn mir an und jedes Mal hob er zuverlässig meine Laune.

Eure auch?

Das hört nie auf.

Der alte, sterbenskranke Mann: Ist schwach, nimmt kaum noch etwas zu sich, liegt viel,  die Augen oft geschlossen.

Wenn dann aber die Cousine, die hilft ihn zu pflegen, sagt: „Ich schau mal, ob noch Markklößchen im Kühlschrank ist.“ entfährt ihm, während die Augen geschlossen bleiben, ein so genervtes wie scharfes

„Sind!“

Kühe (5)

Kleine Wanderung, allein durch Wald und Felder bei Sperenberg, außer mir kein Mensch unterwegs.  Dafür steht eine Herde Kühe um eine Tränke versammelt. Sie nehmen mich wahr, drehen sich alle mehr oder weniger gleichzeitig um, schauen in meine Richtung und setzen sich dann in Bewegung. Etwa 25 Tiere kommen langsam und ernsthaft auf mich zu. Das ist – trotz Zaun und bei aller Liebe zu Kühen  –  ein kleines bißchen furchteinflößend.