Gino Paoli

Jetzt ist schon wieder was passiert.

Nämlich Gino Paoli gestorben, einer meiner italienischen Lieblings-Sänger, den ich für seine zarte Stimme, die Melodien und Texte seiner Canzoni verehre.

91 Jahre alt ist er geworden. Einen Großteil seines langen Lebens hat er unglaublicherweise mit einer Kugel im Herzen verbracht, Folge eines Suizidversuchs in den 60er Jahren. Die Kugel habe ihn das Leben intensiver leben lassen, sagte er, aber auch immer daran erinnert, daß es irgendwann zu Ende sei.

Gino Paoli wohnte in Campiglia Marittima, ganz in der Nähe meiner italienischen Schwester. Ich hatte immer die Hoffnung, ihm mal auf dem Marktplatz über den Weg zu laufen. Daraus wird jetzt nichts mehr.

Uns bleibt aber die Schönheit, mit der er den Himmel in einem Zimmer postkoital poetisch besungen hat:

Kann ja wohl nicht wahr sein,

daß Chuck Norris jetzt wirklich gestorben sein soll.

Vorgestern erreichte uns die Meldung und sofort kursierten sie wieder, die einschlägigen Witze. Das muß ihm erstmal einer nachmachen: mit dem eigenen Tod eine globale  komische Ketttenreaktion in Gang zu setzen.

Behauptet wurde zu meiner Freude auch, Chuck Norris sei eigentlich schon vor zehn Jahren gestorben, der Tod habe aber bis dato nicht den Mut gehabt, es dem Betroffenen zu sagen.

Das glaube ich gerne – und copypaste nochmal, was ich vor ziemlich genau einem Jahr hier zu seinem 85. Geburtstag geschrieben habe:

Der Kampfkünstler und Action-Schauspieler Chuck Norris wird heute 85 Jahre alt.  Mit seinem filmischen Oeuvre bin ich nicht allzu vertraut und auch in seine dem Hörensagen nach fragwürdige Weltanschauung habe ich mich nicht vertieft.

Was ich aber mag, sind Chuck Norris-Witze, die zumeist auf seine übermenschlichen physischen und mentalen Fähigkeiten abheben bzw. auf die der Figuren, die er spielte, und die fast immer nur aus einer Zeile bestehen.

Neffe Jakob war eine Weile ein lebendiges Lexikon dieser One- oder Twoliner, von denen es im Netz unzählige gibt. Besonders gefallen mir diese drei:

Chuck Norris kann Drehtüren zuschlagen.
Chuck Norris kennt die letzte Ziffer von Pi.

Das Auto von Chuck Norris braucht kein Benzin. Es fährt aus Respekt.

Solcherart Witze flogen zwischen Jakob, mir und meinen Kindern hin und her.  Das Söhnchen erfand dann selbst einen:

Nicht die Hoffnung stirbt zuletzt, sondern Chuck Norris.

Nicht schlecht, oder? Zudem am 17. Juli 2017 von der Wirklichkeit verifiziert. Denn an diesem Tag überlebte Chuck Norris zwei Herzinfarkte.

P.S. im März 2026: Wenn aber nicht die Hoffnung, sondern Chuck Norris zuletzt stirbt, heißt das nicht im Umkehrschluß,  daß auch die Hoffnung schon gestorben sein muß?

 

Wollen wir nicht hoffen.

Zur Sonne

Auf der Rolltreppe raus in die Sonne zu fahren,

ist ein großes Vergnügen. Ich hab es seit Jahren

 

immer dann, wenn ich morgens die U-Bahn verlasse,

hoch zum Kaiserdamm, Laufrichtung Bredtschneiderstraße.

 

Und ich träume an strahlenden Tagen seit Jahren:

auf der Rolltreppe rauf bis zur Sonne zu fahren.

Und noch ein komischer Heiliger

Noch ist es ja möglich, immer wieder mal, einfach so zwischendurch und kostenlos, weil man gerade in der Gegend ist, in den Kölner Dom hineinzuspazieren, zum Gerhard-Richter-Fenster zu pilgern, durch dessen Lichteinfall Gott höchstpersönlich zu uns spricht, ein Kerzchen anzuzünden, um lieber toter Menschen zu gedenken – und sich dann planlos noch ein wenig treiben zu lassen und umzuschauen in dieser großen, strengen Kirche. So taten es Theodor und ich auch zuletzt wieder – und entdeckten dabei einen marmornen Heiligen, der uns bislang verborgen geblieben war:

Engelbert heißt er.

Ich wußte nichts über ihn. Was ich dann nachlas, klingt nicht so heiligmäßig:

Im 13. Jahrhundert war Engelbert Erzbischof von Köln und wird beschrieben als ein „brutaler, rücksichtsloser Machtmensch“.  Am 7. November 1225 wurde er in einem Hohlweg in Gevelsberg erschlagen. In den Mord verwickelt war offenbar sein Widersacher Friedrich von Isenberg, der seinerseits ein Jahr später in Köln gerädert wurde. Friedrich soll die Angreifer im Kampf gegen Engelbert einerseits angefeuert, andererseits aber immerhin die Enthauptung der Leiche verhindert haben.

Die Gebeine Engelberts werden heute in einem kostbaren Schrein in der Schatzkammer des Kölner Doms aufbewahrt, das separat bestattete „Herz des Heiligen“ ist im Altenberger Dom zu besichtigen. Fingerreliquien befinden sich in Solingen und in der Währinger Pfarrkirche in Wien. Dort vorgehalten wird auch das Stück einer Rippe und in Gevelsberg ein Teil des Unterarmes.

Wikipedia weiß zudem, daß im Jahr 1978 Gerichtsmediziner die Gebeine Engelberts untersuchten und dabei fast 50 Verletzungen durch Hiebe und Stiche nachwiesen: „Die hohe Zahl der tiefen Verletzungen wird als Zeichen heftiger Gegenwehr Engelberts und panischer Reaktion der Angreifer interpretiert, da bereits wenige dieser Hiebe sicher tödlich gewesen sind.“

Der Engelbert war also vermutlich ein eher böser Mensch, der ein brutales Ende fand.

Denkt man nicht, oder, wenn man ihn so sieht als lustige Liegefigur, die ein geflügelter Putto zärtlich am Finger berührt?

Die ganze üble Geschichte zu einer Ballade verdichtet hat übrigens Annette von Droste-Hülshoff. Liest Du hier:

Der Tod des Erzbischofs Engelbert von Köln

Fundgrube Flaubert

Immer wieder lese ich in den Briefen Gustave Flauberts. Warum?  Weil ich immer wieder einzelne Sätze oder Passagen finde, die sich abzutippen lohnen, für mich und für Euch. Diesen Halbsatz hier zum Beispiel, den Flaubert am 23. Februar 1850, also genau heute vor 176 Jahren, an seine Mutter geschrieben hat:

„und ist das nicht zum Teil das Wichtigste im Leben: sich nicht zu sehr zu ärgern?“

Die Himmlische

Noch selten habe ich mich so arg auf ein Konzert gefreut wie auf das von Celeste am 17. Juni im Berliner Tempodrom.

Erstmals begegnet ist mir die Sängerin vor einigen Jahren als Duett-Partnerin von Paul Weller. Celeste beginnt sehr dezent, entweder  Understatement, vielleicht auch Schüchternheit, holt dann aber plötzlich eine Stimme von man weiß nicht woher. Sehr schön auch die Momente des wechselseitigen grinsenden Erkennens:

Zwar sah ich schon das Unübersehbare, hörte schon das Unüberhörbare, verlor das Großtalent aber dennoch aus den Augen.

Bis mir Celeste vor einigen Monaten bei „Inas Nacht“ wiederbegegnete.  Schaut Euch diesen Auftritt an und Ihr versteht sofort, warum Ina Müller währenddessen weinen mußte:

Nach dieser umwerfenden und herzschmelzenden Performance vertiefte ich mich in Celestes Werk, bislang zwei Alben, und erkannte sie:

als Sängerin, deren Ausdrucksvermögen sich, denke ich, messen kann mit dem großartiger Vorfahrinnen wie Nina Simone.  Celeste singt keinen Ton, keine Phrase zweimal auf die gleiche Art. Sie kann stimmlich extrem viel, das Gefühl ist ihr aber immer wichtiger als die Virtuosität. Auch Kleidung, Styling, Gestik weisen sie aus als so stilbewusste wie eigene Künstlerin.

Und das Beste: Sie schreibt wundervolle Songs, die eingängig sind, obwohl sie immer wieder von den üblichen Mustern abweichen.

Bis Juni werde ich mich zwingen müssen, sie nicht übertrieben oft zu hören. Und ich bin mir eigentlich jetzt schon sicher, daß es Frau A. und mir dann ähnlich gehen wird wie im Jahr 2011, als wir die junge  Adele im Kreuzberger „Huxley´s“ erleben durften: Uns werden spätestens beim zweiten gesungenen Ton die ersten Tränchen kullern.

Nehmt um der Dreifaltigkeit willen auch noch dieses dritte Video hier. Dann wißt ihr, warum ihre Eltern Celeste Epiphany Waite das Himmlisch-Göttliche namentlich mit auf den Weg gaben: