Zementmischer (15)

Ich war baff.

Lief durch Brooklyn, auf der Suche nach dem Fußweg über die Brooklyn Bridge, rechnete mit vielem, aber nicht damit, mitten in New York einen Zementmischer zu finden, weil die mir doch sonst fast nur an beschaulichen Orten in Südeuropa entgegentraten.

Aber da war er:Im Hintergrund könnt Ihr die Zufahrt zur Manhattan Bridge erkennen. Und ganz in der Nähe entdeckte ich dann endlich auch den Fußweg über die Brooklyn-Brücke, die an diesem nieseligen Tag besonders charismatisch erglänzte:

Humor versus Fanatismus

Der Schriftsteller Salman Rushdie bekommt am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Vor ein paar Tagen las ich ein Interview, das Denis Scheck für den ´Tagesspiegel´ mit ihm geführt hat.

Scheck:  Sie haben die Auseinandersetzung um „Die satanischen Verse“ einmal als einen Streit zwischen Menschen mit Sinn für Humor und Menschen ohne Sinn für Humor bezeichnet.

Rusdie:  Das stimmte damals und das stimmt wohl auch heute.

Mein Eindruck ist: Das stimmt heute sogar noch ein wenig mehr als damals, denn die humorlosen, zu unausdenkbaren Freveltaten bereiten Fanatiker werden eher mehr als weniger, scheint mir.

Zu diesem Thema, dem unvereinbaren Gegensatz von Humor und Fanatismus, habe ich hier vor einigen Jahren mal einen Text geschrieben. Und der ging so:

Manche Menschen verstehen keinen Spaß.

Warum nicht?

Das ist eine interessante Frage, die sich und der sich Despoten, Autokraten, Heimattümler, religiöse Fanatiker aller Art stellen sollten.

Propagiert hat diesen „Test by ridicule“ der Earl of Shaftesbury um 1700. Thomas Kapielski faßt ihn in seinem Buch „Mischwald“ (S. 186) so zusammen:

„Der Spott sei Test (´test by ridicule´) und Arznei wider den Fanatismus! Wo eine Gesinnung auf dem Probierstein des Spottes cholerisch anspringt, da stehe es ganz übel. Dabei leugnet Shaftesbury keineswegs die Aufrichtigkeit echter religiöser Gesinnung, denn diese, so Shaftesbury, würde Spott, sogar Hohn, immer mild lächelnd ertragen. Geschwollene Würde aber, die sich von vornherein gegen Kritik abzuschirmen trachte, sei Betrug; alle Unaufrichtigekeit fürchte nichts mehr als Scherz und Humor.“

Wann immer Euch,  geneigte Leserinnen und  Leser, ein Mensch verdächtig vorkommt: Macht den test by ridicule. Prüft oder stellt Euch vor, wie er oder sie auf Spott reagieren würde.

Dann wißt Ihr,  wo Ihr dran seid.

Lektionen (6)

„Zerbrich dir nicht den Kopf über die Zukunft, sie bleibt ein Geheimnis.“

(Jean-Michel Jarre,  Was ich gern früher gewusst hätte)

*

Als er gefragt wurde, wie er sich die Zukunft in zehn Jahren vorstelle

 

Die Zukunft liegt im Dunkeln: Hui Buh!

Im Dunkel der Vokale u und u.

 

Doch abgesehen mal vom dunklen Klang

– die Zukunft ist mir hoffnungslos zu lang.

 

Was weiß denn ich, was in zehn Jahren ist.

Prognosen dieser Art sind meistens Mist.

 

Was weiß denn ich, bin doch kein Visionär.

Mir fällt ja schon die Urlaubsplanung schwer.

 

Bin nicht George Orwell, eher Doris Day:

Was sein wird, das wird sein, ist schon okay.

 

Auch Charlie Parker wußte: Zeit ist jetzt!

Die Zukunft wird durch Gegenwart ersetzt.

 

So pflücke ich brav weiter Tag für Tag.

Und träume nachts davon, was kommen mag.

 

Die Augen auf und durch und wieder zu.

Die Zukunft liegt im Dunkeln: Hui Buh!

Zwischen Bronsky und de Bruyn

Kurz nachdem ich hier neulich KOMPLETT selbstverliebt dokumentiert hatte,

wie und wo

Nicole und Jo

meine Bücher in ihre neue Bibliothek einsortiert haben, schickte mir Tina diesen aufschlußreichen Blick auf ihr Regal:Dort steh ich also zwischen Bronsky und de Bruyn. Von beiden hab ich noch nie nix gelesen. Shame on me, wollte ich gerade schreiben. Dann aber fiel mir ein: Die ja sehr vermutlich auch nie nix von mir. Also: Shame on all of us.

Lektionen (5)

„Libellen übertreiben hart.“

(Trystan Pütter, Was ich gern früher gewusst hätte)

*

Ansichtskarte aus Italien

 

Auch diesmal fand ich vieles schön im viel gelobten Land:

Zum Beispiel diese Pinien als Wegweiser zum Strand.

Noch schöner fast der Volleyballerinnenfuß im Sand.

Vielleicht am schönsten: Geckoschatten auf der Bruchsteinwand.

Moment – jetzt weiß ich, was ich wohl am allerschönsten fand:

Ja, das war die Libelle auf dem Kaffeetassenrand.

– Italien, deine Schönheit ist des Glückes Unterpfand.

Zementmischer (14)

Mein leicht perverser persönlicher Ehrgeiz, ist, wie Ihr wißt, auf jeder Reise in den Süden einen möglichst pittoresken Zementmischer zu fotografieren. Diesmal aber war es schwer: Weder auf unserem 17 Kilometer langen Spaziergang durch Rom noch im Chianti hatten wir Glück. Am letzten Tag aber erspähte Sohn Theo noch einen im Vorbeifahren. Wir hielten also an, und ich begab mich auf ein bauernhofartiges Privatgelände. Niemand schien da zu sein, mein Rufen blieb unerhört. Also fotografierte ich den fast antik wirkenden Zementmischer und wollte gerade zurück zum Auto, als ich einen brüllenden und wild fuchtelnden Mann gewahrte, der sich mir auf dem Fahrrad näherte – offenbar der Bauer, der sich zu Recht fragte, was der Fremde da fotografierend auf seinem Gelände zu suchen hatte. Ich ging begütigend auf ihn zu, erzählte ihm in holprigen Italienisch von meiner leicht perversen Neigung zu Zementmischern und zeigte die  Fotos der altehrwürdigen Betoniera. Der Bauer verstand etwas verzögert, war ein bißchen irritiert, vielleicht auch amüsiert – und ließ mich ungeschoren davonkommen mit diesem eindrucksvollen Dokument hier:Piombino 2023

So wöchentlich wie möglich

„Häuptling Eigener Herd“ – so hieß die elegante Zeitschrift für Literatur mit Hang zu den Themen Essen und Trinken, die Vincent Klink und Wiglaf Droste bis vor einigen Jahren herausgaben.

Und zwar „so vierteljährlich wie möglich“. Diesen Erscheinungs-Modus mochte ich immer besonders: ambitioniert, aber nicht krampfhaft – genau die richtige Haltung für so ein Liebhaber-Projekt ohne Profitstreben. Es bleibt Spielraum für ein bißchen früher oder später.Mein Liebhaber-Projekt ist dieser Blog hier, in dem ich so wöchentlich wie möglich versuche, kleine Einblicke in mein oder Ausblicke aus meinem All zu geben, in dem Zementmischer, Kühe, Katzen, Gedanken, Gedichte, Hüte, Mützen, seltene Singulare und ausgesuchte Albernheiten ungeordnet umherfliegen – wie ich hoffe, zu Eurer Erbauung und Unterhaltung.

Wenn man neun Jahre lang so wöchentlich wie möglich ungefähr  ein Bruchstück veröffentlicht, kommt man genau heute auf den genau 500. Eintrag.

Und diese 500 Beiträge habt Ihr bisher 122 mal kommentiert. Es fehlen also noch drei Kommentare bis zum glatten Viertel. Ich würde mich mit Blick auf dieses funkelnde kleine Jubiläum inniglich freuen, wenn wir das Viertel ruckzuck voll bekämen. Seid Ihr bereit? Dann schießt bitte jetzt mit den Kanonen Eurer Kommentare auf die Spatzen meiner Ideen. Oder so ähnlich.

Liegen lernen (9)

Ein Leichtes liegt auf meinem Gesicht,

behütet mich fast ohne Gewicht,

bewirkt, daß auch das gleißendste Licht

durch klitzekleine Löcher nur bricht,

daß Welt und All nach Stroh riecht und gut

– das alles tut: Mein Panama-Hut.

Satire als Notwehr (2)

Weiter unten schrieb ich über Satire als Notwehr und darüber, wie sie mit einfachsten Mitteln ausgeübt werden kann:

Ein dicker schwarzer Filzstift reicht, um Personen auf Wahlplakaten mittels Schnurrbart oder schwarzen Zähnen zu entstellen, ihre mitunter penetrante Präsenz in Komik aufzulösen.

Auf eine andere harmlose, aber wirkungsvolle Albernheit verfiel neulich nachts Frau A., um ihrem Ärger über verfehlte Verkehrspolitik lustig Luft zu machen:

Alexander Doofbrindt

Andreas B. Scheuer

Volker Unwissing

Ein wenig infantil natürlich, solche Namens-Witze, aber sehr sympathisch, hilfreich und gut. Denn die  Erleichterung durch Komik hilft zu verhindern, daß Ärger zu Haß gerinnt. So ziemlich ungefähr hat es mal Max Goldt formuliert – allerdings lang bevor die Haßbürger am Horizont erschienen und sich anschickten, uns das Licht, die Luft zu nehmen. Was wir hoffentlich zu verhindern wissen.

Feine Unterschiede (2)

Wieder in die Hände fiel mir jetzt ein Satz, der den von Pierre Bourdieu beschriebenen  Distinktionsgewinn sehr witzig auf den Punkt bringt, also den Willen zur Abgrenzung der Oberschichtler von den Unterschichtlern, der Charlottenburgerinnen von den Hellersdorfern, der Besseresser mit teurer Küche von denen, die einfach essen:

„Ab wieviel Bildung muß man eigentlich Pasta sagen statt Nudeln?“

Besonders gut an diesem Einsatzwitz des Comicduos Katz und Goldt gefällt mir das „muß“.  Denn Standesdünkel verpflichtet, in diesem Fall zum „Pasta“-Sagen.