Sophia und Hilde

Was ist das, fragte ich mich neulich, als mir der algorhitmisierte Zufall diesen Song hier servierte? Vielleicht ein Lied, das Hildegard Knef in ihren späten Jahren gemeinsam mit Till Brönner aufgenommen  hat? Nein, sagte mir das Display, das ist ein Lied von Sophia Kennedy –  das sie aber ganz sicher mit der Absicht geschrieben und  eingespielt hat, wie Hildegard Knef zu singen und zu klingen:

Mochte ich auf Anhieb. Und Johanna Adorján feiert den Song über das Feiern heute zu Recht ausführlich in der ´Süddeutschen´, vor allem die aus der Zeit gefallene Besonderheit, einzelne Konsonanten wie das r und vor allem die am Ende eines Wortes sehr deutlich zu artikulieren – eben ganz in der Tradition Hildegard Knefs:

„Man hört genau hin, auch wenn der Text ja von einem recht banalen Vorgang erzählt. Das aber so wunderschön sorglos, tänzerisch und verträumt, dass das Stück wirklich etwas angenehm Beschwipstes hat.“

Was mir am Titel des Liedes so gefällt: Man kann ihn einerseits als Aufforderung zum Einschenken eines angemessen großen Glases lesen, andererseits aber auch als elliptischen Wunschzettel: Schenke mir ein Lächeln, ein Auto, ein Lied.

P.S. Warum Hildegard Knef kwasi mit Sankt Neff, also mir, verwandt ist, könnt Ihr weiter unten, also früher, kwasi hier

Hildegarde Neff

lesen, so Ihr wollt.

Ella und Marilyn

Von Ella Fitzgerald gibt es die Legende, sie habe nie in ihrem Leben einen falschen Ton gesungen.  Ich glaube das sofort. Überprüfen läßt es sich eh nicht. Und meine Schwiegermutter Christiane, die Ella Fitzgerald in Hamburg live on stage erlebte, kann ich nicht mehr fragen.

Keine falschen Töne, aber trotzdem natürlich nicht vor Pannen gefeit. Ausgerechnet bei einem Auftritt in West-Berlin im Jahr 1960 vergaß sie den Text von „Mac the Knife“. Was peinlich hätte werden können, machte Ella Fitzgerald zu einem Bravour-Stück der Improvisation:

Im Jahr drauf wurde Ella Fitzgerald speziell für diese Performance mit einem Grammy geehrt.

Was ich aber eigentlich erzählen wollte:

Wie vom Donner gerührt hörte ich neulich zum ersten Mal in meinem Leben einen Jazz-Standard, den alle Welt kennt – außer mir: Den Song „Nature  Boy“, der 1948 von Nat King Cole veröffentlicht und seither hundertfach gecovert wurde.

Zum Beispiel eben von Ella Fitzgerald.  Die Version, die der algorithmisierte Zufall mir servierte, stammt von der späteren Ella und dem Jazz-Gitarristen Joe Pass: Stimme, Gitarre, ein kurzer, leicht mystischer Text, eine vertrackte, aber trotzdem eingängige Melodie. Kurz: ein Wunder von Lied:

„The greatest thing you’ll ever learnIs just to love and be loved in return“

P.S. Auch für dieses Album gewann Ella Fitzgerald 1977 wieder einen Grammy.

P.P.S. Weil ich nicht allzu viel über Ella Fitzgerald weiß, las ich eben noch ein wenig nach und erfuhr by the way ein wertvolles Detail: Auch Marilyn Monroe war ein großer Ella-Fan. Sie nutzte ihre Bekanntheit, um 1954 dafür zu sorgen, daß Ella Fitzgerald trotz Rassentrennung für große Bühnen gebucht wurde. Und trug so wohl wesentlich zum Durchbruch der Sängerin bei. Die beiden Frauen blieben bis zu Marilyn Monroes Tod im Jahr 1964 befreundet.

Stinkende Dichter (1)

Vor einigen Monaten ist der Journalist Georg Stefan Troller im Alter von 103 Jahren gestorben – nach einem Leben, das bewegt zu nennen ziemlich untertrieben ist. Mit 97 Jahren veröffentlichte er ein Buch, in dem er 97 Begegnungen mit interessanten, überwiegend berühmten Menschen schildert: eine Fundgrube für Zitate und Anekdoten. Zum Beispiel diese kleine Geheimnispreisgabe der Schauspielerin und Sängerin Valeska Gert.

Troller traf sie im Pariser Café du Dome. Wo sie ihm folgendes erzählte:

„Hier an diesem Tisch saß ich schon in den Zwanzigerjahren mit meinen Heroen: dem genialen russischen Regisseur Sergei Eisenstein, und dem gerade in Mode gekommenen Dichter Bertolt Brecht. Von beiden habe ich mir ein Kind gewünscht. Eisenstein lag nächtelang neben mir im Bett, ohne mich jemals zu berühren. (…) Brecht seinerseits, mein Gott! Er wusch sich ja damals nie. Und roch unter der ewigen Lederjacke dermaßen scharf, dass sogar mir die Lust verging. Und das will etwas heißen.“

Kurzzusammenfassung: Bertolt Brecht roch so scharf, daß es sogar Valeska Gert unscharf machte.

Bei meiner nächsten Lektüre der ja teils sehr schönen Gedichte von Brecht werde ich versuchen müssen, dieses Zuviel an Information auszublenden.

P.S. An der Überschrift gefällt mir, wenn ich das sagen darf, besonders die (1) hinter „Stinkende Dichter“, die suggeriert, hier gehe es jetzt los mit einer großangelegten Serie über übelriechende Autorinnen und Autoren. Habe ich aber gar nicht vor. Inspiriert wurde dieser Kunstgriff übrigens von einem frühen Randy Newman-Song namens „The Girls in My Life (Pt. 1)“.

Auch wieder wahr (6)

Im Radio hörte ich ein Gespräch mit der Sängerin und Autorin Christiane Rösinger über ihr Buch „The Joy of Aging“. Danach dachte es in mir den Satz:

„Wer nicht früh sterben will, muß damit leben, alt zu werden.“

Ein klein wenig stolz erzählte ich Frau A. von diesem, wie ich fand, Geistesblitz. Sie nun wieder war nicht ganz so begeistert, denn Aphorismen à la „Alle wollen lange leben, aber keiner will alt werden“ gebe es schon einige.

Meinen aber finde ich – nach gewissenhafter Selbstbefragung – trotzig besser.

Lektionen (13)

„Plötzlich sind alle weg.“

(Martina Gedeck, Was ich gern früher gewusst hätte)

*

Bitte

 

Hiermit möchte ich alle,

die ich mag, die ich liebe

und die mit dem Gedanken spielen,

aufzubrechen,

wegzuziehen

oder zu sterben,

inständig bitten:

Denn:

Ich kann euch unmöglich gehen lassen.

Ende und Anfang

Man soll keine Witze über Namen machen – schon klar. Trotzdem muß ich am Ende der Woche gestehen, daß es mich am Anfang der Woche durchaus erheiterte zu erfahren: Der Fußballverein Fortuna Düsseldorf hat seinen Trainer

Markus Anfang

entlassen und sich als Nachfolger für

Alexander Ende

entschieden.

Möglicherweise sind die beiden auch noch miteinander verwandt oder verschwägert. Denn von der Kölner Band „Erdmöbel“ wissen wir ja:

„Anfangs Schwester heißt Ende“.

Immerhin aber stimmt in Düsseldorf die Reihenfolge: Ende folgt auf Anfang.

Beim Berliner Schriftsteller Thomas Kapielski liest sich das deutlich vertrackter:

1998 veröffentlichte er das Buch

„Davor kommt noch“ mit den „Gottesbeweisen IX-XIII“.

Im Jahr drauf erschien dann

„Danach war schon“ mit den „Gottesbeweisen I-VIII“.

Je länger ich über diese beiden Buchtitel nachdenke, desto bewußter werden mir die Grenzen meiner Intelligenz.

Was weiß denn ich?

Außer daß ich nichts weiß außer:

Erstens: Im Anfang, das lehrt uns die Bibel, war das Wort.

Letztens: Die Liebe, das lehrt uns die Bibel, höret nimmer auf, anders als Sprache und Erkenntnis ist sie im besten Falle und in der besten aller Welten „senza fine“, wie Gino Paoli gesungen hat, ohne Ende.

Enden aber tun hier meine unbeholfenen Worte zum Sonntag, gegeben am 19. April des Jahres 2026.

Die Kugel in seinem Herzen

Für Gino Paoli

 

Es war,

sagte er später,

ein Gefühl von unendlicher Langeweile in mir,

jeden Tag die gleichen Dinge,

sagte er später,

man steht auf, geht ins Bad,

immer die gleichen, banalen Dinge,

und ich beschloss zu gehen.

 

Und so schoss er sich

mit gerade mal Dreißig,

schon berühmt, aber nicht glücklich,

eine Kugel in die Brust.

Sie blieb in der Herzwand stecken,

inoperabel, weil zu gefährlich,

sagten die Ärzte.

Also lebte er weiter,

mit der Kugel im Herzen,

sang wieder und weiter,

spielte Gitarre,

bis die Katze schnurrte.

 

Die Kugel in meinem Herzen,

sagte er später,

hat mich das Leben intensiver leben lassen

und immer daran erinnert,

sagte er später,

daß es irgendwann zu Ende ist.

In seinem Fall meinte irgendwann

sehr viel später.

Mehr als sechzig Jahre

lebte er mit der Kugel in seinem Herzen.

 

Was wird aus ihr,

jetzt, wo er gestorben ist,

mit 91 Jahren?

Nimmt er sie mit ins Grab?

Klaubt sie jemand aus der Asche?

Das darf man sich fragen,

man muß es nicht wissen.

 

Was wir aber wissen müssen:

Wenn er Gitarre spielte,

schnurrte die Katze,

lächelte ihn an

und ging wieder hoch auf den Dachboden.

Katzenmusik (3)

„Da bist du ja“

Das ist erstens ein sehr guter Songtitel: vier einsilbige Wörter inklusive Binnenreim, die die Freude und Erleichterung angesichts der nach längerer Abwesenheit wieder auftauchenden Katze auf engstem Raum präzise auf den Punkt bringen.

Und zweitens ein sehr guter Song: Ich mag kurze Lieder und ich höre Manfred Krug einfach gerne singen, zumal wenn die zu singenden Töne für seine Stimmlage fast ein bißchen zu hoch sind. Und mir gefällt der zarte Humor seiner Texte: Daß er vor lauter Wiedersehensfreude dem Katzenschatz nicht nur „Frikassee“ und „Filet“, sondern sogar ein „falsches Collier“ zu kaufen sich anheischig macht, ist augenzwinkernd charmant und nimmt mich sehr für ihn ein, den Manfred Krug.

P.S. am 22. April: Weil, wie Ihr seht, das Video inzwischen nicht mehr verfügbar ist, müsst Ihr das Lied bitte unbedingt anderswo hören. Hier dafür jetzt die auch sehr charmante und sogar tanzbare Elektro-Jazz-Variante der Band „Nylon“ mitsamt der tollen Sängerin Lisa Bassenge:

Fröhliche Ostern

Nicht nur froh, sondern fröhlich werden die Ostertage, wenn sie, wie heute, mit von Frau A. lustig verzierten Frühstückseiern beginnen.

P.S. Prompt wie immer schreibt Peter Claus aus Düsseldorf:

„Da kriegt der Begriff Eierkopp doch glatt eine Bedeutung, die einem ein Lächeln schenkt.“

Katzenmusik (2)

Katzenmusik meint ja eigentlich unschöne, disharmonische Musik und leitet sich wohl ab von den Lauten, die rollige Katzen von sich geben.

Hier möchte ich sie aber lieber verstanden wissen als Musik, die von Katzen handelt, Lieder, die Katzen besingen, wie eben Gino Paolis „La Gatta“.

Oder aber Musik, die von Katzen goutiert wird, die Kater zum Schnurren bringt, wie die Gitarre in Gino Paolis „La Gatta“.

Freund Andreas, der selbst schon eine jahrzehntelange Liebesbeziehung zur Gitarre unterhält, schickte mir neulich ein Zitat. Es stammt von einem Mann aus Bukarest, der online eine Gitarre bewertete und dabei diesen lieben Satz hier schrieb:

„Ich bin ein Autodidakt, die Matteo Carcassi Gitarrenschule war meine einzige Hilfe, also kein Profi, ich spiele für mich, meine Frau und meine Katze.“

Hier spricht, scheint mir, ein guter Mensch. Denn wer Gitarre spielt, nur für sich, seine Frau und seine Katze, kann ganz schlecht nicht sein.

Mein All