Wieder in Wien (10)

Das Literaturhaus Wien ist ein sehr unkommerzieller Ort: Der Eintritt ist kostenlos, es gibt nichts zu kaufen und das Geld fürs Schließfach bekommt man natürlich wieder. Wer keine Schillinge dabei hat, weil es diese Währung lange schon nicht mehr gibt, kann auch eine 2-Euro-Münze einwerfen.

Die kleine Ausstellung „Ach die dumme Literatur!“ mit Cartoons von Nicolas Mahler ist liebevoll gestaltet und bezieht sogar die Klotüren mit ein.  Die Frauen schauen nach Ingeborg Bachmann, die Männer nach Max Frisch.

Sehr gut gefallen hat mir auch die zartgrüne Schreibmaschine von  Friederike Mayröcker samt eingespanntem Text:

Großartiger Satz:

„möchte auch ein Japaner sein“.

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Nicht aber die kleine Ausstellung im Literaturhaus, sondern die große im Museum Leopold mit Werken von Gustave Courbet war der eigentliche Anlaß meiner Reise.

Hier hat sich der Maler, der ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher war, selbst porträtiert:

Mein Schwipp-Neffe Leonard, der kurz nach mir für ein paar Tage in Wien weilte, wies mich zurecht darauf hin, daß dieses Bild namens „Selbstbildnis in Gestalt einer Pfeife“ aus dem Jahr 1858 aus heutiger Sicht, also post Magritte, eigentlich

„Ceci n´est pas un portrait“

heißen müsste.

Courbet konnte natürlich aber auch richtige Porträts. Und was für welche! Zum Beispiel dieses hier, das seinem Freund Paul Ansout zeigt:

Ich habe früher mal geschrieben:

Wenn ich mir was wünschen dürfte: Meine Kindheit, von Nabokov beschrieben.

Genauso wünschenswert und genauso unrealistisch:

von Courbet gemalt zu werden.

Auch Courbets bekanntestes Werk, „Der Ursprung der Welt“, wurde in Wien ausgestellt. Eine Wärterin saß immer ganz in seiner Nähe, vermutlich, um es vor fehlgeleiteten Menschen zu schützen, die Sinnlichkeit mit Pornographie verwechseln.  Das Gemälde wirkt in seiner göttlichen Detailfreude auch heute noch so unerhört, daß sich die meisten Museumsbesucher kaum trauten, für mehr als ein paar Sekunden in seiner Nähe zu verweilen – und wenn doch, dann eher Frauen als Männer.

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Was wirklich schön war: Wien mal im Frühling zu erleben.

Ich war  da.

Genoss das Sackerl, in das die Buchhändlerin Anna Jeller mein Friederike Mayröcker-Buch steckte, das Pickerl, das mir Einlass ins Freud-Haus gewährte, die vielen Krügerl, die ich am Tresen des Café Anzengruber trank – und natürlich Kaffee aller Art.

Jetzt bin ich wieder hier.

Wieder in Wien (9)

Wer immer in Wien ist, sollte nicht versäumen, sich liebgewonnene Gegenstände hier versilbern oder aber schon versilberte Gegenstände instandsetzen zu lassen.

Was in Wien auch geht: sich Eßbestecke und Tafelgeräte erzeugen lassen:

Wer gar in Wien wohnt, kann sich glücklich schätzen. Denn auch die Wiener Schornsteinfeger, die hier Rauchfangkehrer heißen, sind ausgesucht höflich und um deine Sicherheit besorgt:

Und wenn mal etwas verboten ist, zum Beispiel das Plakatieren, gibt es dafür immer einen guten Grund, zum Beispiel die Wiener Plakatierverordnung:

Das Handwerk des Backens und das Handwerk des Reimens reichen sich in Wien geschwisterlich die Hand:

Und die Frisörinnen und Frisöre sind hier ähnlich wie in Berlin bereit,  für dich durch die Wortspielhölle zu gehen:

Wenn Bücher nach Hause kommen (4)

Den Roman „Die Strudlhofstiege“ von Heimito von Doderer besitze ich schon seit vielen Jahren. Lange blieb er ungelesen, obwohl ihn mir mehrere zurechnungsfähige Menschen ans Herz gelegt haben.  Diesmal nahm ich ihn dorthin mit, wo er hingehört. Nicht weit vom Freud-Haus ist die Strudlhofstiege.Für mein Buch fand ich ein pittoreskes Plätzchen am Fuße der Stiege:

Und  noch in Wien habe ich begonnen, den Roman auch endlich zu lesen.

Wieder in Wien (8)

Dieser Klappsitz der Österreichischen Bahn samt Haltestangen und Aschenbecher ist möglicherweise, vielleicht sogar wahrscheinlich der schönste Platz Wiens. Er befindet sich neben dem Eingang zu meiner Lieblingsbuchhandlung „phil“, die zugleich Café ist.Auf dem Klappsitz läßt es sich bei gutem Wetter wunderbar leben für ein Viertelstündchen – mit bester Aussicht auf die Gumpendorfer Straße samt Café Sperl an der Ecke genau gegenüber:

Am Freud-Haus in der Berggasse verwirklichte ich einen seit Wochen gehegten Plan: Den Cartoon, den Hauck & Bauer zum 103. Jahrestag des Erscheinens von „Das Ich und das Es“ für die ´Süddeutsche´ gezeichnet haben, klebte ich vorübergehend an den Hauseingang:

Dieser practical joke fiel mir nicht leicht, weil es  Augenzeugen gab. Aber ich überwand meine Scham – denn für einen guten Witz sollte uns kein Aufwand zu groß sein.

In Freuds Arbeitszimmer war ich mir auch nicht zu schade, mich  extra für Euch in dem Spiegel zu fotografieren, in dem entweder Sigmund sich selbst am Schreibtisch sitzend sehen konnte, „fallweise auch der vor einem kleineren Tisch seitlich von ihm sitzende Gast“.

Wieder in Wien (7)

Nach zweieinhalb Jahren endlich mal wieder.

Meine erste Anlaufstation ist naturgemäß das Café Sperl, vor dem es sich frühlingshaft  licht und lau schon draußen sitzen läßt.Sowohl der Kaffee als auch die Sperl-Schnitte schmecken in der „Bar Italia“ in Berlin deutlich besser. Was aber gerade nicht weiter stört, denn kurz nach der Ankunft ist alles aufgeladen und erleuchtet von Vorfreude. Und mein Blick fällt auch gleich auf ein sehr liebenswertes Wien-Detail:

Schon seit vielen Jahrzehnten heißt die Léhargasse Léhargasse. Und vermutlich seit genauso langer Zeit weist ein eigens zu diesem Zweck angefertigtes Schild daraufhin, daß die Léhargasse aber

„vormals“

Dreihufeisengasse geheißen habe. Ich finde das eine niedliche Form von Geschichtsbewußtsein, zumal „Dreihufeisenengasse“ auch ein wahrhaft  malerischer Straßenname gewesen ist: vormals.

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In der ´Süddeutschen´ las ich vor einer Woche einen Artikel über das Älterwerden und die Befassung mit der eigenen Sterblichkeit. Darin wird der Wiener Psychotherapeut Alfried Längle zitiert, der vom Älterwerden betroffenen  Menschen folgenden Rat gibt:

„Sie sollten erkennen, dass das Leben endlich ist, und es immer für etwas die höchste Zeit ist, weil die Möglichkeiten ständig vergehen.“

Das ist ja schon fast ein Gedicht, dachte ich. Und fügte das noch Fehlende hinzu:

 

Rat an älter Werdende wie mich

 

Erkenne allmählich die Endlichkeit.

Wohl dem, der beizeiten versteht,

daß das, was geht, ständig vergeht.

Für etwas ist immer die höchste Zeit.

Und wieder Flieder

Gottvoll blüht der Flieder wieder in Bad Belzig und der restlichen fliederaffinen Welt. Unverblühbar soll er hier festgehalten werden in Bildern zweier unverblühbarer Künstler.

Den weißen Flieder von Edouard Manet, gemalt am Ende des 19. Jahrhunderts,  darf, wer will, zur Zeit in der Alten Nationalgalerie in Berlin bewundern:

Etwa hundert Jahre später entstand der violette Flieder von Kurt Mühlenhaupt, der seit einiger Zeit in unserem Wohnzimmer hängt, wie die Spiegelungen frühlingshaften Lichts zeigen:

Welcher von beiden ist schöner? Diese Frage möchte ich nicht stellen, denn Kunst ist keine Castingshow.

P.S. Eckhard Henscheid plante mal und schrieb in Teilen schon einen Roman namens „Die Unverblühten“, der aber – zumindest bis heute – nicht das Licht der Welt erblickte. Ich fand das aber immer einen grandiosen Buchtitel.

Der heilige Ringo

Der heitere Heilige Ringo Starr gehört zu jenen Wesen, die eine Werbung für die Menschheit sind. Klingt vielleicht etwas übertrieben, aber ich schreibe es trotzdem: ein wahrhaft Erleuchteter.

Einen weiteren Nachweis für seine Heiligkeit lieferte Ringos Besuch kürzlich bei Jimmy Kimmel. Schon wenn er das Studio betritt und auf die Kamera zuläuft, ewiger Schelm der er ist, geht mir das Herz auf. Abgesehen davon erzählt er, wie er jüngst ein Konzert von Paul McCartney besucht hat: Ein 85jähriger feiert den Auftritt eines 83jährigen, mit dem er ein Leben lang innig verbunden ist. Sehr viel bewegender und erhebender geht es nicht.

Aufschlußreich auch die Episode, die Ringo über die Entstehung des heute ikonischen „Abbey Road“-Covers erzählt. Alle möglichen hochtrabenden Ideen kursierten: Fotosession in Rom oder vor den Pyramiden. Die Beatles aber entschieden sich für das naheliegend Gute: Kommt, laßt uns doch einfach hier vorm Studio über die Straße gehen.

Daß Ringo und Paul jetzt nach all den Jahren noch einmal gemeinsam einen Song aufgenommen haben, das rührt nicht nur mich, sondern schönerweise auch den 21jährigen Sohnemann. So hebt die Musik in der besten aller Welten die Schwerkraft auf – und die Zeit:

Verliebt in die Beatles (2)

Vor gut vier Jahren habe ich hier anlässlich der Dokumentation „Get back“ von Peter Jackson meine Liebe zu den Beatles in Worte zu kleiden versucht.

Genährt wurde diese Liebe zwischenzeitlich durch den aus älterem Bild- und Tonmaterial kompilierten neuen Beatles-Song,

der mich bei jedem Anschauen aufs neue rührt: Wie hier die gealterten Beatles auf die mittelalten und ganz jungen treffen, die noch lebenden auf die schon verstorbenen, wie die Zeit hier aufgehoben ist zugunsten eines heiteren, albernen, melancholischen Miteinanders – so oder ähnlich stellt sich ein Kind wie ich den Himmel vor.

Die Anfälligkeit für Sentiment wird älter werdend nicht besser, und wer liebt,  ist,  auch das nichts Neues, verletzbar.

Was weht tut, ist die Erkenntnis, daß auch die Beatles sterblich sind. Bei John und George mußten wir es schon erleben, beim für immer jungen Paul höre ich die Sterblichkeit schmerzlich im neuen Lied. Ein wirklich schöner, schlichter und sentimentaler Song, gesungen von einer deutlich gealterten und erfreulicherweise nicht KI-verjüngten Stimme:

„No one needs to cry“

– leichter gesungen als getan, lieber Paul.

Soweit meine unbeholfenen Worte zum heutigen Himmelfahrtstag.

Mein All