Alle Beiträge von Sankt Neff

Lektionen (13)

„Plötzlich sind alle weg.“

(Martina Gedeck, Was ich gern früher gewusst hätte)

*

Bitte

 

Hiermit möchte ich alle,

die ich mag, die ich liebe

und die mit dem Gedanken spielen,

aufzubrechen,

wegzuziehen

oder zu sterben,

inständig bitten:

Denn:

Ich kann euch unmöglich gehen lassen.

Ende und Anfang

Man soll keine Witze über Namen machen – schon klar. Trotzdem muß ich am Ende der Woche gestehen, daß es mich am Anfang der Woche durchaus erheiterte zu erfahren: Der Fußballverein Fortuna Düsseldorf hat seinen Trainer

Markus Anfang

entlassen und sich als Nachfolger für

Alexander Ende

entschieden.

Möglicherweise sind die beiden auch noch miteinander verwandt oder verschwägert. Denn von der Kölner Band „Erdmöbel“ wissen wir ja:

„Anfangs Schwester heißt Ende“.

Immerhin aber stimmt in Düsseldorf die Reihenfolge: Ende folgt auf Anfang.

Beim Berliner Schriftsteller Thomas Kapielski liest sich das deutlich vertrackter:

1998 veröffentlichte er das Buch

„Davor kommt noch“ mit den „Gottesbeweisen IX-XIII“.

Im Jahr drauf erschien dann

„Danach war schon“ mit den „Gottesbeweisen I-VIII“.

Je länger ich über diese beiden Buchtitel nachdenke, desto bewußter werden mir die Grenzen meiner Intelligenz.

Was weiß denn ich?

Außer daß ich nichts weiß außer:

Erstens: Im Anfang, das lehrt uns die Bibel, war das Wort.

Letztens: Die Liebe, das lehrt uns die Bibel, höret nimmer auf, anders als Sprache und Erkenntnis ist sie im besten Falle und in der besten aller Welten „senza fine“, wie Gino Paoli gesungen hat, ohne Ende.

Enden aber tun hier meine unbeholfenen Worte zum Sonntag, gegeben am 19. April des Jahres 2026.

Die Kugel in seinem Herzen

Für Gino Paoli

 

Es war,

sagte er später,

ein Gefühl von unendlicher Langeweile in mir,

jeden Tag die gleichen Dinge,

sagte er später,

man steht auf, geht ins Bad,

immer die gleichen, banalen Dinge,

und ich beschloss zu gehen.

 

Und so schoss er sich

mit gerade mal Dreißig,

schon berühmt, aber nicht glücklich,

eine Kugel in die Brust.

Sie blieb in der Herzwand stecken,

inoperabel, weil zu gefährlich,

sagten die Ärzte.

Also lebte er weiter,

mit der Kugel im Herzen,

sang wieder und weiter,

spielte Gitarre,

bis die Katze schnurrte.

 

Die Kugel in meinem Herzen,

sagte er später,

hat mich das Leben intensiver leben lassen

und immer daran erinnert,

sagte er später,

daß es irgendwann zu Ende ist.

In seinem Fall meinte irgendwann

sehr viel später.

Mehr als sechzig Jahre

lebte er mit der Kugel in seinem Herzen.

 

Was wird aus ihr,

jetzt, wo er gestorben ist,

mit 91 Jahren?

Nimmt er sie mit ins Grab?

Klaubt sie jemand aus der Asche?

Das darf man sich fragen,

man muß es nicht wissen.

 

Was wir aber wissen müssen:

Wenn er Gitarre spielte,

schnurrte die Katze,

lächelte ihn an

und ging wieder hoch auf den Dachboden.

Katzenmusik (3)

„Da bist du ja“

Das ist erstens ein sehr guter Songtitel: vier einsilbige Wörter inklusive Binnenreim, die die Freude und Erleichterung angesichts der nach längerer Abwesenheit wieder auftauchenden Katze auf engstem Raum präzise auf den Punkt bringen.

Und zweitens ein sehr guter Song: Ich mag kurze Lieder und ich höre Manfred Krug einfach gerne singen, zumal wenn die zu singenden Töne für seine Stimmlage fast ein bißchen zu hoch sind. Und mir gefällt der zarte Humor seiner Texte: Daß er vor lauter Wiedersehensfreude dem Katzenschatz nicht nur „Frikassee“ und „Filet“, sondern sogar ein „falsches Collier“ zu kaufen sich anheischig macht, ist augenzwinkernd charmant und nimmt mich sehr für ihn ein, den Manfred Krug.

P.S. am 22. April: Weil, wie Ihr seht, das Video inzwischen nicht mehr verfügbar ist, müsst Ihr das Lied bitte unbedingt anderswo hören. Hier dafür jetzt die auch sehr charmante und sogar tanzbare Elektro-Jazz-Variante der Band „Nylon“ mitsamt der tollen Sängerin Lisa Bassenge:

Fröhliche Ostern

Nicht nur froh, sondern fröhlich werden die Ostertage, wenn sie, wie heute, mit von Frau A. lustig verzierten Frühstückseiern beginnen.

P.S. Prompt wie immer schreibt Peter Claus aus Düsseldorf:

„Da kriegt der Begriff Eierkopp doch glatt eine Bedeutung, die einem ein Lächeln schenkt.“

Katzenmusik (2)

Katzenmusik meint ja eigentlich unschöne, disharmonische Musik und leitet sich wohl ab von den Lauten, die rollige Katzen von sich geben.

Hier möchte ich sie aber lieber verstanden wissen als Musik, die von Katzen handelt, Lieder, die Katzen besingen, wie eben Gino Paolis „La Gatta“.

Oder aber Musik, die von Katzen goutiert wird, die Kater zum Schnurren bringt, wie die Gitarre in Gino Paolis „La Gatta“.

Freund Andreas, der selbst schon eine jahrzehntelange Liebesbeziehung zur Gitarre unterhält, schickte mir neulich ein Zitat. Es stammt von einem Mann aus Bukarest, der online eine Gitarre bewertete und dabei diesen lieben Satz hier schrieb:

„Ich bin ein Autodidakt, die Matteo Carcassi Gitarrenschule war meine einzige Hilfe, also kein Profi, ich spiele für mich, meine Frau und meine Katze.“

Hier spricht, scheint mir, ein guter Mensch. Denn wer Gitarre spielt, nur für sich, seine Frau und seine Katze, kann ganz schlecht nicht sein.

Katzenmusik

Ich hatte eh vor, hier eine kleine Reihe mit Liedern über Katzen zu veröffentlichen.

Dann nehme ich halt jetzt den leise traurigen Tod Gino Paolis zum Anlaß, damit zu beginnen.  Denn „La Gatta“ ist Katzenmusik in doppeltem Sinne. Das Lied besingt einerseits eine Katze, die ihrerseits zu schnurren begann, wenn die Gitarre erklang. Doch hört sie selbst, diese wunderschöne Weise:

Und hier kommt die recht wortgetreue, aber natürlich nicht ganz so klangschöne Übersetzung, die Sabina und Stefano Ponte 2023 auf der Terrasse von Zio Nando erstellt haben:

 

Die Katze

Es war einmal eine Katze

Die hatte einen schwarzen Fleck auf dem Näschen

Auf einem alten Dachboden nah am Meer

Mit einem Fenster, nur einen Sprung vom blauen Himmel entfernt

 

Wenn ich Gitarre spielte

Schnurrte die Katze

Und ein kleiner Stern fiel herab, ganz nah, ganz nah

Dann lächelte sie mich an und ging wieder hoch

 

Jetzt wohne ich nicht mehr dort

Alles hat sich verändert

Ich wohne nicht mehr dort

Ich habe ein wunderschönes Haus

So schön wie du es dir wünschst

 

Aber ich denke zurück an die Katze

Die einen schwarzen Fleck auf dem Näschen hatte

Auf einem alten Dachboden nah am Meer

Mit einem kleinen Stern, den ich jetzt nicht mehr sehe

Gino Paoli

Jetzt ist schon wieder was passiert.

Nämlich Gino Paoli gestorben, einer meiner italienischen Lieblings-Sänger, den ich für seine zarte Stimme, die Melodien und Texte seiner Canzoni verehre.

91 Jahre alt ist er geworden. Einen Großteil seines langen Lebens hat er unglaublicherweise mit einer Kugel im Herzen verbracht, Folge eines Suizidversuchs in den 60er Jahren. Die Kugel habe ihn das Leben intensiver leben lassen, sagte er, aber auch immer daran erinnert, daß es irgendwann zu Ende sei.

Gino Paoli wohnte in Campiglia Marittima, ganz in der Nähe meiner italienischen Schwester. Ich hatte immer die Hoffnung, ihm mal auf dem Marktplatz über den Weg zu laufen. Daraus wird jetzt nichts mehr.

Uns bleibt aber die Schönheit, mit der er den Himmel in einem Zimmer postkoital poetisch besungen hat:

Kann ja wohl nicht wahr sein,

daß Chuck Norris jetzt wirklich gestorben sein soll.

Vorgestern erreichte uns die Meldung und sofort kursierten sie wieder, die einschlägigen Witze. Das muß ihm erstmal einer nachmachen: mit dem eigenen Tod eine globale  komische Ketttenreaktion in Gang zu setzen.

Behauptet wurde zu meiner Freude auch, Chuck Norris sei eigentlich schon vor zehn Jahren gestorben, der Tod habe aber bis dato nicht den Mut gehabt, es dem Betroffenen zu sagen.

Das glaube ich gerne – und copypaste nochmal, was ich vor ziemlich genau einem Jahr hier zu seinem 85. Geburtstag geschrieben habe:

Der Kampfkünstler und Action-Schauspieler Chuck Norris wird heute 85 Jahre alt.  Mit seinem filmischen Oeuvre bin ich nicht allzu vertraut und auch in seine dem Hörensagen nach fragwürdige Weltanschauung habe ich mich nicht vertieft.

Was ich aber mag, sind Chuck Norris-Witze, die zumeist auf seine übermenschlichen physischen und mentalen Fähigkeiten abheben bzw. auf die der Figuren, die er spielte, und die fast immer nur aus einer Zeile bestehen.

Neffe Jakob war eine Weile ein lebendiges Lexikon dieser One- oder Twoliner, von denen es im Netz unzählige gibt. Besonders gefallen mir diese drei:

Chuck Norris kann Drehtüren zuschlagen.
Chuck Norris kennt die letzte Ziffer von Pi.

Das Auto von Chuck Norris braucht kein Benzin. Es fährt aus Respekt.

Solcherart Witze flogen zwischen Jakob, mir und meinen Kindern hin und her.  Das Söhnchen erfand dann selbst einen:

Nicht die Hoffnung stirbt zuletzt, sondern Chuck Norris.

Nicht schlecht, oder? Zudem am 17. Juli 2017 von der Wirklichkeit verifiziert. Denn an diesem Tag überlebte Chuck Norris zwei Herzinfarkte.

P.S. im März 2026: Wenn aber nicht die Hoffnung, sondern Chuck Norris zuletzt stirbt, heißt das nicht im Umkehrschluß,  daß auch die Hoffnung schon gestorben sein muß?

 

Wollen wir nicht hoffen.

Zur Sonne

Auf der Rolltreppe raus in die Sonne zu fahren,

ist ein großes Vergnügen. Ich hab es seit Jahren

 

immer dann, wenn ich morgens die U-Bahn verlasse,

hoch zum Kaiserdamm, Laufrichtung Bredtschneiderstraße.

 

Und ich träume an strahlenden Tagen seit Jahren:

auf der Rolltreppe rauf bis zur Sonne zu fahren.