Mann: Morgen, Süße. Gut geschlafen?
Frau (tut beleidigt): Ich bin immer noch sauer auf dich, weil du mich heute Nacht im Traum schlecht behandelt hast.
Mann: Morgen, Süße. Gut geschlafen?
Frau (tut beleidigt): Ich bin immer noch sauer auf dich, weil du mich heute Nacht im Traum schlecht behandelt hast.
Daß einem der Appetit vergehen kann angesichts von Unbill, ist klar. Der Humor auch? Offenbar schon. Die ´Süddeutsche Zeitung´ hat den für seinen Witz bekannten Schriftsteller Andrej Kurkow zum Krieg in der Ukraine befragt. Kurkow wurde in Sankt Petersburg geboren, wuchs in Kiew auf und lebt zur Zeit in der Westukraine. Das Interview endet so:
SZ: Was ist vom Humoristen Andrej Kurkow geblieben?
AK: Ich habe keinen Humor mehr.
SZ: Hat der Humor eine Chance, wiederzukehren?
AK: Ich hoffe es, aber ich weiß es nicht.
Bei meinem letzten Wien-Besuch traf ich den Fotografen Sepp Dreissinger, um ihm einen Original-Abzug seines berühmten Porträts von Thomas Bernhard im Bräunerhof abzukaufen. Der ist jetzt geschmackvollst gerahmt in der Kreuzberger „Bar Italia“ zu bestaunen.
Dreissinger fragte mich, ob ich Lust hätte, für ein gerade entstehendes Buch einen Text zu einem seiner Fotos beizusteuern. Hatte ich. Noch in Wien schrieb ich ihn. Dem Auftraggeber aber paßte der Text nicht so recht und er bat mich um einen neuen zu einem anderen Foto. Und so schrieb ich einen neuen Text zu einem Porträt von Harry Rowohlt. Der ward dann auch akzeptiert.
Die erste Bildbeschreibung aber war, wie ich finde, auch nicht so schlecht, zumindest zu schad für die Mülltonne. Oder?
Schaut doch bitte mal auf den Text über den Hader, der wegschaut. Beide Fotos verwende ich mit besonders freundlicher Genehmigung von Sepp Dreissinger.
Hader schaut weg
Schaut, der Hader schaut nach unten. Tut man nicht als Porträtierter. Sowas tut man an sich nicht.
Was hat sein Blick zu suchen dort unten? Was hat sein Blick dort unten gefunden? Ich weiß es, aber sags noch nicht.
Erstmal schauen wir den Hader. Sieht ganz anders aus als früher. Früher war der Hader runder. Brille rund und Züge weicher. Heute härter. Oder nicht mehr ganz so weich. Oder vielmehr eckiger, das Gesicht und auch die Brille und der ganz Haderkopf, wenn nicht gar das Haderhaupt. Haderhaupt hier Hilfsausdruck.
Wenn der Hader Brenner spielt, denke ich an den Ventura. Sein Kopf hat was von dem Ventura. Aber warum senkt er ihn? Warum schaut der Hader weg? Warum muß der Hader wegschaun?
Schaut, denn jetzt sag ich es euch. Erst schaut Hader seine Schuhe und dann denkt der Hader sich:
Nicht so gut die Haderschuhe wie die Thomas-Bernhard-Schuhe auf dem Bild vom Dreissinger, wo der Bernhard sitzt am Graben und die Kinder hinter ihm, die bemerkt der Bernhard nicht.
Schaut euch diese Schuhe an, die glänzen uns richtig entgegen, schon fast obszön glänzen die, sowas von poliert sind die. Schuhe warn dem Bernhard wichtig. Denkt der Josef Hader sich. Schlechte Schuhe tat er hassen, hat darüber auch geschrieben. Welches Buch war das nochmal? Doch das weiß der Hader nicht.
Deshalb schaut der Hader nach, auf dem Haderhandy nach. Hält das Haderhandy zwischen Haderhaupt (Hilfausdruck) und die vorhin schon erwähnten nicht so guten Haderschuhe und gibt dann bei Google ein:
„Thomas Bernhard schlechte Schuhe“.
Doch der Google tuts nicht wissen. Das ist ganz beruhigend, daß der Google auch nicht weiß, was der Hader auch nicht weiß.
Muß also einer mal so richtig zum Regal gehn, Bücher greifen in echt, blättern und die Stelle suchen. Und die Stelle endlich finden, wo der Thomas Bernhard schreibt über Seiten die Tirade von den schlechten Schuhen, die, so in etwa schreibt er nämlich, nur viel länger schreibt er nämlich, eine Weltgemeinheit sind.
Und danach dann kann es einer auch dem Josef Hader sagen, wo nochmal die Stelle ist. Und dann kann der Haderjosef schließlich seinen Blick aufheben. Und dann kann der Hader wieder schauen wie der Hader schaut.
Schauen kann er gut, der Hader. Wenn er schaut, dann kwasi Schauspiel. Wenn der Hader lächelt, auch. Dieses Haderlächeln lächelt, das schwer zu beschreiben ist. Doch ich muß es nicht beschreiben, weil es nicht zu sehen ist. Denn hier schaut der Hader weg.
Die Welt ist ziemlich überspannt.
Da kannstenich groß was dran machen.
Was tröstet dich? Schlag nach bei Kant:
die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen.
Während weiter östlich der Krieg wütet, dauerläufst du durch den Fläming, um der Lähmung zu entkommen, die Normalität zu beschützen, neben dir dein Sohn, der seine Turnschuhe vergessen hat, begleitet dich auf dem Rad, fährt freihändig und beginnt auf freiem Feld inbrünstig John Lennons „Imagine“ zu singen, above us only sky.
Komm, lieber Gott, und mache
die Erde wieder schön,
denn Haß, Neid, Gier und Rache
sind nicht mitanzusehn.
Komm, lieber Gott, und schalte
dich mal hier unten ein.
Sei tatkräftig und walte
– wir schaffens nicht allein.
Komm, lieber Gott, und heile
die Kranken auf der Welt
und anschließend verteile
gerecht Brot, Wasser, Geld.
Komm, lieber Gott, und schütze
die zart sind, schwach und klein.
Gib denen auf die Mütze,
die roh sind und gemein.
Komm, lieber Gott, und mache,
daß alle Welt sich liebt.
Und dann noch eine Sache:
Mach auch, daß es dich gibt.
Der Kater leckt die Teller blitzeblank.
Ich stelle sie dann nur noch in den Schrank.
Wann werd ich meinen Frieden machen
endlich mit der Endlichkeit?
Der Hof, in dem wir wohnen, hat harte Jahre hinter sich. Harte Jahre, in denen er von gierigen Investoren durch sinnloseste Umbauten aller Art vergewaltigt wurde. Trotzdem hält er sich tapfer, der Hof, läßt sich das erlittene Leid kaum anmerken. Inwischen gibt es hier nur noch wenige Mieter. Viele wurden in die Flucht geschlagen. Die leerstehenden Wohnungen sollen jetzt zu lustigen Preisen an zu reiche Menschen verkauft werden.
Als ich neulich das Haus verließ, kamen mir drei Männer entgegen. Der mit den nicht ganz so teuren Schuhen war offenbar dabei, denen mit den teuren Schuhen eine der leerstehenden Wohnungen zu zeigen. Ich schnappte im Vorbeigehen genau einen halben Satz auf, den der Mann mit den nicht ganz so teuren Schuhen sagte:
„…when they eventually will move out or die or whatever.“
Die Rede war offenbar von uns, den wenigen verbliebenen Mietern, die als low performer den potenten Käufern natürlich ein Dorn im Auge sind.
Wäre ich ein kleines bißchen schlagfertiger gewesen, hätte ich ihnen mit der ganzen Wut der geknechteten Mieter-Klasse hinterhergerufen:
„We will NEVER move out or die or whatever!“
Ein in Brandenburg sehr häufig verkehrendes Fahrzeug ist der Dacia Duster, ein eher klobiger Pkw, der ein bißchen auf Jeep macht: Ich kann auch unwegsames Gelände. So kommt der Staub in den Namen „Duster“, der deshalb auch englisch ausgesprochen werden will. Und diese englische Aussprache denke ich wie selbstverständlich mit, wenn ich so einen Duster auf der Straße vor mir habe.
Bis neulich.
Da nämlich folgte ich einem Duster, dessen Eigner über die Typbezeichnung das Wort „Zappen“ geschrieben hatte. Hinten auf dem Auto stand also jetzt
Zappen
Duster
Durch diese schlaue und kreative Kontextualisierung wurde aus „Daster“ „Duster“: Zappenduster eben.
Der Duster erscheint mir seither in einem ganz neuen Licht. Dem Licht der Erkenntnis, daß man „Duster“ so oder so lesen kann und daß – anders als vom großstädtischen Arroganzler vermutet – nicht alle Duster-Fahrer Dumpfbacken sind.