Alle Beiträge von Sankt Neff

Familie von aussen

Junger Vater sitzt mit seiner Mutter und seinem kleinem Sohn im Café. Drei Generationen essen Eis. Der Höhepunkt des überbemühten, durchaus gutgemeinten, für Außenstehende aber qualvollen Familien-Getues ist erreicht, als der  junge Vater sein Söhnchen fragt:

„Soll die Oma jetzt auch mal beim Papa probieren?“

Und soll die Oma dem Papa dann gleich auf der Toilette auch den Popo abwischen? Nein, der Papa soll jetzt bitte mal still sein, bitte, einfach nur sein Eis löffeln und das arme Kind mit solchen Scheiß-Fragen verschonen.

Mitte Mai

Die Hälfte des Lebens in drei Variationen

 

Bedenke aber, daß das Leben in dieser Welt

nichts ist als ein Spiel und ein Zeitvertreib…“

(Koran, LVII 19)

 

I.

Mein Leben rauscht an mir vorbei,

ich schau ihm hinterher.

Seit Jahren denk ich Mitte Mai:

die Hälfte ungefähr.

 

II.

Mein Leben rauscht an mir vorbei.

Was bleibt, ist nicht sehr viel.

Als Trost vielleicht der Satz, es sei

nur Zeitvertreib und Spiel.

 

III.

Mein Leben rauscht an mir vorbei,

ich schau ihm hinterher.

Dann brat ich mir ein Spiegelei

– mehr geht heute nicht mehr.

Neue Zeit

Freund Andreas machte mich auf ein Phänomen aufmerksam: In Bäckereien sei bei unübersichtlichem Andrang zu beobachten, daß die Fachverkäuferinnen ein kreatives neues  Tempus verwenden:

„Wer war jetzt?“

Ich freute mich über den passenden Fach-Terminus „Präsens Praeteritum“ und stellte dann fest, daß ich genau diese Zeit-Form auch schon einmal eingebaut habe: in ein Gedicht, das mittlerweile vierzehnzweidrittel Jahre alt ist:

 

Dreiunddreißigeindrittel

 

Mein erster Schrei – schnell vorbei.

Kindheit – ruck, Jugend – zuck.

Und plötzlich war jetzt.

Bald bin ich alt.

Dann bin ich dran.

(Spätestens dann.)

Es treiben wie die Triathleten

Eine Bekannte  lebte einst gemeinsam mit einer Triathletin in einer Wohngemeinschaft. Der Freund der Triathletin war ebenfalls Triathlet. In der sehr hellhörigen Wohnung konnte  meine Gewährsfrau praktisch Nacht für Nacht als Ohrenzeugin mitverfolgen, wie sportiv, leistungsorientiert, ausdauernd, lautstark und lauthals derartig durchtrainierte Menschen zu vögeln imstande sind.

Ich mache das hier öffentlich, weil ich finde, daß die Redewendung

„vögeln wie die Triathleten“

(eventuell auch in der alliterativen Variante „es treiben wie die Triathleten“) das Zeug hat zum geflügelten Wort.  Hiermit ist sie in der Welt. Ob sie Flügel bekommt, das hängt allein von Dir ab, liebe Leserin, lieber Leser.

Das nächste grosse Ding

Auf einem Sylter Holzsteg kam mir ein pfeiferauchender älterer Herr entgegen. Wie schon in meiner Kindheit empfand ich den Geruch als wohltuend. Diesen unzeitgemäßen Duft in der Nase erinnerte ich mich nicht ohne leise Scham, allerdings auch mit Heiterkeit daran, wie mein Freund Alexander und ich als vollnerdige Teenager selbst Pfeife geraucht   und einen großen, fetischartigen Zinnober drumherum veranstaltet haben – allerdings immer unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Die Peinlichkeit vons Ganze war uns dann doch wohl allzu bewußt.

Anders aber als in meiner Kindheit und Jugend ist das Pfeiferauchen  heute komplett aus der Mode – so wie vor vielleicht noch 15 Jahren Vollbärte völlig aus der Zeit gefallen schienen und ich mir ihre Wiederkehr ums Verrecken nicht vorstellen konnte. Dann aber kamen sie mit Macht – und ich war und bin – zumindest zeitweise – mittenmang dabei bei dieser Mode. Et ego in illis.

Klüger geworden prophezeie ich also jetzt und hiermit feierlich:

Das nächste große Ding:

Hipster mit Pfeife.

Maria Schnee und Gotteslob

Für all jene, die immer schon wissen wollten, was das eigentlich für ein anmutiges Kirchlein ist, das sich auf der Startseite von Sankt Neff an den Waldrand schmiegt: Es handelt sich um die Dorfkirche Maria Schnee bei Amberg. Eckhard Henscheid hat ihr in seiner gleichnamigen Novelle ein literarisches Denkmal gesetzt.

MariaSchnee

Am Gründonnerstag habe ich das Kirchlein zum inzwischen dritten Male mit dem Dichter und seiner Frau besuchen dürfen. Erstmals aber erklommen wir über eine enge Stiege die Empore. Dort setzte sich Eckhard Henscheid ans Harmonium, bedeutete mir, ich solle das Pedal für die Luftzufuhr treten und intonierte dann feierlich „Großer Gott, wir loben dich“.

So war es und so soll es sein zum frohen Osterfest.

Damit der Tag aber nicht zu heiligmäßig gerate, fuhren wir nach dem Kirchbesuch zu einem nahegelegenen Einkaufszentrum, um die oberpfälzischen Menschen beim vorösterlichen Konsum-Treiben zu observieren.  Im Kassenbereich rumstehen, nur schauen, nichts kaufen – das war dann aber auch ein fast schon wieder spirituelles Erlebnis.

Heinz Strunk weiss es

In Heinz Strunks trostlosem, höllischem, punktuell erstaunlicherweise sehr komischem, jedenfalls lesenswertem neuen Roman „Der goldene Handschuh“  geht ein gar nicht mal so sehr alter Mann in eine Disco – und verliert letzte Illusionen:

„Die Mädchen bewegen sich aufreizend, doch er ist nicht gemeint. Er versucht Blickkontakt mit einer aufzunehmen, sie mustert ihn, als wäre er ein welker  Salatkopf. Die Jungen wissen, dass die Alten alt sind.“ (S. 228)

Der letzte Satz – so einen muß man erst mal schreiben können.