Defekt (3)

U 7

 

»Zurückbleiben bitte!«

drängt der U-Bahn-Lautsprecher

für gewöhnlich.

Heute jedoch

ist er defekt

mit dem Effekt,

daß ein kleines Knacken

die Botschaft völlig verändert

und an mich höchstpersönlich richtet.

Und so höre ich auf meinem Weg durch die Stadt

ein Dutzend Mal die dringende Mahnung:

»Brück bleiben bitte!«

Defekt (2)

Manche Dinge gehen offenbar so gerne kaputt,  daß die Anzeige des Defekts schon vorbereitet ist und nur noch eingeschaltet werden muß – so sie denn funktioniert.  Bei der Deutschen Bahn tut sie es:

Defekt 2

Ein leuchtend rotes „WC kaputt“ hätte mir natürlich noch besser gefallen.

Defekt

Manchmal ist ein Ding kaputt. Dann wird es mit einem Schild versehen, das anzeigt: Dieses Ding ist kaputt. Merkwürdigerweise aber steht auf dem Schild nienienie „kaputt“, sondern immerimmerimmer „defekt“.  

Defekt 1

Warum nur? Klingt „kaputt“ zu plump, zu tatsächlich und endgültig kaputt? Und „defekt“ irgendwie nobler, nach einem nur vorübergehenden, leicht behebbaren Zustand?

Wie würde ich mich freuen, ein kaputtes Ding zu entdecken, das dann auch schlicht und ergreifend als „kaputt“ bezeichnet wird.

Ein Tag in Berlin

An einem August-Tag des Jahres 2008 wurde ich Zeuge von vier kleinen Szenen, die in ihrer Gesamtheit den Reichtum des Lebens dokumentieren. Deshalb seien sie hier auch notiert:

Am Stehtisch vor einem Kreuzberger Kiosk spricht eine ältere Frau mit einem älteren Mann.

Frau: „Da sacht der doch zu mir: ´Friß nich so viel, du alte Sau!´ Ich dachte, ich hör nich richtig. Der alte Dreckstürke!“

Mann: „Deswegen habe ich ja auch immer meinen Stock dabei, da kann ich gleich zuschlagen. Der ist aus Hartholz, der geht nich so schnell kaputt.“

*

Ein Aushang in einem Friedenauer Café. Darauf das Foto einer Katze und ihres Besitzers sowie folgender Text:

  „Unsere Katze heißt ISA. Sie hat sich in der Hackerstraße erschrocken und ist weggelaufen. Sie ist sehr verschmust und hat auffälligen Mundgeruch.“

*

Im Volkspark Hasenheide eine Gruppe von Schwarzen, vermutlich Teil der dort ansässigen Dealer-Szene. Einer der Männer steht etwas entfernt und erhöht auf einem Stein. Er spricht zu den anderen mit mächtigem Organ und offensichtlich anspielend auf den kürzlichen Auftritt Obamas in Berlin – zugleich pathetisch und ironisch:

„It´s time for a change for the black people of Berlin!“

*

Wenig später, immer noch in der Hasenheide. Eine Radfahrerin verabschiedet sich von der anderen mit den Worten:

„Ich muß unbedingt daran denken, dir das ´Buddenbrocks´- Hörbuch mal mitzubringen.“

Abtauchen. Auftauchen.

Ein Mann in Berlin schreibt einem Freund in Köln eine Ansichtskarte. Postleitzahl und Stadt im Adreßfeld ergänzt er spaßeshalber um den Zusatz „Rheinland“. Erst ein halbes Jahr später erreicht die Karte ihr Ziel – nach Umwegen um die halbe Welt, wie ein Stempel verrät:

„Missent to Bangkok, Thailand

*

Ein Gymnasiast hat einen sehr sympathischen Sportlehrer. Der Sportlehrer wird Vater. Der Gymnasiast und seine Mitschüler beömmeln sich über den ziemlich ausgefallenen Vornamen, den der Lehrer und seine Frau für ihren Neugeborenen ausgesucht haben.  Mehr als 30 Jahre später wohnt der vormalige Gymnasiast 600 Kilometer weiter östlich.  Und in der Praxis seiner Frau taucht als Patient ein junger Mann mit einem ziemlich ausgefallenen Vornamen auf.

*

Eine Familie fliegt von Berlin über Mailand nach Perugia.  Beim Zwischenstopp kommt das Gepäck abhanden. Erst nach einer Woche trifft es am Urlaubsort ein. Wie sich herausstellt, war es irrtümlich von Mailand nach Peru verschickt worden.

*

Der Junge ist sieben Jahre alt, als sein Vater stirbt.  Dreizehn Jahre später macht er als junger Mann Urlaub in Südtirol. Zufällig lernt er die Tochter der Hotel-Besitzer kennen.  Sie ist dreizehn Jahre alt und wurde exakt an dem Tag geboren, an dem sein Vater gestorben ist.

Je suis Steffen.

Abendland

 

Appell zur Rettung des Abendlands

 

Kommt, retten wir mal das Abendland.

Wir sammeln ab jetzt unser Flaschenpfand.

Je mehr wir trinken, desto mehr Geld

kommt zusammen zur Rettung der westlichen Welt.

 

Zur Rettung von westlichen Werten wie

Diesseitsfreude und Blasphemie,

Herzensbildung und Faulenzerei,

der ewigen Wahrheit: Die Gedanken sind frei.

 

Wir gründen einen Förderverein,

der zahlt auf das Konto von Menschen ein,

die schwermütig sind und inkonsequent,

albern und höflich, verzagt und dezent,

 

übersensibel, hochkonzentriert,

ineffizient, gewinnminimiert,

liebenswürdig, schönheitsfixiert

leicht daneben, schwer kultiviert.

 

Kommt, bleibt noch ein bißchen, ich hol uns noch Bier,

dann trinken und singen und tanzen wir.

Alles andre ist völlig uninteressant,

denn wir retten mal eben das Abendland.

Last Minute-Vorsicht

Kurz vor Weihnachten schenke ich den Lesern, aber auch den Leserinnen dieses Blogs einen wohlmeinenden Rat, der sich aus leidvoll errungener Lebenserfahrung speist:

Vorsicht bei Geschenken auf den letzten Drücker!

Denn: Vor vielen Jahren, ich war noch ein sehr junger Mann, enthielt das Dezember-Heft der ´Titanic´ einen Last-Minute-Geschenk-Tipp zum Ausschneiden:

„Gutschein über einen Geschlechtsverkehr“.

Es handelte sich um ein Fomular, in das der Schenker nur noch den Namen der Beschenkten eintragen mußte. Ich schnitt den Gutschein also aus,  erstellte ein gutes Dutzend Kopien, die ich dann eines alkoholisierten Abends an alle erdenklichen mir bekannten Frauen verschickte. – Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen verzieh mir diesen pubertären Joke gnädig stillschweigend.

Einige Jahre später aber saß ich mit einer Freundin in einem thailändischen Restaurant in Berlin. Wir hatten uns länger nicht gesehen, es gab viel zu erzählen. Irgendwann im Laufe des Abends  hielt sie inne, schaute mir schnurstracks in die Augen  und sagte so freundlich wie bestimmt:

„Du bist mir noch ein Nümmerchen schuldig.“

Es mag Situationen geben, in denen einen eine solche Ansage erfreut. Mich traf sie auf dem völlig falschen, nämlich zunächst verdatterten, dann doch leicht beschämten Fuß. Ende der überstrapazierten Metapher.

Inzwischen denke ich wieder ganz gerne an diese peinvolle Begegnung  mit der eigenen Präpotenz zurück. Ich will auch niemand kategorisch von vergleichbar leichtsinnigen Unternehmungen abhalten. Man sollte nur wissen, was man tut. Bzw. eben nicht, denn Leichtsinn ist ein hohes Gut.

Kurzum: Ich wollte es nur mal erzählt haben. Frohe Weihnachten!

Augen auf und durch!

Für das Leben auf der Erdoberfläche empfiehlt sich als segensreicher Imperativ nicht nur „Dabeisein ist alles!“, sondern auch „Augen auf und durch!“

Wer nämlich immerzu mit verrammelten Sinnen durch den Alltag hektickt, dem entgehen möglicherweise Schönheiten wie diese hier, die  Frau Astrid auf einem Müllcontainer entdeckte:

Container-Löwe

Während es sich oben vielleicht um einen Löwen handelt, spielt das Container-Ornament unten eher ins floral Reliefhafte:

Container-Blume 1

„All this useless beauty!“, möchte man da mit  Elvis Costello ausrufen.

Mein All