Ein Tag in Berlin

An einem August-Tag des Jahres 2008 wurde ich Zeuge von vier kleinen Szenen, die in ihrer Gesamtheit den Reichtum des Lebens dokumentieren. Deshalb seien sie hier auch notiert:

Am Stehtisch vor einem Kreuzberger Kiosk spricht eine ältere Frau mit einem älteren Mann.

Frau: „Da sacht der doch zu mir: ´Friß nich so viel, du alte Sau!´ Ich dachte, ich hör nich richtig. Der alte Dreckstürke!“

Mann: „Deswegen habe ich ja auch immer meinen Stock dabei, da kann ich gleich zuschlagen. Der ist aus Hartholz, der geht nich so schnell kaputt.“

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Ein Aushang in einem Friedenauer Café. Darauf das Foto einer Katze und ihres Besitzers sowie folgender Text:

  „Unsere Katze heißt ISA. Sie hat sich in der Hackerstraße erschrocken und ist weggelaufen. Sie ist sehr verschmust und hat auffälligen Mundgeruch.“

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Im Volkspark Hasenheide eine Gruppe von Schwarzen, vermutlich Teil der dort ansässigen Dealer-Szene. Einer der Männer steht etwas entfernt und erhöht auf einem Stein. Er spricht zu den anderen mit mächtigem Organ und offensichtlich anspielend auf den kürzlichen Auftritt Obamas in Berlin – zugleich pathetisch und ironisch:

„It´s time for a change for the black people of Berlin!“

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Wenig später, immer noch in der Hasenheide. Eine Radfahrerin verabschiedet sich von der anderen mit den Worten:

„Ich muß unbedingt daran denken, dir das ´Buddenbrocks´- Hörbuch mal mitzubringen.“

Abtauchen. Auftauchen.

Ein Mann in Berlin schreibt einem Freund in Köln eine Ansichtskarte. Postleitzahl und Stadt im Adreßfeld ergänzt er spaßeshalber um den Zusatz „Rheinland“. Erst ein halbes Jahr später erreicht die Karte ihr Ziel – nach Umwegen um die halbe Welt, wie ein Stempel verrät:

„Missent to Bangkok, Thailand

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Ein Gymnasiast hat einen sehr sympathischen Sportlehrer. Der Sportlehrer wird Vater. Der Gymnasiast und seine Mitschüler beömmeln sich über den ziemlich ausgefallenen Vornamen, den der Lehrer und seine Frau für ihren Neugeborenen ausgesucht haben.  Mehr als 30 Jahre später wohnt der vormalige Gymnasiast 600 Kilometer weiter östlich.  Und in der Praxis seiner Frau taucht als Patient ein junger Mann mit einem ziemlich ausgefallenen Vornamen auf.

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Eine Familie fliegt von Berlin über Mailand nach Perugia.  Beim Zwischenstopp kommt das Gepäck abhanden. Erst nach einer Woche trifft es am Urlaubsort ein. Wie sich herausstellt, war es irrtümlich von Mailand nach Peru verschickt worden.

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Der Junge ist sieben Jahre alt, als sein Vater stirbt.  Dreizehn Jahre später macht er als junger Mann Urlaub in Südtirol. Zufällig lernt er die Tochter der Hotel-Besitzer kennen.  Sie ist dreizehn Jahre alt und wurde exakt an dem Tag geboren, an dem sein Vater gestorben ist.

Je suis Steffen

Abendland

 

Appell zur Rettung des Abendlands

 

Kommt, retten wir mal das Abendland.

Wir sammeln ab jetzt unser Flaschenpfand.

Je mehr wir trinken, desto mehr Geld

kommt zusammen zur Rettung der westlichen Welt.

 

Zur Rettung von westlichen Werten wie

Diesseitsfreude und Blasphemie,

Herzensbildung und Faulenzerei,

der ewigen Wahrheit: Die Gedanken sind frei.

 

Wir gründen einen Förderverein,

der zahlt auf das Konto von Menschen ein,

die schwermütig sind und inkonsequent,

albern und höflich, verzagt und dezent,

 

übersensibel, hochkonzentriert,

ineffizient, gewinnminimiert,

liebenswürdig, schönheitsfixiert

leicht daneben, schwer kultiviert.

 

Kommt, bleibt noch ein bißchen, ich hol uns noch Bier,

dann trinken und singen und tanzen wir.

Alles andre ist völlig uninteressant,

denn wir retten mal eben das Abendland.

Last Minute-Vorsicht

Kurz vor Weihnachten schenke ich den Lesern, aber auch den Leserinnen dieses Blogs einen wohlmeinenden Rat, der sich aus leidvoll errungener Lebenserfahrung speist:

Vorsicht bei Geschenken auf den letzten Drücker!

Denn: Vor vielen Jahren, ich war noch ein sehr junger Mann, enthielt das Dezember-Heft der ´Titanic´ einen Last-Minute-Geschenk-Tipp zum Ausschneiden:

„Gutschein über einen Geschlechtsverkehr“.

Es handelte sich um ein Fomular, in das der Schenker nur noch den Namen der Beschenkten eintragen mußte. Ich schnitt den Gutschein also aus,  erstellte ein gutes Dutzend Kopien, die ich dann eines alkoholisierten Abends an alle erdenklichen mir bekannten Frauen verschickte. – Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen verzieh mir diesen pubertären Joke gnädig stillschweigend.

Einige Jahre später aber saß ich mit einer Freundin in einem thailändischen Restaurant in Berlin. Wir hatten uns länger nicht gesehen, es gab viel zu erzählen. Irgendwann im Laufe des Abends  hielt sie inne, schaute mir schnurstracks in die Augen  und sagte so freundlich wie bestimmt:

„Du bist mir noch ein Nümmerchen schuldig.“

Es mag Situationen geben, in denen einen eine solche Ansage erfreut. Mich traf sie auf dem völlig falschen, nämlich zunächst verdatterten, dann doch leicht beschämten Fuß. Ende der überstrapazierten Metapher.

Inzwischen denke ich wieder ganz gerne an diese peinvolle Begegnung  mit der eigenen Präpotenz zurück. Ich will auch niemand kategorisch von vergleichbar leichtsinnigen Unternehmungen abhalten. Man sollte nur wissen, was man tut. Bzw. eben nicht, denn Leichtsinn ist ein hohes Gut.

Kurzum: Ich wollte es nur mal erzählt haben. Frohe Weihnachten!

Augen auf und durch!

Für das Leben auf der Erdoberfläche empfiehlt sich als segensreicher Imperativ nicht nur „Dabeisein ist alles!“, sondern auch „Augen auf und durch!“

Wer nämlich immerzu mit verrammelten Sinnen durch den Alltag hektickt, dem entgehen möglicherweise Schönheiten wie diese hier, die  Frau Astrid auf einem Müllcontainer entdeckte:

Container-Löwe

Während es sich oben vielleicht um einen Löwen handelt, spielt das Container-Ornament unten eher ins floral Reliefhafte:

Container-Blume 1

„All this useless beauty!“, möchte man da mit  Elvis Costello ausrufen.

Schlechter Sex

Anfang Dezember wird wieder der  „Bad Sex in Fction Award“ vergeben.  Ausgelobt hat ihn vor mehr als 20 Jahren die britische Zeitschrift ´Literary Review´ für die schlechteste Beschreibung  einer Sex-Szene.  Das sehr vernünftige Anliegen dieses Preises ist dem  früheren Chefredakteur Auberon Waugh  zufolge,

„die Aufmerksamkeit auf die kruden, geschmacklosen, oft nachlässig geschriebenen und redundanten sexuellen Passagen in ansonsten achtbaren zeitgenössischen Romanen zu lenken, um solche künftig zu verhindern“.

Gewonnen haben den „Bad Sex in Fiction Award“ seit 1993 überwiegend Männer, Tom Wolfe zum Beispiel, Norman Mailer – lustigerweise posthum – oder Jonathan Littell, aber auch einige Schriftstellerinnen. In diesem Jahr ist unter anderem der australische Autor Richard Flanagan nominiert. Für seinen Roman „The Narrow Road to the Deep North“ wurde er gerade mit dem renommierten Man Booker Preis prämiert. Die inkriminierte Passage lautet:

„He kissed the slight, rose-coloured trench that remained from her knicker elastic, running around her belly like the equator line circling the world. As they lost themselves in the circumnavigation of each other, there came from nearby shrill shrieks that ended in a deeper howl.“

Ebenfalls auf der Liste der für den „Bad Sex in Fiction Award“ Nominierten ist Haruki Murakami. Qualifiziert hat er sich mit seinem jüngsten Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“, in dem er  meinte behaupten zu müssen, das Schamhaar einer jungen Frau,  mit der der Held Sex hat, sei

„so feucht wie der Regenwald“.

Vorbildlich diskret dagegen der hier schon zwiefach gerühmte Dichter Thomas Kapielski. In seinem Roman „Je dickens, destojewski!“  umgeht er, bzw. der als Erzähler fungierende  sogenannte „Pohle“,  so konsequent wie elegant die Peinlichkeit unbeholfener Darstellung von Sexualität. Bevor es konkret und eben im Zweifelsfall peinlich wird, verpflichtet er sich selbst zu Verschwiegenheit:

„Stopp! Da wir (der Pohle usw.) zur Einsicht in die Sache genug gesagt zu haben meinen, sei der Ausleuchtung weiterer delikater Vorhaben (und vor allem Vollstreckungen) Einhalt erteilt!

Also: Licht aus und kein Wort weiter! (…)

Der Leser kann es sich ausmalen –

Wir aber schweigen fürderhin.“

Ich nun aber notiere  das alles mit leichten bis mittelschweren Schuldgefühlen, denn auch mein kürzlich veröffentlichter Gedichtband enthält ja einige, wenn auch vergleichsweise wenige, leicht bis mittelschwer versaute Texte.  Ob sie in Frage kommen für einen noch ins Leben zu rufenden „Bad Sex in Poetry Award“? Entscheidet einfach selbst:

Ein Leichtes

Nochmal Helge

Bei seinem jüngsten und zumindest vorläufig letztem Gastspiel in Berlin kokettierte Helge Schneider immer wieder mit dem unmittelbar bevorstehenden Ruhestand.  Kurz vor Ende des in seiner Qualität durchaus schwankenden Konzertes richtete er aber dann einen Satz an das Publikum,  für den allein der ganze Abend sich schon gelohnt hätte:

„Ohne euch wäre ich genauso arm geblieben – (Pause) – wie ihr.“

Ich hatte damit gerechnet, daß der Satz nach der kleinen Zäsur enden würde mit „wie vorher“. In der tatsächlichen Form aber handelt es sich um die letztgültige Zusammenfassung des Showbusiness schlechthin, mit der eigentlich jeder wahrhaftige Unterhaltungskünstler ab sofort seine Auftritte beenden sollte:

„Ohne euch wäre ich genauso arm geblieben wie ihr.“