Alle Beiträge von Sankt Neff

Neulich in Kreuzberg (9)

Der französische Philosoph Emil Michel Cioran sagte:

„Jede Art von Hast, sogar zum Guten, offenbart irgendeine geistige Störung.“

Deshalb und sowieso ist es gut und erstrebenswert, möglichst ohne Hast durch die Welt zu gehen. Denn nur wer nicht hastet, sieht, wie neulich in der Marheineke-Markthalle nämlich ich, am Stand des Metzgers eine Wurstfachverkäuferin der anderen von hinten die Schultern massieren. Das rührte mich an und wäre mir entgangen, wäre ich gehastet, mit vorgeschobenem Kopf, der schon wieder beim Nächsten ist.

That´s understatement!

Youtube schlug mir vor, mal wieder ein paar Ausschnitte aus dem großen Live Aid-Konzert von 1985 zu schauen. Ich nahm den Vorschlag an und freute mich angesichts der aus heutiger Sicht unglaublichen Fülle  von großen bis überlebensgroßen Künstlern, die damals nach- oder auch miteinander auftraten, Künstler, deren Größe ich teils erst post mortem erkannte wie im Fall von Freddie Mercury oder George Michael. Damals hielt ich, engstirniger Schnösel der ich war, für zu glatt oder zu poppig oder nicht geerdet genug. Dabei waren sie, nunja: Götter.

Auch gegenüber Phil Collins pflegte ich überwiegend ungerechte Abneigung. Bei besagtem Konzert setzte er sich auf der Bühne des Wembley-Stadions an den Flügel, sang „Against all odds“, verspielte sich süß nach der ersten Strophe, egal, kraftvoll weiter, stieg in die Concorde, flog nach Philadelphia, dem zweiten Ort des Wohltätigkeits-Geschehens, wechselte das Hemd, setzte sich erneut an den Flügel und sang „In the air tonight“, einen Song, den man ohne Schlagzeug eigentlich nicht spielen kann, ohne Schlagzeug.

Bevor er aber sang, sagte Phil Collins:

„This ist the other song I know on the piano.“

That´s understatement!

Fulminant auch die Stelle, an der üblicherweise das Schlagzeug in den Song brettert, der Understatemant-Künstler jetzt aber nur kurz pausiert und ins Publikum schaut. Verehrungswürdig.

Und hier kommen die Links zu beiden Auftritten. Ich kann aber nicht versprechen, daß Ihr sie beim Anschauen noch genauso schön findet, wie Ihr sie Euch gerade lesend vorgestellt habt. Sagt selbst.

(Gemeinsam auf der Bühne mit Phil Collins, zuhörend, Sting und Branford Marsalis.)

*

Schön verlesen (2)

Wenn ich der Werbung auf der Tube glauben darf, bietet  die Zahnpasta bei regelmäßigem Gebrauch  umfassenden

„KARRIERESCHUTZ“.

Kann nicht schaden, denke ich, wenn tüchtiges Zähneputzen Beschäftigte davor bewahrt, „bis zu ihrer Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen“, wie es dem Peter-Prinzip zufolge in jeder Hierarchie fast zwangsläufig geschieht.

Diesen wünschenswerten Karriereschutz aber gibt es in Wirklichkeit gar nicht, denn, Ihr werdet es Euch schon gedacht haben: Ich habe mich verlesen. Die Zahnpasta stellt nur

„KARIESSCHUTZ“

in Aussicht.

Kann ich auch

Wenn es einem die Schönheit der Natur so leicht macht wie hier, mitten im Yosemite-Nationalpark, dann brauche ich nur auf den Auslöser meines popeligen Mobiltelefons zu drücken und das Ergebnis reicht zumindest fast an die ikonischen, allerdings schwarzweißen Kunstwerke von Ansel Adams heran, die an der gleichen Stelle entstanden.

Zwischen Pismo Beach und Santa Barbara

Die vielleicht schönste Autofahrt meines Lebens führte von Pismo Beach nach Santa Barbara: Gleich nach dem Aufstehn gepackt, zu viert ins Auto, ausgestattet mit Kaffee und Croissants und vor allem einer liebevoll kuratierten Playlist rund um Frühstück in Amerika, Californication, kalifornische Hotels, kalifornische Träume, Sonne, Strand und hundert Highways gleiten wir mit maximal 65 Miles per hour durch die Landschaft, die die Musik, tausendmal gehörte Songs, mit komplett neuer Energie auflädt: Frau und Sohn singen gemeinsam mit Bill Withers „Ain´t no sunshine“. Das fünfundzwanzig Mal wiederholte „I know I know I know I know…“  ist eine unerhörte Meisterleistung. Ebenso wie Don McLeans ewigkeitswürdiges Lied „American Pie“, das wie die besten Songs von Meat Loaf gar nicht mehr aufhören will, sondern – man muß fast lachen – immer wieder neu beginnt, ständig das Tempo, die Stimmung, Stimme, Phrasierung verändert. Und auch ich möchte gar nicht mehr ans Ziel kommen mit dieser Musik und diesen Menschen im Auto zwischen Pismo Beach und Santa Barbara.

Zwischen Pepsi und Coca

Da cruist du kreuz und quer durch Kalifonien, von Westen nach Osten und wieder zurück, und stehst deshalb mit deinem vielschluckenden Dodge ständig an der Tankstelle, um dich in diesem Fall hier von zwei amerikanischen Ikonen rahmen zu lassen.  Getrunken aber hast du weder die eine noch die andere, nämlich gar keine Cola.

Liegen lernen (8)

Tochter spielt mit Vater

Tischtennis im Garten.

Ansatzlos springt Kater

auf den Tisch. Sie warten.

 

Kater geht nicht weg,

macht es sich bequem

in dem Sonnenfleck.

Gibt es ein Problem?

Nein, nicht für den Kater,

liebt es halt zu liegen.

Tochter sagt zum Vater:

Werde dich besiegen.

 

Scharf spielt sie, und schnell,

über Netz und Tier,

endet das Duell

einundzwanzig vier.

Knackwurst war sein Leibgericht

Als ich gestern in der ´Süddeutschen´ den Nachruf von Holger Gertz auf Uwe Seeler las, der, wie es sich gehört, die komplette Seite Drei einnahm, mußte ich an Gerd Müller denken. Beide waren outstanding Stürmer, beide vermutlich eher schlichte, gutmütige Gemüter, was sich auch in ihren kulinarischen Vorlieben zeigte. Bei Müller waren es Wurstsalat und der hier schon mehrfach zitierte Marmorkuchen. Und bei Seeler? In seiner Biographie hat er es verraten:

„Ihr esst mir noch die Haare vom Kopf, stöhnte Vater manchmal, wenn er sah, was wir futtern konnten. Glücklicherweise hatte er einen Freund, der eine Schlachterei besaß. Manchmal durfte ich mit Vater zu ihm hingehen. Das war für mich stets ein Fest, denn die Knackwürste des Meisters waren prima. Und Knackwurst war mein Leibgericht.“

Besser als Müller gelang es Seeler, sich allem Ruhm zum Trotz in einem relativ normalen Leben einzurichten. Was auch damit zu tun hatte, daß er nie ins Ausland wechselte, obwohl ihm viel Geld geboten wurde. Hier danke ich Holger Gertz für ein weiteres wunderbares Fundstück aus Seelers Biographie:

„Ein Hase hoppelte über den Weg, in der Ferne gab eine verschlafene Kuh ein gedehntes Muuuh von sich. Alles war so heimatlich, so vertraut so ´zu Hause´, dass es mir schlagartig wie Schuppen von den Augen fiel: Hier gehöre ich hin – und nicht nach Italien!“

Auf Hasen sollst du hören, den Kühen sollst du trauen, denn dann kann dein Leben gelingen. Das ist Uwe Seelers Wegweiser ins Glück.

Dialog im Flur (2)

Vater kommt morgens am Mädchenzimmer vorbei, hört seine Tochter sprechen, versteht sie aber nicht:

„Was hast du gesagt?“

„Ich rede nicht mit dir, Papa.“

Vater geht weiter und Tochter wiederholt:

„Wie warm wird es heute, Google?“

Früher, als ich noch der einzig Allwissende war, hat sie mich das gefragt.

Seltene Momente (3)

Eben wieder so ein seltener Moment: Nachdem schon in den letzten Tagen die Kleingeld-Menge in meinem Portemonnaie erfreulich  überschaubar gewesen war, hatte ich beim Bäcker für zwei Milchhörnchen und zwei Schrippen 2 Euro 80 zu begleichen. Und was soll ich sagen? Genau die hatte ich noch parat. Ich zahlte feierlich. Jetzt befindet sich in meinem Münzfach keinerlei in Deutschland gültiges Kleingeld mehr: nur noch eine Deutsche Mark (Nostalgie), ein Marien-Anhänger (von irgendeiner Reise), eine polnische Münze (obwohl ich ewig nicht in Polen war) und ein Einkaufswagen-Chip der untergegangenen Supermarktkette Kaiser´s, der von mir in Ehren gehalten werden will, allein schon des schönen Signets mit der lachenden Kaffekanne wegen: