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Dich, Kanzi-Apfel,

kannte ich bislang nicht. Das hat sich neulich geändert, denn bei der jüngsten Berlinale – das war noch vor Corona, also kwasi v. C. – tratst Du erstmals als Sponsor in Erscheinung und fielst mir auf mit dem Slogan:

„Wir stillen Deine Lust auf Leben“.

Was ist das für ein Apfel, der ein Filmfestival zu finanzieren hilft, fragte ich mich. Und lernte auf Deiner Seite: daß Kanzi „nicht einfach irgendein Apfel“ ist, sondern ein „erfrischend frecher“ „Premium-“ und „Qualitätsapfel“ „mit Charakter“, „Klasse“ und „saftigem Biss“, dessen „luxuriöse Erscheinung“ „die Aufmerksamkeit sofort auf sich“ zieht und damit „ein Schritt“ ist  auf unser aller Reise, das „Leben voll auszukosten“.

Ich las also dieses unappetitiche Luxus- und Lebensfreude-Simulations-Gequatsche bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich feststellte, daß Du, Kanzi, Dein Werbeversprechen schon eingelöst hast. Meine Lust auf Leben war gründlich gestillt, geradezu im Keim erstickt. Merke: A Kanzi a day keeps the Lebenslust away.

Fast wie früher

Weißt du noch, wie wir uns küßten?

Damals, draußen, öffentlich.

Damals, weißt du, vor Corona

küßte ich dich und du mich.

 

Weißt du noch: wir so im Kino?

Viele Menschen, selber Raum.

Manche, die ihr Popcorn mampften,

nervten manchmal, aber kaum.

 

Weißt du noch: die volle U-Bahn?

Husten, Niesen, böser Blick.

Auch die Stadt war voller Leute,

jung und alt und arm und schick.

 

Weißt du noch, wie wir uns trafen?

Tranken bis zum Morgenrot.

In der Kneipe, vor Corona

und vor dem Kontaktverbot.

 

Weißt du noch: die Dunkelziffer?

War wie immer unbekannt.

Täglich neue Zahlen, Kurven.

Draußen lag ein leeres Land.

 

Weißt du noch, wie wir da standen?

Nur wir zwei auf dem Balkon.

Ja, dort standen wir und sangen,

sangen tapfer Ton um Ton.

 

Weißt du noch, wie dann allmählich

alles wieder möglich war?

Alles: Kneipe, Kino, Küsse.

Fast wie früher. Wunderbar.

Heul doch!

Ich mag das Wort „heulen“. Es hat so was unmittelbar Hemmungsloses, während der Vorgang des Weinens ja eher ein leiser, manchmal auch gehemmter, verdruckster ist. Möglicherweise heißt also das Gegenteil von „lachen“ eher „heulen“ als „weinen“.

Jedenfalls freute ich mich, als ich auch in dem eins weiter unten erwähnten Interview mit Reinhard Mey das Wort „heulen“ las.  Das  Zitat über die Sehnsucht des Sängers nach dem ewigen Leben schickte ich an Chef Christian. Der schrieb prompt zurück:

„Jetzt muß ich auch heulen. Und das am frühen Vormittag.“

Dazu aber konnte ich ihn nur beglückwünschen, denn, das wurde mir schlagartig klar:

„Heulen ist die beste Medizin.“

Für mich soll es das geben

In der aktuellen ´Zeit´ gibt es ein Interview mit Reinhard Mey, dessen Ende mich sehr berührt hat:

ZEIT: Glauben Sie an das ewige Leben?

Reinhard Mey: Ich wünsch es mir. Ich sage es Ihnen – und es kann sein, dass ich gleich anfange zu heulen: Ich würde so gerne unseren Sohn Max wiedersehen, der mit 32 Jahren starb, nach fünf Jahren Wachkoma. Und das geht nur mit dem ewigen Leben. Ich kann es mir jetzt schwer vorstellen, aber ich möchte da hinauf zu ihm. Und auch wenn es das vielleicht nicht gibt, diese Vorstellung hilft mir, damit fertig zu werden. Für mich soll es das geben.

Vielleicht ist das der Kern vieler großen Fragen und mancher letzten Dinge: Sie lassen sich nicht objektiv und allgemeingültig beantworten.  Gibt es ein Leben nach dem Tod? Wem es hilft, daran zu glauben, der sollte das tun. Sollte daran glauben. Darf darauf hoffen. Für den soll es das geben.

Der Schriftsteller Julian Barnes hat vor einigen Jahren ein Buch über den Tod geschrieben.  Es heißt „Nichts, was man fürchten müsste“ und beginnt mit dem großartigen Satz:

„Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.“

Der Mensch ist eben nicht nur ein rationales, sondern auch ein mitunter hilfloses, trostbedürftiges und sinnsuchendes Wesen. Und deswegen glaube auch ich Johnny Cash immer aufs Wort, wenn er singt:

„We´ll meet again.“

Weil ich will,  daß es so ist.

Test

Auf der Suche nach einem Antidepressivum stieß ich gestern Abend auf dieses Video hier. Versucht mal, es anzuschauen und  dabei 1. nicht zu grinsen und 2. nicht ein bißchen zu weinen angesichts von so viel Seele und Begabung:

Ich habe den Test auch beim zweiten und dritten Anschauen nicht bestanden.

Was schön ist (10)

Da bist du ganz allein in einem leeren Haus fern der aufgeregten Stadt und maximal reduziert: Ein Mobiltelefon auf der Fensterbank , aus dem Johnny Cash singt „Jesus, I Don´t Wanna Die Alone“.  Und in der Hand einen Spachtel, mit dessen Hilfe du mehrere Lagen alter Tapete abreißt. Du trittst einen Schritt zurück und stellst fest, daß sich unversehens ein Elefant im Raum befindet:

Vielleicht war er auch schon die ganze Zeit da. Nur daß du es nicht wußtest.

Lieder mit guten Titeln

„Es Ist Still Auf Dem Rastplatz Krachgarten“

(Gisbert zu Knyphausen)

„24.000 Baci“

(Adriano Celentano)

„The Milkman Of Human Kindness“

(Billy Bragg)

„Er Sieht Sie An Während Sie Ihn Ansieht Und Er Sieht Zur Tür“

(Fink)

„Is She Really Going Out With Him?“

(Joe Jackson)

„In Den Schuhen Von Audrey Hephurn“

(Erdmöbel)

The Girls In My Life (Part 1)“

(Randy Newman)

„Lied Gegen Die Schwerkraft“

(PeterLicht)

„All This Useless Beauty“

(Elvis Costello)

„Da Humm“

(Helge Schneider)

Wer zum Teufel ist Sankt Neff? (9)

„Heiliger m. (angeblicher Heiliger; sprichwörtlich für einen dummen, ungeschickten, faulen Menschen): Neff, Sankt Neff, du bist e Kerle wie d´Sankt Neff, dem hant d´Spatze in´s Füdle baut; wie d´Sankt Neff, wo d´Finger im Arsch abbroche hat; wie d´Sankt Neff, der ist seiner Mutter hinter´m Ofen verfroren.“

(Hermann Fischer und Hermann Taigel, „Schwäbisches Handwörterbuch“)

An Karneval einfach mal ausgelassen sein:

Den Titel dieses Eintrags und das Foto samt folgender punktgenauer Exegese verdanke ich Freund Michael aus Köln:

„Ich saß den beiden Weiberfastnacht auf dem Weg in die Stadt in der 18 gegenüber. Ein sehr diszipliniertes und erfahrenes Feierpaar, auch wenn man ihnen die Mühen der jecken Jahre ansieht.“

P.S. Michael bittet mich um die Ergänzung, daß das Foto nur für hier gedacht ist und nicht über andere Plattformen verbreitet werden soll.