Morgens auf dem Weg zur Arbeit in die Frühlings-Sonne sehen zu dürfen, die achsentreu knapp über der Hagelberger Straße steht,
dann noch auf einen Americano gehen zu dürfen in die „Bar Italia“ und entsprechend aufgetankt mit Licht und Koffein dem langen Tag frisch entgegenzuschreiten.
P.S. für Harry Rowohlt
Harry Rowohlt liebte Postscripta. Deswegen schicke ich seinem gestrigen 80. Geburtstag als P.S. eine der vielen gewitzten Sentenzen hinterher, für die er – neben seinen Übersetzungen und Hörbüchern – in Erinnerung bleibt:
„Ich habe immer ungeheuer Dusel gehabt. Ich glaube, bei uns Atheisten strengt sich Gott mehr an. Muß er ja auch.“
Diese drei Sätze haben es in sich, denn sie setzen die Logik lakonisch und komisch außer Kraft. Der Atheist, der nicht an Gott glaubt, glaubt, daß Gott sich bei ihm besonders viel Mühe gibt. Und das aus dem Munde eines Mannes, der stimmlich wie physiognomisch noch dazu nahezu gottähnlich war.
(Das Foto stammt aus dem prachtvollen Sammelband „365 Portraits“ von Sepp Dreissinger, Album-Verlag.)
Raus aus der Schreibblockade
Hannegret Biesenbaum, Leserin dieses Blogs, hat mir einen Vierzeiler geschickt, der sich auf kleinem Raum des großen Themas Schreibblockade annimmt:
„Eigentlich möchte ich schreiben,
Wenigstens ein paar Zeilen.
Aber mir fällt nichts ein,
drum lasse ich’s sein.“
Am heutigen „Welttag der Poesie“ antworte ich ihr mit einem Ausweg aus der Schreibblockade, den ich für mich gefunden und so formuliert habe:
„Ich weiß nicht, was ich schreiben soll,
mir fehlen auch die Worte.
Ich brauch ein Stimulans – jawoll!:
Losigkeiten
Das sind die drei Zeichen unserer Zeit:
die Lieb-,
die Geist-,
die Rücksichtslosigkeit.
Ohne Rücksicht auf existentielle Nöte wird dem Besitzer des Ladens für Bilder und Bilderrahmen in der Bergmannstraße die Miete so drastisch erhöht, daß er aufgeben muß.
Vormals ein Ort mit Geist und Seele steht das Geschäft jetzt seit Monaten geistlos gähnend leer.
Falls es überhaupt absehbar wieder vermietet wird, dann vermutlich an lieblose Gastronomie von der Stange.
Die letzte Ziffer von Pi
Das Auto von Chuck Norris braucht kein Benzin. Es fährt aus Respekt.
Solcherart Witze flogen zwischen Jakob, mir und meinen Kindern hin und her. Das Söhnchen erfand dann selbst einen:
Nicht die Hoffnung stirbt zuletzt, sondern Chuck Norris.
Morgendlicher Dialog (3)
Vater öffnet morgens noch kurz die Tür zum Zimmer der Tochter, die heute erst zur dritten Stunde hat und deshalb länger schlafen darf, wirft ihr einen leisen Abschiedsgruß zu und bekommt von schlafumflorter Stimme zu hören:
„Bis der Schnatz kommt.“
Er versteht, natürlich, nicht recht, fragt deshalb nach:
„Was hast du gesagt?“
Sie antwortet wortgleich:
„Bis der Schnatz kommt.“
Er nimmt dieses Rätsel mit in den Tag, erzählt beim Mittagessen den Kollegen davon – und erfährt, daß es in Harry Potters Welt einen „goldenen Schnatz“ gibt.
Abends dann spricht der Vater die Tochter drauf an. Ja, den goldenen Schnatz kenne sie natürlich, nein, an den morgendlichen Dialog könne sie sich nullkommanull erinnern.
Schillers Fernbedienungen
Das bisschen Liebe
Das Herz ist mir bedrückt, und sehnlich
Gedenke ich der alten Zeit;
Die Welt war damals noch so wöhnlich,
Und ruhig lebten hin die Leut’.
Doch jetzt ist alles wie verschoben,
Das ist ein Drängen! eine Not!
Gestorben ist der Herrgott oben,
Und unten ist der Teufel tot.
Und alles schaut so grämlich trübe,
So krausverwirrt und morsch und kalt,
Und wäre nicht das bißchen Liebe,
So gäb’ es nirgends einen Halt.
Tolles Gedicht, oder? Nicht von mir, obwohl ich es gern geschrieben hätte, sondern von Heinrich Heine. Es stammt aus dem „Buch der Lieder“ und erschien vor 198 Jahren.
Die Verzweiflung angesichts einer immer unwohnlicher werdenden Welt wirkt sehr heutig. Tröstlich zu wissen, daß sich schon in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts zumindest manche Menschen so gefühlt haben. Tröstlich auch zu wissen, daß die Welt dann trotzdem noch ein Weilchen weiterging, mal mehr, mal weniger wohnlich, zwischenzeitlich unbewohnbar.
Alles und nichts und etwas und gar nichts
Aphorismen können nerven. Viele von ihnen sind inzwischen ganz schön abgenudelt und dementsprechend überraschungsarm, wie dieser hier von Oscar Wilde:
„Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht.“
Jetzt aber fand ich mal wieder ein Exemplar, das mich begeisterte:
„Nichts ist besser als gar nichts.“
Stammt von Herbert Achternbusch, klingt erstmal harmlos, hat es aber in sich.
Was wollen, was können uns diese sechs Wörter sagen?
Zum einen:
Nichts ist weniger nichts als gar nichts. Deshalb ist nichts besser als gar nichts. Und wer nichts hat, ist besser dran als der, der gar nichts hat.
Aber auch:
Gar nichts ist die ultimative Steigerung von nichts und deshalb das absolute Nonplusultra. Nichts ist besser. Nichts ist so gut wie gar nichts. Gar nichts ist nicht zu toppen, weil noch mehr nichts als einfach nur nichts. Wenn man nichts gut findet, ist gar nichts noch besser.
Sechs Wörter also, über die man sehr lange nachdenken, in deren Sinn und Logik man sich tüchtig verheddern kann. Was klingt wie Unsinn, entpuppt sich als Denksportaufgabe, als intellektueller Kurztrip ins große Nichts.
Und erinnerte mich an eine Strophe aus dem genialen Song „Räumliche Distanz“ von Funny van Dannen:
„Was ist das Gegenteil von nichts? hab ich dich einmal gefragt
Ist es etwas oder alles? Küß mich, hast du gesagt“
Genau. So soll es sein: Küssen als Ausweg aus allzu großer Verkopftheit.
Das ganze Album „Herzscheiße“ übrigens ein einziges Meisterwerk.
Wiedersehen mit Rehen
Will noch eine Runde drehen,
Ausschau halten nach den Rehen.
Hab sie lange nicht gesehen.
Wähl für meine kleine Runde
deshalb auch die blaue Stunde,
geh zum Waldrand und erkunde,
ob sie heute wie erbeten
und zur Freude des Poeten
vorsichtig das Feld betreten.
Und nach einer kleinen Weile
zeigen in der nächsten Zeile
sich zwei Rehe ohne Eile,
grüßen kurz in meine Richtung,
laufen dann in Richtung Lichtung
und verlassen dort die Dichtung.
**************************************************************************
Und hier als Bonus-Material für die treuen Leserinnen und Leser meines Blogs noch zwei Alternativen zur vorletzten Strophe:
1.
Und tatsächlich: Zehn Minuten
später stehn da zwei der guten
und grazilen Zuckerschnuten,
2.
Und nach gar nicht langem Warten
zeigen sich auch zwei der zarten
Wesen, die den Waldlauf starten,



