Wer Freude an Slapstick hat, der oder dem sei nicht nur das jüngste Weihnachts-Video der Band „Erdmöbel“ (s.u.) empfohlen, sondern auch ein Auftritt des komischen Schauspielers Jim Carrey bei David Letterman im Dezember 1999. Das Video ist nicht von bester Qualität, aber dennoch ein großartiges Dokument. Nach etwa 6´30 fragt Letterman Jim Carrey, wie er das Millenniums-Silvester zu verbringen gedenke. Und dann gibt der Komiker einen furiosen Einblick in seine Pläne:
Mein Lieblingserlöser
Vor einer Woche ist F.W. Bernstein gestorben. Sein Tod führte zu einem raren Moment in der deutschen Fernsehgeschichte. Um 20h13 nämlich sprach die von mir verehrte ´Tagesschau´-Sprecherin Susanne Daubner den denkwürdigen Satz:
„Bekannt wurde sein Zweizeiler
´Die schärfsten Kritiker der Elche
waren früher selber welche.´“
Und Frau Daubner sprach das mit geschmackvoll gesetzter Zäsur vor „selber welche“:
F.W. Bernstein in der ´Tagesschau´
Bernstein gelang also ein seltenes Kunststück:
Helligkeit und Schnelligkeit
mal zur besten Sendezeit.
Zeit seines Lebens war er ein kraftvoller Lober.
Jetzt wo er tot ist, kann ich offen reden:
Er rühmte nie sich selbst, doch sonst fast jeden.
Dieser hochgewachsene, große Mann war schon fast kriminell bescheiden. Seine Augen, so nahm ich es wahr, strahlten stets den wärmenden Glanz des Unernstes (odersoähnlich) ab. Ihm zu Ehren hier die Umarbeitung eines seiner Gedichte:
Mein Lieblingserlöser
Die Welt wird immer böser.
Ich brauche siebzehn Erlöser,
und einer davon, juchhe!,
ist und bleibt FWB.
Im Reich der blitzenden Witze
sitzt er auf turmhoher Spitze:
Weigles Fritze.
Kommt die Welt auch auf kein grünes Zweigle
– immerhin gab es einmal Fritz Weigle.
Dem Bernstein sein Schimmer
bleibt uns für immer.
Sie nannten ihn Putte
Die Band „Erdmöbel“ hat wieder ein Weihnachts-Video veröffentlicht. Es gefällt mir sehr. Insbesondere:
– das Second-Hand- Lacoste-Hemd des Sängers Markus Berges
– daß das Video in einem unglamourösen Gemeindesaal gedreht wurde
– das festliche, komische, erhebende Lied mit dem wundervollen Titel „Sie nannten ihn Putte“
– der Chor, der mir wie viele Chöre zumindest für einige Minuten den Glauben an die Menschheit zurückgibt
– die Slapstick-Einlagen des Dirigenten-Darstellers Sebastian Rüger
Kurzum: ein Geschenk, das ich mit Euch, der Gemeinde des Heiligen Neff, teilen möchte:
Lob der Realität (2)
Wie wohlgestaltet die Wirklichkeit gelegentlich sein kann:
Ich liege auf dem Sofa und lese in dem Buch „Tausend deutsche Diskotheken“ von Michel Decar. Der Erzähler, ein Privatdetektiv, bespricht mit einem Mitarbeiter eine Recherchereise durchs Rheinland und will ihn in Bonn absetzen (S. 117):
„Du kennst doch bestimmt irgendwen an der Friedrich-Wilhelms-Universität, bei dem du ein paar Tage auf der Couch pennen kannst, oder nicht?“
Ich lese das, und bemerke, daß ich ein T-Shirt mit der Aufschrift „Friedrich-Wilhelms-Universtität Bonn“ trage.
So hängt alles mit allem – nicht zufällig, sondern wunderlich – zusammen.
Lob der Realität
Wie wohlgestaltet die Wirklichkeit gelegentlich sein kann:
In der Kantine kaufe ich mir eine Flasche Wasser und einen Kaffee für insgesamt 2 Euro 78. Auf die Schale neben der Kasse lege ich, ohne Vorsatz, eher schlafwandlerisch
eine 2 Euro-Münze
eine 50 Cent-Münze
eine 20 Cent-Münze
eine 5 Cent-Münze
eine 2 Cent-Münze
eine 1 Cent-Münze
Fast alle Münzen, die es gibt: schön der Größe und dem Wert nach geordnet. Ob es dem Kassierer aufgefallen ist?
Immer niemals nie
Gestern auf dem Bildschirm in der U 7 die Meldung, die Schauspielerin Jessica Ginkel schließe eine Rückkehr in die Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ nicht aus. Ihre niederschmetternde Begründung:
„Ich sage immer: Sag niemals nie.“
Ich aber sage ihr und Dir:
„Sag niemals nie: Ich sage immer.“
Gedicht für Kurt Scheel
Kalter Abend im November
Es war ein kalter Abend im November.
Ich lief leicht fröstelnd durch Charlottenburg
und mußte eine Stunde überbrücken.
So suchte ich das Warme und ich fand es
in einem angesagten Restaurant.
Bestellte Hühnersuppe,
bestellte Ingwertee
bei einer furchteinflößend schönen Kellnerin.
Die furchteinflößend schöne Kellnerin,
sie brachte Ingwertee und Hühnersuppe,
in der ein hartgekochtes Ei schwamm,
geteilt in zwei Hälften.
Es schmeckte sehr gut.
Ich aß Hühnersuppe und trank Ingwertee
und schaute
der furchteinflößend schönen Kellnerin
bei ihrer Arbeit zu.
Von der Kantstraße zur Bleibtreu.
Dort unter der Brücke
lag im Dunkeln
ein Mann im Schlafsack,
bäuchlings,
aufgestützt,
vor sich ein Buch.
Er las im Schein einer Taschenlampe.
Ich ließ ihn links liegen.
Dann kam ich zum Kino.
Der Mann,
mit dem ich verabredet war,
stand schon da.
Er schenkte mir ein Buch, das er doppelt hatte:
Gedichte von William Carlos Williams.
Der Umschlag leuchtete orange.
Wir setzten uns rein, der Film begann.
Es ging um einen Busfahrer, der Bus fährt
in Paterson, New Jersey.
Und der Gedichte schreibt
in Paterson, New Jersey.
Morgens geht er zur Arbeit,
zu einem großen Depot,
und holt seinen Bus ab.
Er lenkt ihn aus der Garage
und fährt auf die Straßen
von Paterson, New Jersey.
Es tut gut, ihm dabei zuzusehn.
Seine Frau backt immerzu Kuchen.
Und er geht abends immer mit dem Hund.
Leint ihn an,
trinkt ein Bier
in einer Bar,
geht zurück,
zieht sich aus,
legt sich ins Bett
und schmiegt sich an
seine wirklich ziemlich liebenswerte Frau.
Eines Tages, in diesem Film
von, Ihr wißt schon, Jim Jarmusch,
zerfetzt der Hund das Notizbuch
und alle Gedichte
des Busfahrers.
Sie sind jetzt unlesbar.
Der Busfahrer ist traurig.
Er geht spazieren,
ohne den Hund,
und setzt sich auf eine Bank.
Dann kommt ein Mann aus Japan.
Der Mann aus Japan spricht den Busfahrer an.
Die beiden reden über William Carlos Williams.
Dann fragt der Mann aus Japan:
Sind sie auch ein Dichter aus Patelson, New Jelsey?
Und der Busfahrer sagt
nach kurzer Bedenkzeit:
Nein, ich bin nur der Busfahrer.
Der Film war aus.
Wir verließen das Kino,
gingen auf die andere Straßenseite
in eine Kneipe
und tranken noch Bier.
Der Mann, mit dem ich Bier trank, sagte:
Das war doch Ihr Film.
Sie sind doch auch Dichter.
Er sagte das mit einem Lächeln.
Ich lächelte auch
und erwiderte dann,
nach kurzer Bedenkzeit:
Nein, ich bin nur der Busfahrer.
Wir trennten uns
und ich ging zurück
unter der Brücke
an der Bleibtreu entlang.
Der Mann mit der Taschenlampe
war eingeschlafen.
Trost von Thoreau und Sankt Neff
In Maggie Nelsons Buch „Bluets“ (S. 37) stieß ich auf ein Zitat von Henry David Thoreau, das mir gefiel:
„Warum sollte ich mich einsam fühlen? Ist unser Planet nicht in der Milchstraße?“
Es gefiel mir an sich, aber auch, weil es mich an ein ähnlich gelagertes Gedicht von Sankt Neff erinnerte:
Ein kleiner Trost, mehr nicht:
Im Weltall brennt noch Licht.
Neulich in Kreuzberg (2)
Neulich in Andalusien (2)
Stolz bin ich, weil mich der Kellner
nach dem morgendlichen Kaffee
und dem ordentlichen Trinkgeld
dankend „Caballero“ nennt.
So stolziere ich, ganz Ritter,
aus der Kaffee-Bar zum Auto,
zünde meine Pferdestärken,
fahre würdig durch die Stadt.
Bis zu einem Zebrastreifen,
wo ich jungen Reiterinnen
großzügig den Vortritt lasse,
Caballero, der ich bin.

